Entgiftung Jesuiten 2026-3
Jesuiten 2026-3 Dieses Druckerzeugnis wurde klimaneutral hergestellt, d. h. die mit der Produktion quantifizierten CO2-Emissionen werden durch Klimaschutzzertifikate kompensiert. Titelbild: © Wolfgang Licht 1 Editorial Schwerpunkt 2 Das Gift der Muster 4 Wann ist das Gift ein Gift? 6 Diagnose statt Dialog? 7 Vom Sich-Giften 8 Vom Brennen und Fließen 11 Taktik, Praktik, Resilienz 12 Arzt, heile dich selbst 14 Die Sehnsucht läutern 16 Indifferenz – Gift und Gegengift 18 Synodalität als Entgiftung 20 Hoffnung wächst in der Begegnung 21 Katharsis – Entgiftung im Theater? Geistlicher Impuls 22 Detox – die Weisheit Jesu, der Bibel Was macht eigentlich …? 24 P. Sebastian Maly SJ Nachrichten 26 Nachrichten aus der Provinz Personalien 29 Personalnachrichten 30 Jubilare und Verstorbene Medien/Buch 31 Spaziergänge für Augen und Seele Vorgestellt 32 Vom Traum zur Wirklichkeit: Hochschulbildung am Rand der Gesellschaft 34 Die besondere Bitte Im Rahmen der Herstellung dieses Druckproduktes wurde ein finanzieller Beitrag an das Klimaschutzprojekt „Solar, Indien“ zertifiziert nach GoldStandard, geleistet. Bildredaktion Gift trägt selten ein hässliches Gesicht. Oft begegnet es uns dort, wo wir Schönheit und Vertrautheit vermuten. Doch Entgiftung beginnt nicht mit dem reflexhaften Meiden des Offensichtlichen, sondern mit der Kunst der Unterscheidung. Was schadet wirklich? Was ist nur scheinbar gefährlich? Und wo liegt das eigentliche Gift vielleicht gar nicht im Gegenstand selbst, sondern in unserem Umgang damit? Die Bilder dieser Ausgabe sollen einen Raum eröffnen, in dem Eindeutigkeiten brüchig werden. Sie laden dazu ein, den eigenen Blick zu schärfen und Gewissheiten zu hinterfragen. Entgiftung heißt: genauer hinsehen, Zusammenhänge erkennen und neu unterscheiden lernen, was dem Leben dient und was ihm schleichend die Kraft nimmt. Martina Schneider Bildredaktion
am 8. Mai 2025, dem 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa, tritt der Augustinerpater und Kurienkardinal Robert F. Prevost als neugewählter Papst Leo XIV. auf die Loggia des Petersdoms. Er beginnt seine kurze Ansprache mit dem Gruß des Auferstandenen: „Der Friede sei mit euch!“ Das Motiv des Friedens durchzieht die ersten anderthalb Jahre des Pontifikats wie ein roter Faden, scheint allerdings tragischerweise auf taube Ohren bei den Mächtigen der Welt zu stoßen. Papst Leo verbindet den Frieden des auferstandenen Christus mit einem „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden, demütig und beharrlich. Er kommt von Gott, dem Gott, der uns alle bedingungslos liebt.“ Unermüdlich erneuert der Papst den Aufruf zum Entwaffnen: Egal ob in der Politik, in der Sprache oder bei der Künstlichen Intelligenz – überall ist Entwaffnung notwendig. Einen Beitrag zu dieser vielschichtigen Friedensarbeit können vielleicht auch die verschiedenen Perspektiven unserer Autorinnen und Autoren – denen wir für ihre Mitarbeit herzlich danken – in dieser Ausgabe unseres Magazins leisten. Sie richten den Blick auf verschiedene Bereiche in der Kirche, der Gesellschaft und im Alltag, in denen Gifte wie Angst, Zynismus oder vorschnelle Urteile das Miteinander oder das persönliche Leben belasten können. Sie zeigen, wie Entgiftung nachhaltig, nicht nur als modisches Detox, geschehen kann, und legen dar, wofür noch kein wirksames Gegengift gefunden wurde. Liebe Leserin, lieber Leser, Portraits: © SJ-Bild Eine anregende, entwaffnende Lektüre wünschen P. Manfred Grimm SJ und P. Dag Heinrichowski SJ EDITORIAL 1
Das Gift der Muster Die klinische Entgiftung ist bei suchtkranken Menschen oft nur der Anfang. Denn auch wenn das eigentliche Gift verschwunden ist, wirken Muster und Probleme weiter. Ein anonymisierter Einblick in die Arbeit der Suchttherapie. Es ist wieder einer dieser Tage. Stuttgart Stadtmitte. Grauer Himmel, noch grauere Straßen. Draußen regnet es und wir schauen leicht melancholisch den einzelnen Wassertropfen zu, wie sie an das Bürofenster prasseln. Wir, das sind Herr Müller und ich. Wieder sitzen wir zum wöchentlichen Beratungsgespräch zusammen. Doch diesmal zerknirschter als sonst. Herr Müller hat mir gerade eben gebeichtet, dass es schon wieder passiert sei. Ein Rückfall. Diverse Tage, diverse Flaschen, viele Promille. Seine Hände zittern, sein Blick wendet sich immer wieder zum Boden. Restalkohol haben wir gerade eben per Alkomat nachgewiesen. Schon wieder gescheitert. Wir versuchen uns gemeinsam an dem, was ich später unter dem Schlagwort „Rückfallbearbeitung“ dokumentieren werde. Durch gezieltes Fragen und Nachdenken rekonstruieren wir, wie es dieses Mal dazu gekommen ist. Das erfordert viel Selbstreflexionsfähigkeit und Vertrauen ins Gegenüber. Schließlich ist da ein gewisses Machtgefälle zwischen mir als Sozialarbeiterin und dem stolpernden Klienten. Doch Herr Müller kämpft sich durch meine Fragen. Wie meistens waren die Probleme zu groß, das Leben zu einsam und die Scham über das eigene Scheitern zu schwer zu ertragen. Die in der letzten Therapie erlernten Regulationsfähigkeiten und Suchtbewältigungsstrategien griffen dieses Mal nicht, und so kam es zum ersten, quasi automatischen Gang in den Supermarkt. Danach lief der bekannte Film einfach wie fremdgesteuert weiter. So wie Herrn Müller geht es vielen meiner Klient:innen. Das Leben und die eigenen erlernten Muster scheitern oftmals aneinander, und die einzige Bewältigungsstrategie, die manchmal bleibt, ist der Alkohol. Und da beginnt es, tückisch zu werden. Alkohol begegnet uns früh und selbstverständlich: beim Feiern, im Urlaub oder nach einem langen Arbeitstag. Für die meisten bleibt er Genussmittel. Für manche wird er zur Bewältigungsstrategie. Treffen Verfügbarkeit, Gewohnheit und eine entsprechende Veranlagung zusammen, kann sich daraus durchaus ein ernsthaftes Problem entwickeln. Damit wäre man auch nicht allein mit Herrn Müller oder anderen Klient:innen. Deutschland gilt als „Hochkonsumland“ in Bezug auf Alkohol – durchschnittlich 10,6 Liter Reinalkohol pro Kopf pro Jahr (Quelle: Jahrbuch Sucht 2026) wird hier konsumiert. So. Nun sitzen wir also hier im Büro mit unserem akuten Problem. Herr Müller immer noch leicht entzügig – logisch, die letzte Flasche ist noch nicht allzu lange her. Beide wissen wir: Alkohol ist selten das eigentliche, das erste Problem. Er dient oft zur Selbstmedikation, sozusagen als Pflaster, wenn die dahinter liegenden Muster und Probleme nicht oder noch nicht adäquat verarbeitet werden konnten. Aber aus dieser aktiven Spirale allein herauszukommen, ist oft schwierig. Trotzdem gilt die Devise, flapsig gesagt, erstmal trockenlegen. Wenig später begleite ich also Herrn Müller in die klinische Entgiftung. Diese findet entweder im Krankenhaus oder einer psychiatrischen Klinik statt und es werden die körperlichen Folgen des Alkoholentzugs medizinisch begleitet. Zittern, Schwitzen, Angstzustände oder Kreislaufprobleme und somit viele leichte bis schwere Nebenwirkungen sind keine 2 SCHWERPUNKT
