mich dort – und was würde mir helfen, wieder in ruhigere Bereiche zu gelangen? Innere Zustände werden so nicht festgeschrieben, sondern beweglich. Auch das gemeinsame Gehen spielt eine zentrale Rolle. In sogenannten „Geh-Sprächen“ verändert sich die Gesprächsdynamik deutlich: Die gemeinsame Richtung, der Rhythmus der Schritte und die Umgebung führen oft zu mehr Offenheit und weniger Konfrontation. Die Natur wirkt still mit beim Prozess – nicht als Methode, sondern als Resonanzraum. Ergänzend erlebe ich unseren Schulhund Nimbus als besondere Form von Präsenz. Tiere reagieren unmittelbar, ohne Bewertung. Dadurch wird ein innerer Zustand oft schnell sichtbar – und gleichzeitig beruhigt, weil Präsenz, Ruhe und Unruhe direkt gespiegelt werden. Diese Einfachheit wirkt für viele Jugendliche entlastend. „Entgiftung“ verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht als das Entfernen von Angst oder Unsicherheit. Es geht vielmehr um einen veränderten Umgang damit: weg von permanenter Absicherung hin zu mehr innerer Beweglichkeit. Angst verliert dabei nicht ihre Funktion, aber sie verliert ihre absolute Deutungshoheit. Natur, Bewegung, Beziehung und Metaphern schaffen Erfahrungsräume, in denen diese Beweglichkeit nicht nur gedacht, sondern erlebt werden kann. Entscheidend ist nicht die Abwesenheit von Unsicherheit, sondern die Fähigkeit, sich in ihr zu orientieren, ohne sich zu verengen. Vielleicht liegt genau darin eine zentrale Aufgabe unserer Zeit: Räume zu gestalten, in denen junge Menschen nicht weiter optimieren müssen, sondern erfahren dürfen, dass Entwicklung aus Bewegung, Resonanz und Beziehung entsteht. Entgiftung geschieht, wenn Sicherheit nicht länger die einzige Antwort auf Unsicherheit ist, sondern Vertrauen, Erfahrung und innere Beweglichkeit wachsen können. Das eigene Feuer findet Nahrung, und was ins Stocken geraten ist, kann wieder in Fluss kommen. Entwicklung beginnt oft nicht dort, wo alle Antworten vorliegen, sondern dort, wo Menschen den Mut finden, den nächsten Schritt zu gehen. Mona Offenberg ist psychosoziale Beraterin und Leiterin des Zentrums für individuelle Begabungsförderung (ZiBf) am Kolleg St. Blasien. Als systemische Erlebnispädagogin und Naturcoach verbindet sie Beratung mit Naturerfahrung in der Begleitung junger Menschen. Portrait: © privat; Foto: © Martina C. Schneider 9
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