Jesuiten 2026-3 (Deutschland-Ausgabe)

Vom Brennen und Fließen Junge Menschen brauchen Räume, in denen innerer Druck sich wandeln kann. Mona Offenberg arbeitet mit jungen Menschen und entdeckt mit ihnen die Natur als Resonanzraum von Angst, Ruhe und Entwicklung. „Ich habe eigentlich alles im Griff – aber innerlich bin ich ständig angespannt.“ Solche Sätze höre ich in der Arbeit mit Jugendlichen immer wieder, oft eher beiläufig gesagt, aber mit hoher innerer Dichte. Sie verweisen auf etwas, das sich schwer greifen lässt: einen Zustand permanenter Selbstabsicherung zwischen Leistungsdruck, Zukunftssorgen und dem Wunsch, nichts falsch zu machen. In meiner Arbeit als psychosoziale Beraterin im schulischen Kontext am Kolleg St. Blasien begegne ich vielen jungen Menschen, bei denen sich diese Spannung verdichtet. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist dabei zunächst nichts Problematisches – im Gegenteil, es ist eine verständliche Reaktion auf eine komplexe und krisenhafte Welt. Schwieriger wird es, wenn Sicherheit zur dominierenden inneren Leitgröße wird. Dann entsteht ein subtiler Dauerzustand von Kontrolle, Bewertung und innerem Vorausdenken, der kaum noch Ruhe zulässt. Die Folge ist selten eine klar benennbare Angst. Häufiger zeigt sich ein diffuser innerer Druck: Gedankenkreise, Erschöpfung, das Gefühl, nie wirklich „fertig“ zu sein mit Entscheidungen oder mit sich selbst. Sicherheit wirkt dann nicht entlastend, sondern engführend. Meine These ist daher: Junge Menschen brauchen heute weniger zusätzliche Absicherung, sondern Erfahrungsräume, in denen sie lernen, mit Unsicherheit zu leben, ohne sich selbst darin zu verlieren. In meiner erlebnispädagogischen und beratenden Arbeit zeigt sich immer wieder, dass solche Veränderungen weniger durch Einsicht als durch Erfahrung entstehen. Besonders deutlich wird das im Naturraum. Natur ist dabei kein romantischer Gegenentwurf zur modernen Welt, sondern ein anders strukturierter Erfahrungsraum: zyklisch statt linear, körperlich statt rein kognitiv, gegenwärtig statt optimierungsorientiert. Diese andere Logik unterbricht die permanente innere Bewertung und schafft Raum für unmittelbares Erleben. Wenn Jugendliche draußen unterwegs sind, verändert sich zunächst die Reizdichte. Digitale Impulse, soziale Vergleiche und dauernde Selbstbeobachtung treten in den Hintergrund. Stattdessen rückt der Körper in den Vordergrund: Kälte, Wärme, Anstrengung, Orientierung, Stille. Diese einfache Form von Erfahrung wirkt oft ordnend – nicht, weil sie Probleme löst, sondern weil sie das Erleben wieder verankert. Ich arbeite dabei häufig mit Naturbildern, die innere Prozesse sichtbar machen. Beim Sammeln von Brennmaterial für ein Feuer entsteht etwa die Frage: Wofür brennst du eigentlich? Und ebenso wichtig: Was hält dieses Feuer am Leben? Was ist dein Zunder – das, was dich schnell entzündet, im positiven wie im belastenden Sinn? Und was trägt dich langfristig, ohne dich auszubrennen? So wird innerer Druck nicht abstrakt behandelt, sondern als gestaltbarer Prozess erfahrbar. Ein anderes Bild ist der Bachlauf. Jugendliche verorten sich selbst: Bin ich gerade im ruhigen Wasser, im Kehrwasser oder in schneller Strömung? Entscheidend ist dann nicht nur die Beschreibung, sondern die Frage: Was hält 8 SCHWERPUNKT

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