Seltenheit. Doch eine Entgiftung ist oft nur der Anfang. Oft ist nämlich nicht der Alkohol das eigentliche Gift, sondern die Muster und Probleme, die bleiben. Denn wenn Herr Müller nach rund zehn Tagen wieder zurückkommt, sind die Gründe für seinen Konsum nicht weg. Es ist vielleicht für den Moment nicht mehr so schlimm oder der Kreislauf der schnellen Linderung für einen Moment unterbrochen, doch die eigentlich nagenden Fragen bleiben. Und genau hier beginnt die eigentliche, die langwierige und die ehrliche Arbeit. Das Da-Bleiben, das Aushalten und eben auch einmal ehrlich in die Tiefe schauen. Im Idealfall gelingt es, sich den eigenen Mustern zu stellen und zu erkennen, dass es Nachjustierung braucht. Einen besseren Umgang mit sich selbst, mit Stress, Emotionen oder der Art und Weise, wie ich Bindungen eingehe. Das braucht ein Gegenüber, das einen Raum des Vertrauens und der vorurteilsfreien Neugier halten kann – so lange, wie es eben braucht. Ein Gegenüber, das sich auch bei schwierigen Fragen auf Augenhöhe begibt und nicht wegschaut, wenn es eventuell dunkel wird. Es braucht ein gewisses Maß an Hoffnung oder manchmal Menschen, die Hoffnung stellvertretend mittragen, für die, die lange keine mehr in sich selbst und die Welt hatten. Und hier liegt für mich die eigentliche Entgiftung: das sorgsame, gemeinsame Aushalten und Aufbrechen in einen ergebnisoffenen Prozess, der sich in seiner Zielrichtung jederzeit ändern kann und darf. Entgiftung darf nicht bei der zunächst als toxisch identifizierten Substanz oder dem Verhalten enden, sie muss weitergehen, den Menschen im Ganzen und die je eigene Lebensrealität anschauen. Vielleicht beginnt die eigentliche Entgiftung erst dann, wenn das Gift verschwunden ist und der Mensch bleibt. Susann Reiser arbeitet als Sozialarbeiterin im Bereich Sucht und Sozialpsychiatrie, ist Coach und promoviert in Pastoraltheologie. In ihrer Arbeit und Forschung beschäftigt sie sich mit den Schnittstellen von Sucht, psychischen Erkrankungen, Hoffnung, Haltung und menschlicher Verletzlichkeit. Portrait: © privat; Foto: © Martina C. Schneider 3
Wann ist das Gift ein Gift? Je genauer wir hinschauen, umso weniger ist das „Toxische“ immer und nur toxisch. Eine Zeitreise. Im Jahr 2023 warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), bereits der erste Tropfen Alkohol wirke als „zelluläres Gift“ und sei gefährlich. Ein Gift ist in diesem Verständnis immer und ausschließlich giftig. Der heutige metaphorische Begriff des „Toxischen“ baut auf dieser radikalen, absoluten Vorstellung auf: toxische Menschen, toxische Männer oder toxische Handys, von deren digitalem Gift wir ge-„detoxt“ werden müssen. Doch es gab viele Kritiker der WHO-Aussage. Sie hielten unter anderem dagegen, unter so strengen Kriterien sei auch Zitronensaft ein Zellgift. Seit der Antike machen sich Menschen Gedanken um das Wesen des Giftigen. Und in dieser Geschichte mäandern Vorstellungen von dem, was ein Gift oder Giftigkeit sei, je nach Position und Interessen zwischen absoluten und relativen Modellen. Der amerikanische Medizinhistoriker Frederick Gibbs hat die Frühgeschichte des Giftbegriffs detailliert nachgezeichnet. Pharmakon bedeutet Wirkstoff, sowohl Arznei wie auch Gift. Und so sahen antike Texte das Pharmakon als etwas Ambivalentes, das schaden und nützen könne. Im Spätmittelalter wurde Gift dann mehr als abgeschlossene, ontologische Schadensursache und Verursacher von Krankheit verstanden. Die damalige Erklärung, dass die grassierende Pest von einer „vergifteten Luft“ verursacht sei, war eine solche pauschale Deutung. Bis heute sehr bekannt ist die Aussage des „rebellischen“ Arztes Paracelsus vor 500 Jahren: „Alle Ding sind Gift und nichts ohn’ Gift; allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist.“ Er meinte damit aber mehr als die heutige „Dosis“. Bereits konkrete Beobachtungen konnten nahelegen, dass Substanzen gleichzeitig Gifte und Heilmittel sind. Zu Paracelsus’ Zeiten war die Schädlichkeit des Quecksilbers für den Organismus durchaus bekannt, gleichzeitig war es als Mittel gegen die „Franzosenkrankheit“ (im heutigen Verständnis: 4
Geschlechtskrankheiten) verbreitet. Wahrscheinlich hat Paracelsus beides auch am eigenen Körper erfahren. Im 18. Jahrhundert übernahm der englische Arzt William Withering aus der Laienmedizin die Beobachtung, dass ein verdünnter Extrakt des als hochgiftig bekannten Fingerhuts (Digitalis) herzstärkend wirkt. Präparate der Digitalis-Pflanze wurden danach lange Zeit therapeutisch verwendet. Da der Bereich zwischen heilender Wirkung und lebensbedrohlicher Vergiftung winzig ist, wurden die DigitalisWirkstoffe in jüngster Zeit mehrheitlich durch weniger gefährliche Substanzen ersetzt. Eines der gefährlichsten Gifte, Botulinumtoxin, dient seit den 1980er Jahren in sehr geringer Dosis gegen Muskelkrämpfe oder Migräne. Von anderen Verwendungsweisen des Botox ganz zu schweigen. Wechseln wir ganz in den Bereich der Pharmazie, wird klar, wie widersprüchlich Wirkungen von Substanzen sein können. Unter dem neueren Wissenschaftslabel „Paradoxe Pharmakologie“ ist bekannt, dass Psychopharmaka im Extremfall sogar eine dem Verschreibungszweck entgegengesetzte Wirkung haben können, je nachdem, an welchem Rezeptor im Gehirn sie andocken. Häufiger sind allerdings die Varianzen pharmakodynamischer Wirkungen. Die heutige Toxikologie differenziert den Giftbegriff immer weiter aus und betont die Vielzahl relativierender Einflussfaktoren (Parameter) auf Toxizität jenseits der reinen Dosis. Dazu zählen zum Beispiel der Aufnahmepfad und die genetische Disposition. Einfache, pauschalisierende Vorstellungen von Giftigkeit gibt es innerhalb und außerhalb der Wissenschaft trotzdem immer wieder. Zum Beispiel die alte toxikologische Maßeinheit der „letalen Dosis“ oder „letalen Konzentration“. Sie wird zunehmend als hypothetisch angesehener statistischer Mittelwert betrachtet. Hinter pauschalen Vorstellungen von Gift können aber auch Emotionen oder strategische Interessen stehen. Wir kennen zum Beispiel Formulierungen aus dem allgemeinen Umweltdiskurs, die Chemie pauschal als „giftig“ oder „schädlich“ verstehen. Oder die Positionen, die Alkohol bewusst zum absoluten Problem stilisieren wollen. Toxizität ist nach heutigem Wissen ein sehr relationales, immer schwerer greifbares Ergebnis vieler Umstände, Beziehungen und Interaktionen in einem Feld vielfältiger Wirkungen. Die Pharmaziehistorikerin Bettina Wahrig hat darauf hingewiesen, dass das Unbestimmte im Begriff Gift in Geschichte und Gegenwart zu vielen Konstruktionen und Fantasien angeregt hat. Wenn uns also einfache und absolute Vorstellungen von Toxizität über den Weg laufen, sollten wir besonders genau fragen, was dahinterstecken könnte. Selbst dann, wenn es „nur“ die Metapher des Toxischen ist. Eberhard Wolff ist Titularprofessor für Kulturanthropologie der Universität Basel und langjähriger Medizinhistoriker. Dabei richtet er die Perspektive gerne auf die Widersprüche und Zwischentöne des Alltags, egal, ob er über Themen wie Impfgeschichte oder Selbsttests, Bauernhäuser oder Glitzer arbeitet. Portrait: © privat; Foto: © Martina Schneider 5 SCHWERPUNKT
Diagnose statt Dialog? Wer jeden Regen „Sintflut“ nennt, hat kein Wort mehr für die echte Katastrophe. Über die Inflation des Wortes „toxisch“. Ob unliebsame Meinungen, anstrengende Arbeitsverhältnisse oder schlichte Unhöflichkeit – das Etikett „toxisch“ klebt schnell. Doch genau hier liegt das Problem: Wer eine Position als toxisch markiert, entzieht ihr die Existenzberechtigung. Das Wort wirkt wie ein moralisches Stoppschild. Wenn wir ein Gegenüber als toxisch bezeichnen, bricht das Gespräch meist ab, bevor es begonnen hat. Wir diagnostizieren den anderen, statt seine Argumente zu prüfen. Ein offenes Gespräch aber setzt die Unterstellung voraus, dass das Gegenüber ein rationales Interesse am Austausch hat. Das Label „toxisch“ spricht diese Fähigkeit ab. Um ein Gespräch dennoch produktiv zu halten, hilft oft nur eines: weg von der Abwertung einer abweichenden Meinung als „toxisch“ hin zur begründenden Beschreibung ihrer Wirkung. Deutlich werden kann gerade dann, warum man die Haltung des Gegenübers als grenzüberschreitend empfindet – zum Beispiel, weil sie sich einer argumentativ entfalteten Position gerade verweigert. Nur durch die Rückkehr zur Präzision bleibt der Raum für Korrektur offen. Was aber tun, wenn Positionen schlichtweg nicht verhandelbar sind? Es gibt Aussagen – etwa menschenfeindliche oder demokratiezersetzende Rhetorik –, bei denen Offenheit zur Selbstaufgabe führt. Hier droht die Gefahr, dass man Grenzüberschreitungen aus falscher Toleranz hinnimmt. Die Lösung liegt in einer sorgsamen Verwendung des Begriffs. Wenn wir „toxisch“ nur noch dort einsetzen, wo tatsächlich eine destruktive, manipulative Dynamik vorliegt, behält das Wort seine Schlagkraft. Inflation führt zu Entwertung. Wer jeden Regen als „Sintflut“ bezeichnet, hat kein Wort mehr für die eigentliche Katastrophe. Hier bietet die Literatur einen unschätzbaren Mehrwert. Literarische Texte sind dann das Gegenteil von Diskurs-Killern, wenn sie Ambiguität (Mehrdeutigkeit) sowohl anbieten als auch aushalten. Während der öffentliche Diskurs nach schnellen Urteilen verlangt, erlaubt die Literatur das Verweilen im Unklaren. In ihrem Roman Identitti wirft Mithu Sanyal ihr Lesepublikum mitten in eine hochemotionale Debatte über Identitätspolitik und kulturelle Aneignung. Anstatt eine einfache moralische Antwort zu geben, zeigt sie die Zerrissenheit ihrer Figuren. Handelt es sich bei Professorin Saraswati, einer angeblich indischstämmigen Koryphäe der Postcolonial Studies, tatsächlich aber eine weiße Deutsche namens Sarah Vera Thielmann, schlichtweg um eine Betrügerin? Der Roman verweigert die einfache Bestätigung der Diagnose „toxisch“. Ausgerechnet Saraswatis brillante Argumente und pädagogisches Charisma haben vielen ihrer Studierenden eine Sprache für ein besseres Verständnis ihrer selbst gegeben. Die Hochstaplerin ist zugleich eine (echte) Befreierin. Wer sie „cancelt“, erledigt die positive (heilsame) Wirkung ihres Tuns gleich mit. Der Roman zwingt seine Leser:innen dadurch, die mit dem Schlagwort „toxisch“ stets verbundene Komplexität nachzuvollziehen. Um Begriffe einsatzfähig zu halten, müssen wir sie vor der Abnutzung durch gedankliche Bequemlichkeit schützen. Die genaue Lektüre und die Kommunikation über Literatur sind hierfür ein gutes Training. Claudia Stockinger ist Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Mitglied der erweiterten Redaktion der Kulturzeitschrift Stimmen der Zeit und leitet u.a. die Redaktion der Literaturzeitschrift text+kritik. 6 SCHWERPUNKT
Vom Sich-Giften Manchmal sind wir gefangen in giftigen Gedankenspiralen. Der bairische Dialekt kennt dafür den Ausdruck des Sich-Giftens. In der Grenzregion zwischen Salzburg und Burghausen aufgewachsen und heute dort wieder lebend, ist meine eigentliche Sprechsprache ein bairischer Dialekt. Und wenn es wirklich ernst wird im Gefühls- oder Gebetsleben, dann geht das nur echt und gut in meinem Dialekt. Ein Ausdruck für eine Gefühlsregung, der mir aus meinem Heimatdialekt bekannt ist, ist das Sich- Giften, das Giftigsein. Wenn man sich auf das Seelsorger-Sein einlässt, wird man früher oder später (eigentlich ist früher besser) mit den Gefühlen des Menschen konfrontiert. Man darf dann lernen, was diese sind, und man darf lernen, die Gefühlsregungen und -vermischungen an sich selbst zu erspüren. So wird ganz nebenbei aus dem lernenden man ein spürendes Ich. Die Grund- oder Basisgefühle werden unterschiedlich genannt. Eigentlich immer mit dabei sind Freude, Angst, Trauer, Wut/Ärger; dann kommen Ekel und Überraschung hinzu. Manche nennen Leid und Liebe, andere Verachtung, nicht zuletzt die Scham. Doch auch wenn dieses letztgenannte bisweilen als Gift im Gefühls- und Seelenleben empfunden werden kann, möchte ich ein Untergefühl der Wut in den Blick nehmen: die Giftigkeit. Ich gifte mich schon mein ganzes Leben lang. Zum Glück nicht täglich. Doch ist diese Form der Wut nicht leicht zu nehmen. Denn wenn ich mich gifte, bin ich destruktiv unterwegs. Giftig zu sein, ist keine Form von Wut, die mich am liebsten dreinschlagen ließe. Eher ein Ärger, der mich ohnmächtig oder hilflos dastehen lässt oder mich zu zynischen Gedanken oder Aussagen verleitet. Im Giftigsein kocht ein Zorn vor sich hin, der langsam böse Pläne schmiedet. Der dem Grund für das SichGiften innerlich Flüche an den Hals wünscht. Mitunter bricht sich im Giften auch Schimpfen und Gezeter Bahn. Wenn ich mich gifte, dann stehe ich am inneren Hexenkessel und braue Gift vor mich hin. Kurzum: Menschen