Jesuiten 2026-2 (Deutschland-Ausgabe)

Grenzen anders sehen: nicht als Trennlinien, sondern als Orte der Begegnung. Als Räume, in denen Verbindung entsteht, sobald jemand den ersten Schritt wagt. Konkret heißt das: Wir sorgen dafür, dass die Veranstaltungen unserer Kirchengemeinde Menschen aus verschiedenen Lebenswelten ansprechen: vom Azubi bis zur Rentnerin, vom Geflüchteten bis zum Vereinsvorsitzenden. Im Beruf hinterfragen wir, welche Folgen unsere Arbeit für Menschen hat, die wir nie zu Gesicht bekommen. In der Mannschaft dulden wir den neuen Mitspieler Ahmad nicht nur, sondern laden ihn auch ein. Wir achten darauf, die osteuropäische Pflegekraft im Haus unserer Eltern fair zu behandeln – mit Vertrag, Pausen, freien Wochenenden und pünktlicher Bezahlung. In der Kantine, im Klassenchat der Kinder, im Bus – überall können wir Brücken bauen zu denen, die nicht zu unserem Kreis gehören. Die Gesellschaft Jesu nennt das „Dienst der Versöhnung“: Wir gestalten unsere Beziehungen täglich gerechter. Spannungen aushalten Wer so lebt, eckt an. Wer auf der Arbeit ethische Fragen stellt, gilt als Störenfried. Wer auf die Not Geflüchteter hinweist, hört: „Wir müssen uns zuerst um unsere eigenen Leute kümmern.“ Das Leben an den Grenzen verlangt, Spannungen auszuhalten: zwischen dem, was andere von uns erwarten, und dem, was wir für richtig halten. Zwischen dem Wunsch, dazuzugehören, und dem Mut, unbequem zu sein. Zwischen dem Machbaren und dem Nötigen. Um Spannungen auszuhalten, brauchen wir Profil, aber auch Nähe. Wer nur anders ist, erreicht niemanden. Wer sich nur anpasst, hat nichts zu geben. Wir überwinden Grenzen nur mit Zusammenhalt – und mit Reibung. Ohne das eine bleibt bloß kalter Frieden, ohne das andere droht Spaltung. Wer an Grenzen lebt, erfährt täglich, dass die Dinge nicht so werden, wie sie sein sollten. Darauf können wir mit Zynismus reagieren. Oder wir stellen uns der Realität, ohne vor ihr zu kapitulieren. Am Montagmorgen „An die Grenzen gesandt sein“ erfordert keine Heldentaten. Es lädt ein, täglich in kleinen Schritten eine neue Haltung einzuüben: wach bleiben für das, was an den Rändern geschieht. Sich dort einbringen, wo kein Lob winkt. Und darauf vertrauen, dass unser Tun zählt – auch ohne sichtbaren Erfolg. Das beginnt nicht in fernen Ländern. Das beginnt am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit. Wenn wir entscheiden, welche Grenze wir heute wahrnehmen – und welche wir überwinden wollen. P. Jan Korditschke SJ war in der Exerzitienarbeit sowie als theologischer Referent tätig. Seit 2023 arbeitet er für den JesuitenFlüchtlingsdienst (Jesuit Refugee Service – JRS). Im Sommer 2024 wurde er zum Diözesanflüchtlingsseelsorger des Erzbistums Berlin ernannt. Portrait: © SJ-Bild, Foto © Martina Schneider 23

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