Jesuiten 2026-2 (Deutschland-Ausgabe)

An die Grenzen gesandt – mitten im Alltag „An die Grenzen gesandt sein“ – so beschreibt die Gesellschaft Jesu ihren Auftrag (35. Generalkongregation, Dekret 3). Das klingt nach fernen Missionen und heldenhaften Einsätzen weniger Auserwählter. Doch bei näherem Hinsehen liegen viele Grenzen näher – mitten im Alltag. Und an sie sind wir alle gesandt. Grenzlinien erkennen Eine Grenze trennt: drinnen von draußen, Zugehörige von Fremden. Ich erinnere mich an einen Sommertag in Valencia. Aus dem Fenster eines Bürohochhauses blickte ich in zwei Richtungen. Im Norden lag ein verwilderter Park, in dem Obdachlose auf Bänken schliefen. Im Osten ein Tennisclub, wo Kellner Getränke auf den frisch geharkten Platz brachten. Dazwischen eine Mauer – hoch genug, sodass die Clubmitglieder die andere Seite ausblenden konnten. Solche Mauern stehen überall. Viele sind unsichtbar. Wer beruflich erfolgreich ist, bewegt sich oft in Kreisen, die sich nach unten fast unmerklich abschotten. Wir begegnen nur Menschen, die ähnlich denken, ähnlich verdienen, ähnliche Sorgen haben. Die Grenze zeigt sich nicht an Ziegeln oder Beton, sondern daran, wessen Probleme wir wahrnehmen – und wessen nicht. Der erste Schritt an die Grenzen ist kein großer Aufbruch. Er beginnt mit dem Hinschauen. Wer gehört zum Kreis unserer Kolleginnen und Kollegen, zu unserem Sportverein, zu unserer Kirchengemeinde? Wer bleibt draußen – und warum? Die innere Grenze weiten Eine weitere Grenze liegt in uns selbst. Sie verläuft zwischen dem, was uns an Jesus anzieht, und dem, was uns abstößt. Jesus wählte Verwundbarkeit statt Sicherheit, Solidarität statt Karriere. Er suchte nicht den Beifall der Mächtigen, sondern die Freundschaft der Übersehenen. Ihnen begegnete er beim Essen, im Gespräch, auf der Straße. Das berührt. Und es befremdet. In einer Welt, in der wir um unseren Platz kämpfen, wirkt Jesu Lebensweise wie eine Einladung ins Abseits. Die innere Grenze fällt nicht auf einmal. Wir weiten sie Stück für Stück: Mehr an Jesus zieht uns an, weniger stößt uns ab. Das geschieht, wenn wir uns verunsichern lassen – durch ein Wort Jesu, durch ein Gespräch mit jemandem, der ganz anders lebt als wir, oder durch die Frage, ob der nächste Karriereschritt wirklich das Wichtigste ist. Brücken bauen Jesus überwand Grenzen – politische, religiöse, soziale. Er baute Brücken zwischen Menschen, die sich mieden. In seinem Geist können wir Geistlicher Impuls 22 GEISTLICHER IMPULS

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