in diesem Gefühlszustand sind wenig bis nicht beziehungsfähig. Weder mit anderen noch mit sich selbst, weil sie sich in dem Moment nur ihrer Giftigkeit hingeben, bisweilen darin wie gefangen sind. Und Beziehungsunfähigkeit kann ich oder allgemeiner man/Mensch gar nicht brauchen. Ein Antidot, ein Gegengift fürs Giftigsein, erschiene hier doch schön. Denn als Gifthaferl möchte keiner enden. Vielleicht hilft es schon, ein paarmal tief durchzuatmen. Sich zurückzuziehen, bis die heftigste Spitze der Gefühlsregung vorbei ist. Oder doch ein Gebet gen Himmel schicken. Zur Vorbeugung die tägliche Meditation – viel Glück allen, die es damit probieren ... Ein solches Antidot mag helfen, kurzfristig, eventuell auch länger. Doch interessant wird es, wenn ich mir die Mühe mache und auf dieses Gefühl schaue. Was ist noch alles dabei, wenn ich mich gifte? Noch andere Facetten der Wut? Ein anderes Gefühl? Vielleicht Trauer, oder lugt irgendwo auch die Scham hervor? Meine Erfahrung ist, die Mühe lohnt sich und durch manch „giftige“ Gefühle verändert sich etwas in mir, wenn ich ehrlich darauf schaue. Und wenn es nur die Beziehung zu mir selbst ist. Uli Jauernig ist Pastoralreferent im Pfarrverband Waging und geistlicher Mentor im Ausbildungszentrum für Pastoralreferent:innen in München. Portraits: © privat 7 SCHWERPUNKT
Vom Brennen und Fließen Junge Menschen brauchen Räume, in denen innerer Druck sich wandeln kann. Mona Offenberg arbeitet mit jungen Menschen und entdeckt mit ihnen die Natur als Resonanzraum von Angst, Ruhe und Entwicklung. „Ich habe eigentlich alles im Griff – aber innerlich bin ich ständig angespannt.“ Solche Sätze höre ich in der Arbeit mit Jugendlichen immer wieder, oft eher beiläufig gesagt, aber mit hoher innerer Dichte. Sie verweisen auf etwas, das sich schwer greifen lässt: einen Zustand permanenter Selbstabsicherung zwischen Leistungsdruck, Zukunftssorgen und dem Wunsch, nichts falsch zu machen. In meiner Arbeit als psychosoziale Beraterin im schulischen Kontext am Kolleg St. Blasien begegne ich vielen jungen Menschen, bei denen sich diese Spannung verdichtet. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist dabei zunächst nichts Problematisches – im Gegenteil, es ist eine verständliche Reaktion auf eine komplexe und krisenhafte Welt. Schwieriger wird es, wenn Sicherheit zur dominierenden inneren Leitgröße wird. Dann entsteht ein subtiler Dauerzustand von Kontrolle, Bewertung und innerem Vorausdenken, der kaum noch Ruhe zulässt. Die Folge ist selten eine klar benennbare Angst. Häufiger zeigt sich ein diffuser innerer Druck: Gedankenkreise, Erschöpfung, das Gefühl, nie wirklich „fertig“ zu sein mit Entscheidungen oder mit sich selbst. Sicherheit wirkt dann nicht entlastend, sondern engführend. Meine These ist daher: Junge Menschen brauchen heute weniger zusätzliche Absicherung, sondern Erfahrungsräume, in denen sie lernen, mit Unsicherheit zu leben, ohne sich selbst darin zu verlieren. In meiner erlebnispädagogischen und beratenden Arbeit zeigt sich immer wieder, dass solche Veränderungen weniger durch Einsicht als durch Erfahrung entstehen. Besonders deutlich wird das im Naturraum. Natur ist dabei kein romantischer Gegenentwurf zur modernen Welt, sondern ein anders strukturierter Erfahrungsraum: zyklisch statt linear, körperlich statt rein kognitiv, gegenwärtig statt optimierungsorientiert. Diese andere Logik unterbricht die permanente innere Bewertung und schafft Raum für unmittelbares Erleben. Wenn Jugendliche draußen unterwegs sind, verändert sich zunächst die Reizdichte. Digitale Impulse, soziale Vergleiche und dauernde Selbstbeobachtung treten in den Hintergrund. Stattdessen rückt der Körper in den Vordergrund: Kälte, Wärme, Anstrengung, Orientierung, Stille. Diese einfache Form von Erfahrung wirkt oft ordnend – nicht, weil sie Probleme löst, sondern weil sie das Erleben wieder verankert. Ich arbeite dabei häufig mit Naturbildern, die innere Prozesse sichtbar machen. Beim Sammeln von Brennmaterial für ein Feuer entsteht etwa die Frage: Wofür brennst du eigentlich? Und ebenso wichtig: Was hält dieses Feuer am Leben? Was ist dein Zunder – das, was dich schnell entzündet, im positiven wie im belastenden Sinn? Und was trägt dich langfristig, ohne dich auszubrennen? So wird innerer Druck nicht abstrakt behandelt, sondern als gestaltbarer Prozess erfahrbar. Ein anderes Bild ist der Bachlauf. Jugendliche verorten sich selbst: Bin ich gerade im ruhigen Wasser, im Kehrwasser oder in schneller Strömung? Entscheidend ist dann nicht nur die Beschreibung, sondern die Frage: Was hält 8 SCHWERPUNKT
mich dort – und was würde mir helfen, wieder in ruhigere Bereiche zu gelangen? Innere Zustände werden so nicht festgeschrieben, sondern beweglich. Auch das gemeinsame Gehen spielt eine zentrale Rolle. In sogenannten „Geh-Sprächen“ verändert sich die Gesprächsdynamik deutlich: Die gemeinsame Richtung, der Rhythmus der Schritte und die Umgebung führen oft zu mehr Offenheit und weniger Konfrontation. Die Natur wirkt still mit beim Prozess – nicht als Methode, sondern als Resonanzraum. Ergänzend erlebe ich unseren Schulhund Nimbus als besondere Form von Präsenz. Tiere reagieren unmittelbar, ohne Bewertung. Dadurch wird ein innerer Zustand oft schnell sichtbar – und gleichzeitig beruhigt, weil Präsenz, Ruhe und Unruhe direkt gespiegelt werden. Diese Einfachheit wirkt für viele Jugendliche entlastend. „Entgiftung“ verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht als das Entfernen von Angst oder Unsicherheit. Es geht vielmehr um einen veränderten Umgang damit: weg von permanenter Absicherung hin zu mehr innerer Beweglichkeit. Angst verliert dabei nicht ihre Funktion, aber sie verliert ihre absolute Deutungshoheit. Natur, Bewegung, Beziehung und Metaphern schaffen Erfahrungsräume, in denen diese Beweglichkeit nicht nur gedacht, sondern erlebt werden kann. Entscheidend ist nicht die Abwesenheit von Unsicherheit, sondern die Fähigkeit, sich in ihr zu orientieren, ohne sich zu verengen. Vielleicht liegt genau darin eine zentrale Aufgabe unserer Zeit: Räume zu gestalten, in denen junge Menschen nicht weiter optimieren müssen, sondern erfahren dürfen, dass Entwicklung aus Bewegung, Resonanz und Beziehung entsteht. Entgiftung geschieht, wenn Sicherheit nicht länger die einzige Antwort auf Unsicherheit ist, sondern Vertrauen, Erfahrung und innere Beweglichkeit wachsen können. Das eigene Feuer findet Nahrung, und was ins Stocken geraten ist, kann wieder in Fluss kommen. Entwicklung beginnt oft nicht dort, wo alle Antworten vorliegen, sondern dort, wo Menschen den Mut finden, den nächsten Schritt zu gehen. Mona Offenberg ist psychosoziale Beraterin und Leiterin des Zentrums für individuelle Begabungsförderung (ZiBf) am Kolleg St. Blasien. Als systemische Erlebnispädagogin und Naturcoach verbindet sie Beratung mit Naturerfahrung in der Begleitung junger Menschen. Portrait: © privat; Foto: © Martina C. Schneider 9
