Jesuiten 2026-2 (Deutschland-Ausgabe)

An den Grenzen wachsen Grenzen trennen – und öffnen Wege. Ignatianische Spiritualität heißt: an die Ränder gehen, Türen offenhalten und mit Christus Zukunft wagen. Der Kanonenkugel-Moment wurde zu einem entscheidenden Wendepunkt im Leben des heiligen Ignatius von Loyola. Doch es hätte diesen Moment nicht gegeben, wenn Ignatius nicht buchstäblich an die Grenze – nach Pamplona – gegangen wäre. Ich glaube, die Beziehung zwischen ignatianischer Spiritualität und den Grenzen folgt einer einfachen Logik: Der heilige Ignatius sehnte sich danach, Christus, unserem Herrn, zu folgen und ihm zu dienen. Auch wir sehnen uns danach, Christus zu folgen und ihm zu dienen, inspiriert vom heiligen Ignatius. Um Jesus zu folgen und ihm zu dienen, müssen wir, wollen wir und sehnen uns danach, Jesus zu kennen. Jesus ist oft an den Grenzen zu finden. Um Jesus persönlich und tief kennenzulernen, gehen wir an die Grenzen. Ich bin Tschechin. Jedes Mal, wenn jemand über „Ostdeutschland“ sprach, erstarrte ich innerlich. Ostdeutschland bedeutet Osten, und wir liegen noch weiter östlich. Ich empfand das als ungerecht! Ich dachte, ich würde in einer Welt der Freiheit aufwachsen, doch es schien, als würde ich für immer von einer Mauer definiert sein, die fiel, bevor ich sprechen konnte. „Schwester, bist du eine Ausländerin?“, fragen mich Kinder lächelnd auf dem Heimweg von der Schule. Zurzeit studiere ich in Manila auf den Philippinen. „Ja, das bin ich“, lächle ich zurück. So sehr ich mich einfügen möchte – ich sehe hier fremd aus. Und doch ist es in diesem katholisch geprägten Land erstaunlich leicht, eine Schwester zu sein. In Prag hingegen fragt mich eine Frau zögernd: „Entschuldigen Sie, sind Sie eine ... Nonne?“ Sie ringt um ein Wort, das ihr fremd ist. Ich bin hier keine Fremde, doch spüre ich eine greifbare Grenze, einen Graben zwischen uns, gewachsen über fast 100 Jahre. „Ja, das bin ich“, antworte ich. Ja, es gibt Grenzen. Im Herzen der ignatianischen Spiritualität gibt es lebensspendende und kreative Spannungen. Daher ist es vielleicht keine Überraschung, dass ein Schlüssel zu den Grenzen der ignatianischen Spiritualität bei denen liegt, die nicht sehr weit gegangen sind – etwa beim heiligen Pförtner, dem seligen Francisco Gárate SJ. Ein Pförtner ist jemand, der an der Grenze bleibt. Er versteckt sich nicht drinnen und läuft nicht davon. Er hält Türen offen. „Öffnet die Türen der Kirche“, lud uns Papst Franziskus immer wieder ein. „Ich tue mein Bestes, den Rest erledigt der Herr, der alles kann“, sagte Francisco Gárate SJ. Ähnlich formulierte es Mary Ward, die Gründerin der Congregatio Jesu, die in ihrem Leben viele Grenzen erlebte: „Gib dein Bestes, und Gott wird helfen.“ Geh an deine eigenen Grenzen: Gib dein Bestes. „Bis morgen, Schwester!“, rufen die Kinder. Ich lächle zurück, dankbar und demütig für das, was sie mich lehren. Ja, es gibt Grenzen, und es gibt Türen, die wir offenhalten können. Und es gibt ein Morgen, eine Zukunft, in der wir einander 4 SCHWERPUNKT

RkJQdWJsaXNoZXIy MjIwOTIwOQ==