Jesuiten 2026-2 (Deutschland-Ausgabe)

Glaubens bewahren, fördern und stärken. Es ist gut nachvollziehbar, dass der Papst den Jesuitenorden aufruft, ihn bei diesem Anliegen nach Kräften zu unterstützen, und zwar besonders an den Grenzen, wo Personen, Positionen, Pole und Polarisierungen aufeinandertreffen. In seiner Ansprache betonte Leo XIV., dass wir in einer Zeit leben, in der sich alles rasant verändert: Künstliche Intelligenz stellt unser Verständnis von Arbeit und Identität auf den Kopf, politische Spannungen spalten Gesellschaften und ökologische Krisen bedrohen unseren Planeten. Viele Menschen fühlen sich verloren zwischen Leistungsdruck, Konsum und Gleichgültigkeit. Genau in diese Welt hinein sendet Christus seine Jünger – nicht in sichere Komfortzonen, sondern an die Grenzen. Die Jesuiten stehen seit der Ordensgründung für die Bereitschaft und den Mut, dorthin zu gehen, wo es unbequem oder sogar gefährlich werden kann. Wörtlich sagte Papst Leo: „Heute wiederhole ich: Die Kirche braucht euch an den Grenzen – seien sie geografischer, kultureller, intellektueller oder spiritueller Natur. Das sind Orte des Risikos, an denen vertraute Landkarten nicht mehr ausreichen.“ An Grenzen zu gehen, heißt heute: sich auf unsicheres Terrain zu wagen, vertraute Strukturen loszulassen, wenn der Geist Gottes Neues fordert. Es bedeutet, in einer polarisierten Welt Brücken zu bauen, Versöhnung zu ermöglichen und sich nicht von Ohnmacht oder Zynismus lähmen zu lassen oder in Resignation zu verfallen. Gerade in Konflikten und bei Ungerechtigkeiten braucht es Menschen, die an Versöhnung glauben und zu ihr nach innen und außen beitragen – überzeugt davon, dass das Gute stärker ist als das Böse. Ein weiteres grenzgängiges Terrain ist die Technologie. Künstliche Intelligenz kann Chancen eröffnen, aber auch isolieren oder manipulieren. Christliche Verantwortung heißt hier: ethisch mitgestalten, Menschenwürde verteidigen und digitale Räume nutzen, um Hoffnung zu teilen, statt Fake-Götter wie Macht, Profit oder Selbstoptimierung zu feiern. Besonders wichtig ist der Weg mit jungen Menschen. Viele sind auf der Suche nach Sinn, Gerechtigkeit und Authentizität. Die Kirche muss ihre Sprache sprechen und Räume schaffen, in denen sie Christus begegnen, ihre Berufung entdecken und Zukunft mitgestalten können. Auch der Einsatz für unser „gemeinsames Haus“ ist ein Engagement an der Grenze: Ökologische Umkehr ist nicht nur politisch, sondern zutiefst spirituell. An Grenzen zu gehen bedeutet, sich selbst immer wieder zu überschreiten, sich dem grenzenlosen Gott anzuvertrauen, nah bei Jesus zu bleiben und von dort aus mutig zu handeln. Wer in ihm verwurzelt ist, kann Wahrheiten aussprechen, auch wenn sie unbequem sind, Versöhnung wagen, sich für Gerechtigkeit einsetzen und Hoffnung säen – selbst dort, wo Dunkelheit dominiert. Die Welt braucht Menschen, die das Neue erkennen, das Gott wachsen lässt, und die bereit sind, Risiken einzugehen. An die Grenzen zu gehen, meint nicht die Suche nach Erfahrung an einer sportlichen Leistungsgrenze, sondern ist mit dem Anliegen verbunden, dass Grenzen überwunden oder zumindest mit anderen Augen betrachtet werden. Dort, wo mentale, ideologische, religiös motivierte oder welche Grenzen auch immer bestehen, soll ein Beitrag geleistet werden, Begegnung und Neues zu ermöglichen. Grenzen sind keine Mauern, sondern Orte der Unterscheidung und der Entscheidung. Genau dort beginnt „Mission“, die Sendung, die den Jüngerinnen und Jüngern Jesu und damit auch den Jesuiten anvertraut ist. Das erfordert von ihnen Bereitschaft, Verfügbarkeit und Entschiedenheit. Die Ansprache von Papst Leo kam von Herzen, ihr Auftrag war klar und soll unser Engagement leiten und inspirieren. P. Thomas Hollweck SJ leitet seit Juli 2024 als Provinzial die Zentraleuropäische Provinz der Jesuiten. Zuvor war er Novizenmeister des Ordens und Delegat für Junge Menschen und Berufungen der Jesuiten in Zentraleuropa. Portrait: © SJ-Bild; Foto: © Anne Andrei 3 SCHWERPUNKT

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