Taktik, Praktik, Resilienz In der Medienforschung und Soziologie gibt es seit einigen Jahren das Schlagwort „Entnetzung“. In einer immer stärker vernetzten Welt braucht es mehr als Digital Detox. Mein erster Computer: ein Atari 1040 ST mit Röhrenmonitor und externem Diskettenlaufwerk, auf dem das Betriebssystem und meine Uni-Hausarbeiten im ständigen Clinch miteinander lagen. Irgendwann wurde er Elektroschrott, dann Rohstoff für neue Computer, dann wieder Schrott und wieder Rohstoff. Diesen Zyklus hat er vermutlich so oft durchlaufen, dass sich Spurenelemente seiner Hauptplatine wohl noch immer in den Schaltkreisen des Notebooks befinden, auf dem ich gerade diesen Text schreibe. Inzwischen lassen sich mit Computern sehr viel mehr Dinge anstellen, als Texte zu verfassen. Ich bin produktiver als jemals zuvor, besser informiert, besser entertained, besser vernetzt: ein Traum. Und dennoch fühle ich mich oft wie betäubt, leer, zerstreut, deprimiert, wenn es mir endlich gelungen ist, mich vom Bildschirm loszueisen. Damit bin ich nicht allein. Viele wollen die Nutzung ihrer inzwischen sehr viel kleineren und mobilen Computer einschränken. Wenige tun es, sind gefangen in einer Schleife aus Kritik und Faszination. Selbstbestimmung gegenüber den Kommunikations- und Informationstechnologien unserer Zeit ist für das Individuum (nur) noch im Kleinen zu haben: das Smartphone stummschalten oder umdrehen, einem Freund das Passwort für die Screen-Time-App geben, der es nicht herausrücken wird, Zeiten und Zonen definieren, in denen Mediennutzung tabu ist. Mit all dem umschiffen heutige Mediennutzer die vielen Versuchungen des digitalen Zeitalters wie einst Odysseus die Insel der Sirenen, an den Mast seines Schiffes gebunden, um sich vom Verlockenden nicht hinreißen zu lassen. Selbstbindung heißt heute: In der Bibliothek arbeiten anstatt zu Hause. Nicht wegen des Angebots an Büchern, sondern wegen der Abwesenheit digitaler Ablenkung. Ins Kino gehen, um das Handy in der Tasche zu lassen und nicht in die geistigen Untiefen zwischen dem ersten und dem zweiten Screen zu geraten. Konzerte besuchen, um Teil von etwas Echtem zu werden. Ins Notizbuch schreiben, um mit der Hand zu denken, zu begreifen. Aus den vielen alltäglichen Taktiken wie diesen folgt: Wo die Resilienz des Einzelnen an ihre Grenzen stößt, weil die Geschäftsmodelle der digitalen Medienwirtschaft auf dessen Kontrollverlust zielen, muss er durch die Einbettung in resiliente soziale Netzwerke gestärkt werden. Es gilt, Menschen zu stärken, die Menschen stärken: Eltern Kinder, Lehrende Lernende, Freunde Freunde. Ebenso müssen Orte der sozial gestützten Selbstregulation wie etwa Bibliotheken, Treffen mit Freunden oder Schule in ihrer gesellschaftlichen Funktion und Relevanz anerkannt und gestärkt werden. Denn es sind Orte der fokussierten Aufmerksamkeit, der digitalen Selbstbegrenzung, der reflektierten Medienpraxis, die uns nicht nur vor Augen führen, sondern unmittelbar erleben lassen, dass wir immer noch in der Lage sind zu tun, was wir im Umgang mit digitalen Medien meinen, verlernt zu haben: Uns ihnen gegenüber zu behaupten und sie produktiv zu unserem Wohle und zum Wohle anderer zu nutzen. Guido Zurstiege ist Professor für Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt „Empirische Medienforschung“ an der Universität Tübingen. 2019 erschien sein Buch Taktiken der Entnetzung. Die Sehnsucht nach Stille im digitalen Zeitalter im Suhrkamp Verlag. Portrait: © privat; Foto: © Martina C. Schneider 11 SCHWERPUNKT
Arzt, heile dich selbst Die Kirche, die heilen will, scheint in ihrer institutionellen Verfassung selbst erkrankt zu sein. Gründet die Missbrauchskrise in einer strukturellen Vergiftung? Welche Ursachen gibt es – und welche Therapien führen wirklich zur Genesung? „Arzt, heile dich selbst.“ – Dieses Wort aus dem Lukasevangelium trifft die Kirche im Umgang mit sexuellem Missbrauch mit schmerzhafter Genauigkeit. Die Kirche hat über Jahrhunderte hinweg Heilung, Versöhnung und moralische Orientierung verkündet. Gerade deshalb wiegt ihr Versagen im Umgang mit Missbrauch so schwer. Die Missbrauchskrise ist nicht nur eine Ansammlung einzelner Straftaten. Sie ist Ausdruck einer tiefen Vergiftung kirchlicher Beziehungen, Strukturen und Kulturen. Um in der medizinischen Metapher zu bleiben: Woher kommt die Vergiftung, welche Heilmittel gibt es, wie schaut die Prognose aus? Diagnose: Vergiftung Jeder Missbrauch hinterlässt Wunden im Leben einzelner Menschen. Betroffene verlieren nicht nur ihre körperliche und seelische Unversehrtheit, sondern oft auch Vertrauen: Vertrauen in andere Menschen, in Autoritäten, in Gott und in sich selbst. Besonders zerstörerisch ist dabei die geistliche Dimension des Missbrauchs. Wenn Täter religiöse Sprache, sakrale Rollen oder geistliche Macht nutzen, um Nähe zu erzwingen oder Schweigen zu sichern, wird der Glaube selbst vergiftet. Viele Betroffene erleben deshalb nicht nur ein persönliches Trauma, sondern einen Bruch mit ihrer religiösen Heimat. Doch die Vergiftung betrifft nicht nur Einzelne. Auch Gruppen innerhalb der Kirche werden erfasst. Gemeinden und Gemeinschaften spalten sich zwischen Verteidigern und Anklägern, zwischen Loyalität gegenüber Angeschuldigten bzw. Tätern und Solidarität mit Betroffenen. Mitarbeitende geraten in Loyalitäts- und Gewissenskonflikte. All das wirkt wie ein schleichendes Nervengift, das die Herzen, die Bezie12
