Jesuiten 2026-2 (Deutschland-Ausgabe)

P. Felix Körner SJ ist Islamwissenschaftler und gilt als Kenner der türkisch-islamischen Theologie. An der Humboldt-Universität zu Berlin hat der Theologieprofessor den Nikolaus-­ Cusanus-Lehrstuhl für Theologie der Religionen inne. 2022 wurde er zum Erzbischöflichen Beauftragten für den Dialog mit dem Islam und zum Mitglied des Vorstandes der Kommission für den interreligiösen Dialog des Erzbistums Berlin ernannt. den haben, auch an unserem eigenen Glauben. Deshalb müssen wir gelegentlich einfach nochmals nachdenken, nachforschen oder bei Fachleuten nachfragen. Ein echter Dialog ist keine einmalige Begegnung, sondern ein Prozess, in dem man immer neu lernen und sich erneut treffen kann. Schließlich gehört zu den Limitationen auch, dass wir mitunter etwas falsch verstehen oder falsch darstellen oder uns falsch verhalten. Manchmal können wir nur um Verzeihung bitten und hoffen, dass wir weder unser Gegenüber noch das ganze Dialoggeschehen dauerhaft verletzt haben. Schranken Wenn das interreligiöse Gespräch ein wirklich theologischer Dialog werden soll, ist die erste Grenze, die wir zu achten haben, die unserer eigenen Gemeinschaft. Wir sollten nämlich dazu bereit sein, von anderen als Zeugen einer bestimmten Tradition wahrgenommen zu werden: als Vertreterinnen unserer Glaubensgemeinschaft. Papst Franziskus hat das einmal „die Pflicht zur Identität und den Mut zum Anderssein“ genannt. Deshalb sollte man sich nach Kräften bemühen, den eigenen Glauben getreu darzustellen. Und es gibt bleibende Unterschiede. Die hindern uns zwar nicht daran, gemeinsam zu handeln und die Zukunft zu gestalten; aber wenn wir Unterschiede verwischen, verletzen wir die Grenzen unserer eigenen Glaubensgemeinschaft. – Zu den Grenzen, die wir achten müssen, gehört jedoch auch, dass sich meine Gesprächspartnerin vielleicht in einer ganz anderen Situation befindet als ich selbst: Besteht eine unfaire Ungleichheit zwischen uns? Beispielsweise im Rechtsstatus, in der Freiheit, in der Ausdrucksfähigkeit, in der Verletzlichkeit oder auch der Verwurzelung im Glauben? Achten wir solche Grenzen, dann kann man durchaus versuchen, die Gesprächspartnerin von der Wahrheit des eigenen Glaubens zu überzeugen. Das macht Religionsgespräche besonders interessant. Nur – wenn die andere Person sich nicht überzeugen lässt, muss unsere Beziehung erst recht ungetrübt und offen weitergehen. Denn auch das erfordert unsere Achtung. Horizonte Bei aller Treue zur eigenen Tradition kommen wir im Religionsdialog aber auch an Grenzen, bei denen es nicht mehr ausreicht, die alten Formeln zu wiederholen. Ein Beispiel: Es heißt, ein Hauptunterschied zwischen christlichem und islamischem Glauben sei das Bekenntnis zu Christus, dem Sohn Gottes. Unsere Gesprächspartner heute sind aber immer häufiger gebildete Muttersprachler, die den christlichen Glauben gut genug kennen, um zu wissen: Christlicherseits glaubt man auch nicht, dass Jesus von einem himmlischen Elternpaar biologisch gezeugt wurde. Dass er der Gottessohn ist, besagt vielmehr seine einzigartige Gottesnähe. Inzwischen aber haken Muslime hierzulande nach. Sie können sagen: „Dann besteht ja doch kein Unterschied! Denn der Koran sagt ja ebenfalls, dass Jesus der Messias ist, Gottes Wort und Geist von ihm. Was ist das anderes als einzigartige Gottesnähe?“ Hier sind wir an einer Grenze, die uns ins Neuland hinausruft. Ich antworte nun: „Wir Christen bekennen damit aber: Jesus ist die entscheidende Geschichtswende.“ Das ist wohl eine zugleich neue, getreue und den Unterschied benennende Formel. Aber damit sind natürlich nicht alle Fragen beantwortet. Denn jetzt heißt es etwa: „Warum hat Gott diese Wende erst so spät geschickt?“ Der Dialog geht eben auch morgen weiter. Da hat er keine Grenze. Portrait: © SJ-Bild; Foto: © Anne Andrei 19 SCHWERPUNKT

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