Wenn die Kirche keine Mauer ist Vom CERN zum Vatikan: P. Pavel Gabor SJ stellt dar, warum Glaube keine Ideologie, sondern eine Haltung des Vertrauens ist – und alle Grenzen zwischen innen und außen sprengt. Eine Grenze trennt das Innere vom Äußeren. Das macht eine Grenze zu dem, was sie ist. Im Falle der Kirche funktioniert dieses Bild jedoch nicht besonders gut. Vielleicht sind die Gläubigen die Kirche. Umgekehrt wären die Menschen ohne Glauben „außerhalb“ der Kirche. Als Student der Teilchenphysik am CERN (Europäisches Laboratorium für Teilchenphysik in Genf, Schweiz) empfand ich die Menschen dort als freundlich. Besonders beeindruckt war ich davon, wie großzügig erfahrene Forscher den jüngeren ihre Zeit widmeten und wie viel Zeit für gemeinsame Projekte aufgewendet wurde. Ich erlebte, dass das stereotype Bild eines isoliert arbeitenden Wissenschaftlers oder einer wissenschaftlichen Gemeinschaft als wettbewerbsorientiertes Umfeld, in dem Zusammenarbeit an zweiter Stelle (oder noch weiter hinten) steht, falsch war. Zumindest unter Teilchenphysikern, und später fiel mir dies auch bei Astrophysikern auf. Es gibt immer einige, die Forschung als Nullsummenspiel betrachten, bei dem um endliche Ressourcen konkurriert wird. Die kritische Masse ist sich jedoch sehr bewusst, wie unermesslich das Universum ist und dass es einen grenzenlosen Forschungsspielraum gibt, der nur dann erschlossen werden kann, wenn wir als Gemeinschaft zusammenarbeiten, die denselben Sinn für Ehrfurcht und dieselbe Leidenschaft für die Wissenschaft teilt. Viele Menschen meinen, Glauben zu haben bedeute, kritisches Denken aufzugeben. Der Glaube ist kein Glaubenssystem, keine ideologische oder intellektuelle Haltung. Der Glaube ist eine theologische Tugend, die wir als freies Geschenk von Gott erhalten und die wir entwickeln müssen (so wie wir unseren Körper erhalten und ihn durch Training entwickeln und fit halten müssen). Was ermöglicht uns diese Tugend, das wir ohne sie nicht tun könnten? Der Glaube ist die Tugend, die es uns ermöglicht, morgens aufzustehen und uns dem Tag zu stellen, weil wir darauf vertrauen, dass der Tag ein Geschenk ist, dass die Welt und unsere Mitmenschen trotz ihrer Fehler im Grunde gut sind. Es ist eine existenzielle Haltung der Dankbarkeit und Großzügigkeit, die eng mit Hoffnung und Nächstenliebe verbunden ist. Der Glaube bringt uns keineswegs dazu, dumme Ideen unkritisch, „auf Glauben hin“ zu akzeptieren. Menschen, die sich selbst nicht als religiös betrachten und organisierte Religion ablehnen, haben oft Glauben in diesem Sinne des Wortes, d. h. als theologische Tugend. Und umgekehrt kann dieser Glaube in den Herzen einiger regelmäßiger Kirchgänger fehlen. Kehren wir zum Bild der Grenzen zurück. Der heilige Augustinus (De civitate Dei, XI, 1) schreibt, dass die beiden Städte, die himmlische und die irdische, „in dieser gegenwärtigen Welt vermischt und gleichsam miteinander verflochten“ sind, nach Gottes Plan. Da ich an der Vatikanischen Sternwarte arbeite, befinde ich mich vielleicht an den Grenzen der institutionellen Kirche, aber das lässt mich vielleicht klarer sehen, frei von „kirchlichen“ Äußerlichkeiten, wie Gott in den Herzen der Menschen gegenwärtig und wirksam ist. P. Pavel Gabor SJ ist seit 2012 stellvertretender Direktor der Forschungsgruppe des Vatikanischen Observatoriums in Tucson. Sein Forschungsbereich sind die Instrumentierung und extrasolare Planeten. Portrait: © Vatican Observatory 20 SCHWERPUNKT
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