hungen und die Strukturen befällt und zu Angst vor öffentlichen Skandalen, vor Vertrauensverlust und vor finanziellen Folgen führt. Besonders deutlich zeigt sich die Vergiftung in Mechanismen der Institution. Viele kirchliche Verantwortliche reagierten lange nicht zuerst mit der Frage: „Was brauchen die Betroffenen?“, sondern mit der Sorge um den Ruf der Kirche. Das institutionelle Eigeninteresse verdrängte Mitgefühl und Gerechtigkeit. So gingen persönliche Pflichtvergessenheit und strukturelles Versagen Hand in Hand. Behandlungsmethoden Heilung beginnt mit Wahrheit. Für Betroffene bedeutet dies zuerst: gehört und ernst genommen zu werden. Die Kirche darf nicht mehr entscheiden, welche Geschichten erzählbar sind. Sie muss Räume schaffen, in denen Opfer ohne Angst sprechen können. Zuhören ist keine Strategie des Krisenmanagements, sondern eine menschliche Pflicht und eine moralische Aufgabe. Dazu gehören unabhängige Aufarbeitung, angemessene Anerkennung des Leids und – für viele Betroffene im kirchlichen Kontext wichtig – eine ernsthafte spirituelle Begleitung. Für Einzelne braucht es zudem professionelle therapeutische und spirituelle Unterstützung. Traumata verschwinden nicht durch Gebete allein. Psychologische, medizinische und seelsorgliche Hilfen müssen zusammenwirken. Wichtig ist dabei, dass Betroffene selbst bestimmen können, welche Form der Begleitung sie wünschen und wem sie vertrauen. Auch Gruppen und Gemeinschaften benötigen Heilungsprozesse. Pfarrgemeinden müssen lernen, Konflikte und Schuld offen auszuhalten, statt sie zu verdrängen. Dazu gehört eine echte Kultur der Verantwortung. Nicht blinder Gehorsam gegenüber Amtsinhabern darf im Mittelpunkt stehen, sondern Loyalität gegenüber Wahrheit und Schutzbedürftigen. Safeguarding ist deshalb mehr als ein Regelwerk. Es zielt auf einen kulturellen Wandel. Das Gift erkennen, bevor es seine zerstörerische Wirkung entfalten kann, heißt, Macht kritisch zu reflektieren, Grenzen zu achten und Warnsignale ernst zu nehmen. Auch die Kirche als Institution braucht Therapie. Heilmittel sind Transparenz in Verfahren, unabhängige Kontrolle und eine aufrichtige Beteiligung von Laien, besonders von Frauen und Betroffenen. Eine Kirche, die sich einem Entgiftungsprozess aussetzen will, muss lernen, Macht zu teilen und Rechenschaft abzulegen. Darüber hinaus braucht die Kirche einen geistlichen Entgiftungsprozess. Buße darf nicht nur aus Worthülsen bestehen oder unterkomplexe Lösungsansätze wie „Kampf gegen Klerikalismus, toxische Männlichkeit oder autoritäre Hierarchie“ anpreisen. Um das systemische Immunsystem zu stärken, müssen die verschiedenen Aspekte – Haltungen, Strukturen, Inhalte und Abläufe – analysiert und verändert werden. Heilungschancen Es tut sich was, wenn man weltweit schaut. Zu wenig, zu unvollkommen, aber die katholische Kirche ist nicht mehr auf demselben Stand wie vor 20 Jahren. Heilung ist ein langer und schmerzhafter Weg. Die Hoffnung liegt darin, dass immer mehr Menschen in immer mehr Ortskirchen aufwachen und mitmachen. Kirchenmitglieder, Kommunioneltern, Katechetinnen, Ordensleute, Priester, Bischöfe, die gesund und heilsam mit sich und anderen leben und handeln, tragen das Gegengift in sich. Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung des Wortes „Arzt, heile dich selbst“. Die Kirche kann nur dann glaubwürdig heilen helfen, wenn sie sich ihrer eigenen Krankheit stellt und auch die bittere Medizin von Macht- und Geldverlust als letztlich befreiend erlebt. P. Hans Zollner SJ ist Theologe, Psychologe und Psychotherapeut. Er leitet das Institute of Anthropology. Interdisciplinary Studies on Human Dignity and Care (IADC) an der Universität Gregoriana. Er befasst sich mit Fragen des Safeguardings im Rahmen von Kirche und Gesellschaft. Portrait: © privat; Foto: © Dennis Schrader 13 SCHWERPUNKT
Die Sehnsucht läutern Wie viel schädliches Suchtpotenzial steckt neben dem Suchen und Sehnen im Begriff der „Sehnsucht“? Sr. Christine Klimann sa ist als Pastoralpsychologin sowohl Theologin und geistliche Begleiterin als auch psychologisch ausgebildet. Ein Gespräch. In „Sehnsucht“ stecken viele Facetten und Perspektiven. Was bedeutet dieser Begriff für dich? Ich mag den deutschen Begriff Sehnsucht, weil er eine starke Dynamik hat. Ich glaube, wir brauchen einen Motor, der uns dazu bringt, uns weiterzuentwickeln, Größeres zu denken von uns selbst und auch von Gott. Sehnsucht ist eine wichtige Spur, um in der Perspektive der Hoffnung zu bleiben, denn sie sagt: Das, was im Moment da ist, ist vielleicht noch nicht alles, mehr ist möglich, und darauf möchte ich mich ausrichten. Fehlt dem Menschen ohne Sehnsucht eigentlich etwas? Ohne Sehnsucht wären wir Couch-Potatoes. Wir würden uns einfach zufriedengeben mit dem, was ist. Mit Augustinus gesprochen: Unser Herz ist unruhig. Schon anthropologisch sind wir darauf angelegt, eine Erfüllung außerhalb von uns selbst und jenseits unserer engen Grenzen zu finden. Sehnsucht kann – gerade auch im geistlichen Bereich – in Bewegung setzen. Was könnten Kriterien sein für eine hilfreiche Sehnsucht, eine, die in die richtige Richtung bewegt? Sehnsucht richtet sich oft in eine andere Welt oder Richtung Himmel. Ich glaube, dass es immer auch die Gegenbewegung braucht: Erdung. Das bedeutet, die Realität anzunehmen, mutig anzuschauen, wie sie eben ist, und sie nicht einfach schönzureden oder zu spiritualisieren. Und es geht darum, wirklich ganz im Hier und Jetzt zu sein und nicht bloß im Konjunktiv oder in der Zukunft zu leben. Eine Gefahr könnte sein, dass Sehnsucht Menschen irgendwie blutleer oder weltfremd macht. Das ist sicher nicht sinnvoll. Kann deiner Erfahrung nach eine Sehnsucht tatsächlich zu einer Art Sucht oder einem Gift werden, das nicht mehr nährt, sondern schadet? Gibt es da Warnsignale? Für mich als ignatianisch geprägten Menschen bedeutet Spiritualität, Gott in der Wirklichkeit zu begegnen. Und diese Wirklichkeit muss ich wahrnehmen, mich ihr stellen und mich mit ihr auseinandersetzen. Eine Sehnsucht, die von der Wirklichkeit wegtreibt, ist nicht hilfreich. Sie kann zur Flucht vor der Realität werden – vor den eigenen Grenzen, Bedürfnissen oder unangenehmen Seiten meiner Persönlichkeit. Oder ich blende bestimmte Aspekte meiner Umgebung aus, rede sie mir schön. Manchmal geschieht das aus der Hoffnung heraus, dass ein Wunder passieren wird. Eine weitere Gefahr ist, wenn die Sehnsucht versucht, Gott festzulegen. Gott kann dann zu demjenigen werden, der meine Wünsche erfüllt, der das, was ich an Sehnsucht empfinde, erfüllen soll. Die Exerzitien zielen deshalb darauf, die eigene Sehnsucht zu läutern. Darum zu bitten, dass meine Sehnsucht der Sehnsucht Gottes für mich und für die Welt ähnlich werde oder in sie hineingenommen werde. Es geht nicht darum, dass ich meine eigenen kleinen Wünsche befriedigt bekomme oder dass Gott meinen Willen tut, sondern darum, dass ich bei aller Sehnsucht den Wunsch habe, dass sein Heilswillen für die Welt sich erfüllt. 14 SCHWERPUNKT
Geläuterte, vielleicht auch entgiftete Sehnsucht – was können Schritte sein, die dabei helfen? Ganz geistlich gesprochen, würde ich sagen: Betrachtung des Lebens Jesu. Also seine Person, seinen Weg, seine Bedürfnisse, seine Sehnsucht anzuschauen und zu versuchen, mit ihm unterwegs zu sein. Und die Unterscheidung der Geister: Erstmal wahrzunehmen, was ist, und dann versuchen, zu ordnen und festzustellen, was mehr in die Freiheit führt. Sehnsucht lässt sich nicht wegdiskutieren, und ich glaube, dass Gott in der menschlichen Sehnsucht präsent ist. Deshalb ist es wichtig, sie auch sprechen zu lassen. Aber dann mithilfe der Vernunft und von Erfahrung herauszufinden, was zu mehr Leben führt. Dabei kann eine Begleitung hilfreich sein. Sehnsucht ist ja etwas, was sich im Kopf abspielt und dann vielleicht auch Kreise drehen kann. Da hilft es, das auszusprechen und von einer Person, der man vertraut, auch ein Echo zu bekommen. Sehnsucht entsteht oft aus einem empfundenen Mangel. Gott bleibt unverfügbar. Gleicht der Mensch bei seiner Suche nach Gott einem Süchtigen, dessen Bedürfnisse doch nie ganz befriedigt werden? Manche spirituellen Zeugnisse kann man so lesen. Ich glaube, als Menschen leben wir wirklich in dieser Spannung von einerseits viel Fülle, die möglich ist, auch im Hier und Jetzt, und gleichzeitig bleibt da das ignatianische magis, das ja immer auch hinausweist auf etwas Größeres oder noch zu Kommendes. Das ist aber keine Sucht, die uns irgendwie klein und eng hält, sondern eine, die uns in Bewegung setzt. Die Fragen stellte P. Dag Heinrichowski SJ. Sr. Christine Klimann sa gehört zur ignatianischen Gemeinschaft der Helferinnen und lebt in Leipzig und Frankfurt, wo sie die Zukunftswerkstatt leitet. Als Pastoralpsychologin und geistliche Begleiterin arbeitet sie in unterschiedlichen Aus- und Weiterbildungskontexten, u. a. im Priesterseminar Sankt Georgen und dem Berufungscampus. Portrait: © SJ-Bild; Foto: © Dennis Schrader 15
Indifferenz – Gift und Gegengift Wer sich mit der ignatianischen Spiritualität beschäftigt, begegnet schnell dem Begriff der Indifferenz. Falsch verstanden wird sie zum Gift, richtig verstanden kann sie entgiften und einen Raum von Freiheit eröffnen. „Was weiß ich?“ – Die skeptische Frage des Philosophen Michel de Montaigne (1533–1592) markiert eine Haltung, die heute wieder vertraut wirkt. In einer Welt der Überfülle an Informationen, Meinungen und Wahrheitsansprüchen erscheint Indifferenz oft als Rückzug: als Gleichgültigkeit, die alles nebeneinanderstehen lässt und nichts mehr wirklich berührt. Diese Form ist tatsächlich ein Gift. Sie nivelliert Unterschiede, entzieht Verantwortung und verwandelt Engagement in ein müdes Schulterzucken. Wo alles gleich gilt, gilt am Ende nichts mehr. Doch damit ist das Phänomen nicht erschöpfend beschrieben. Indifferenz besitzt eine zweite, tiefere Dimension: als Gleichmütigkeit. Sie kann – recht verstanden – eine anspruchsvolle geistliche Haltung sein. Nicht das Absterben der Anteilnahme, sondern die Freiheit von vorschnellen Urteilen steht hier im Zentrum. Indifferenz meint dann die Fähigkeit, innezuhalten, nicht sofort zu bewerten, sich nicht von Angst, Zynismus oder Ideologie treiben zu lassen. Sie ist eine „schwebende Mitte“, die offenhält, statt voreilig festzulegen. Gerade darin liegt ihr entgiftendes Potenzial. In einer polarisierten Gesellschaft wie auch in der Kirche kann Indifferenz Räume öffnen: für das andere, für den anderen, für das, was sich erst im Hören und im gemeinsamen Ringen zeigt. Synodale Prozesse leben von einer solchen Haltung. Wer immer schon weiß, was gilt, wer sich nicht mehr überraschen lassen will, wird nicht mehr wirklich zuhören. Wer aber urteilsfähig sein will, muss zunächst gleichmütig werden und auf vorschnelle Urteile verzichten. Diese Form der Indifferenz ist alles andere als bequem. Sie verlangt Disziplin: die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten, Unsicherheit zu ertragen und sich nicht in einfache Antworten zu flüchten. Sie schützt vor der Vergiftung durch Angst – weil sie nicht jede Bedrohung sofort absolut setzt. Und sie bewahrt vor Zynismus – weil sie die Wirklichkeit nicht vorschnell abschreibt. Indifferenz ist daher doppeldeutig. Als Gleichgültigkeit zerstört sie Beziehungen und Engagement. Als Gleichmütigkeit ermöglicht sie Freiheit und echte Begegnung. Vielleicht besteht die Herausforderung unserer Zeit nicht darin, Indifferenz zu überwinden, sondern zu unterscheiden: zwischen der kalten Gleichgültigkeit, die abstumpft, und der wachen Offenheit, die empfänglich macht. Entgiftung beginnt dann nicht mit mehr Eindeutigkeit, sondern mit der Fähigkeit, das Offene auszuhalten. P. Dominik Terstriep SJ ist 2003 als Priester in die Gesellschaft Jesu eingetreten. Seit 2009 lebt er in Stockholm (Schweden) und arbeitet dort als Pfarrer an St. Eugenia. Daneben ist er als Autor und Dozent für Systematische Theologie am NewmanInstitut in Uppsala tätig. Portrait: © privat; Foto: © Martina C. Schneider 16 SCHWERPUNKT
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Synodalität als Entgiftung Sr. Nathalie Becquart ist in Rom zuständig für die Weltsynode. Diese erlebt sie als Entgiftungskur für die Kirche – ein Weg vom Misstrauen zum Zuhören. Oft breiten sich Vergiftungen unbemerkt oder aufgrund von Vorurteilen aus. Misstrauen, Zynismus, Angst vorm Anderen, Selbstgerechtigkeit – diese Gifte, die tief verankert sind in der Kultur, zirkulieren in der Gesellschaft und damit auch in der Kirche. Die Synodalität, wie sie die jüngste Synode (2021–2024) gelebt hat – als ein Weg der persönlichen und gemeinschaftlichen Bekehrung, der aus dem gemeinsamen Hören auf den Heiligen Geist beginnt –, ist eine Art Gegenmittel: ein Weg der Entgiftung, der mitten in der Kirche wirkt. Alles beginnt mit der Möglichkeit, Dinge zu benennen: Schatten und Licht unseres gemeinsamen Unterwegsseins. Das Wagnis, etwas ins Wort zu bringen, anstatt die Spannungen unter den Teppich zu kehren, ermöglicht, demütig die Wahrheit über sich selbst anzuerkennen. Die Bußvigil, mit der die zweite Sitzung der Synode eröffnet wurde, war ein bedeutender Moment: Der synodale Prozess hat uns dazu geführt, unsere wechselseitigen Verletzungen und kirchlichen Verfehlungen gegen den Frieden, die Schöpfung, die indigenen Völker, die Migranten, die Kinder, die Frauen und die Armen zu benennen. Das hat die Sehnsucht nach Versöhnung entfacht. Dieses kollektive Eingeständnis ist keine Schwäche, sondern die erste Voraussetzung für jede echte Heilung. Was man nicht benennt, kann man nicht heilen. Das Herz der Synodalität ist das „Gespräch im Heiligen Geist“ – eine Methode des Zuhörens, bei der jeder aus seinem Gebet und seiner Erfahrung heraus in der ersten Person spricht, bei der niemand unterbricht und bei der die Antwort keine theoretische Debatte ist, sondern gegenseitige Annahme. Zynismus nährt sich aus der Tatsache, dass man dem anderen nicht wirklich zuhört, sondern nur auf seine Antwort wartet, um sie zu widerlegen. Das synodale Zuhören durchbricht diesen Mechanismus: Es lädt dazu ein, sich selbst von dem, was man hört, verwandeln zu lassen. Ich habe selbst erlebt, wie schwierig es ist, in Umgebungen zu arbeiten, in denen synodale Strukturen noch wenig ausgeprägt sind und in 18
Sr. Nathalie Becquart xmcj ist seit 2021 Untersekretärin der Weltbischofssynode und Mitglied im Dikasterium für die Kommunikation. Nach einem Studium an der HEC School of Management in Paris hat die Xavière-Schwester Philosophie und Theologie bei den Jesuiten in Paris und Boston studiert und wissenschaftlich zu synodaler Ekklesiologie gearbeitet. Vor ihrer Tätigkeit in Rom war Sr. Nathalie für die französische Bischofskonferenz im Bereich Jugendpastoral, Evangelisierung und Berufung tätig. denen hierarchische Reflexe und eine klerikale Kultur die freie Meinungsäußerung behindern. Doch gerade dort, wo synodale Prozesse mit dieser geistlichen Dynamik und Gesprächen um einen runden Tisch – wie in den römischen Versammlungen – umgesetzt wurden, habe ich erlebt, wie sich Misstrauen in Vertrauen und Geschwisterlichkeit verwandelte, wenn wir uns persönlich und gemeinschaftlich dem Heiligen Geist öffnen. Die Angst vor Veränderungen ist ein natürlicher menschlicher Reflex. Die Herausforderung liegt darin, sich nicht von ihr leiten zu lassen, sondern das Wagnis einzugehen, sie zu überwinden und sich vom Geist leiten zu lassen, der an den Früchten des Friedens und des Vertrauens zu erkennen ist. Papst Franziskus sprach von der „Fähigkeit, in Vielfalt gemeinsam zu gehen, ohne einander zu verurteilen“ – genau das, was in den meisten aktuellen Konflikten fehlt. Die Synodalität bietet eine Lebenskunst im Umgang mit Unterschieden, eine Schule des Friedens, die dazu einlädt, Spannungen auf fruchtbare Weise anzunehmen, nach Konsens zu streben, wo dies möglich ist, und unsere Meinungsverschiedenheiten gelassen anzuerkennen. Seit dem Beginn seines Pontifikats verbindet Papst Leo XIV. Synodalität mit Frieden: „Wir wollen eine synodale Kirche sein, eine Kirche, die unterwegs ist, eine Kirche, die stets den Frieden sucht, die stets die Liebe sucht, die sich stets bemüht, insbesondere denen nahe zu sein, die leiden.“ Diese Trilogie drückt aus, dass die Kirche nicht synodal sein kann, ohne Friedensstifterin zu sein – und auch nicht Friedensstifterin eines entwaffneten und entwaffnenden Friedens, ohne sich zuvor durch das Zuhören und den Glauben an einen dreifaltigen Gott, der selbst Einheit in der Verschiedenheit ist, verwandeln zu lassen. Synodalität lässt sich daher als eine Art „Anleitung zur Entgiftung“ verstehen, die die Kirche der Welt anbietet, indem sie diese zunächst selbst lebt. Übersetzung Dag Heinrichowski SJ Portrait: © privat; Foto: © Stefan Weigand 19
Hoffnung wächst in der Begegnung Das SachsenSofa ist ein Format der Kirchen in Sachsen, um miteinander streiten zu können. Menschen und Positionen können so zueinanderkommen. An einem Abend in Sachsen stehen Stühle im Halbkreis. Eine Landwirtin berichtet von den Sorgen ihres Betriebes. Ein Bürgermeister spricht über den schwindenden Zusammenhalt im Dorf. Ein junger Mann erklärt, warum viele seiner Freunde längst nicht mehr wählen gehen. Auf dem Podium sitzen Politiker, Wissenschaftler und ein Vertreter der Kirche. Niemand verlässt den Saal mit der einen großen Lösung. Und doch gehen viele mit dem Eindruck nach Hause, dass sich etwas bewegt hat und dass man zusammengekommen ist. Nicht nur im Raum, sondern auch mit den Positionen. Wir leben in einer Zeit, in der Politik nahezu alles leisten soll. Sie soll Wohlstand sichern, Migration ordnen, Kriege erklären, das Klima retten und gleichzeitig den gesellschaftlichen Zusammenhalt garantieren. Hinter all diesen Erwartungen steht jedoch ein Missverständnis: Der Staat kann Probleme lösen. Hoffnung kann er nicht von allein erzeugen. Der freiheitliche Staat lebt davon, dass Menschen einander vertrauen. Er kann dieses Vertrauen aber nicht herstellen. Er kann Regeln setzen, Konflikte befrieden und Sicherheit gewährleisten. Was er nicht vermag, ist, Menschen Zuversicht zu schenken oder ihnen einen Grund zu geben, Verantwortung für andere zu übernehmen. Genau hier beginnt die eigentliche Aufgabe der Kirche. Nicht als politische Akteurin. Nicht als moralische Instanz. Sondern als Hoffnungsmacherin. Das klingt bescheiden. Tatsächlich ist es eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit. Denn Hoffnung ist keine Vertröstung auf bessere Tage. Hoffnung verändert die Art, wie Menschen handeln. Wer Hoffnung hat, muss den anderen nicht zum Feind erklären. Er kann zuhören, Kompromisse suchen und Verantwortung übernehmen, weil er überzeugt ist, dass Zukunft gestaltbar bleibt. Es geht um weit mehr als politische Bürgerdialoge, es geht um einen Ort, an dem Menschen erfahren, dass ihre Stimme zählt. Gerade dort, wo Arztpraxen schließen, Buslinien ausgedünnt werden und Entscheidungen scheinbar ausschließlich in Dresden oder Berlin getroffen werden, wächst schnell das Gefühl, vergessen worden zu sein. Populisten bieten darauf einfache Antworten. Das SachsenSofa geht den schwierigeren, aber demokratischeren Weg: Es bringt Menschen miteinander ins Gespräch. Diese Gesprächskultur ist keine Nebensache. Sie ist eine Voraussetzung demokratischer Resilienz. Kirche besitzt dafür besondere Voraussetzungen. Seit Jahrhunderten schafft sie Räume, in denen Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten zusammenkommen. Sie kennt Rituale für Trauer und Freude, für Streit und Versöhnung. Und vor allem erinnert sie daran, dass der Mensch mehr ist als seine Meinung oder politische Haltung. Gerade in einer polarisierten Gesellschaft ist das ein unschätzbarer Beitrag. Die Zukunft der Kirche entscheidet sich deshalb nicht zuerst an der Zahl ihrer Mitglieder. Sondern daran, ob sie Orte schafft, an denen Hoffnung wachsen kann, Menschen sich gegenseitig zuhören, Unterschiede aushalten und wieder lernen, gemeinsam Zukunft zu denken. Auch nach den Wahlen im September. Thomas Arnold ist Teil des Leitungsstabs im Sächsischen Innenministerium. Zwischen 2016 und 2024 war er Direktor der katholischen Akademie DresdenMeißen. In dieser Funktion hat er das Format SachsenSofa initiiert. Der Theologe ist Mitglied im ZdK. Portrait: © Abraham, CC BY-SA, via Wikimedia Commons 20 SCHWERPUNKT
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