Jesuiten 2026-3 (Deutschland-Ausgabe)

Taktik, Praktik, Resilienz In der Medienforschung und Soziologie gibt es seit einigen Jahren das Schlagwort „Entnetzung“. In einer immer stärker vernetzten Welt braucht es mehr als Digital Detox. Mein erster Computer: ein Atari 1040 ST mit Röhrenmonitor und externem Diskettenlaufwerk, auf dem das Betriebssystem und meine Uni-Hausarbeiten im ständigen Clinch miteinander lagen. Irgendwann wurde er Elektroschrott, dann Rohstoff für neue Computer, dann wieder Schrott und wieder Rohstoff. Diesen Zyklus hat er vermutlich so oft durchlaufen, dass sich Spurenelemente seiner Hauptplatine wohl noch immer in den Schaltkreisen des Notebooks befinden, auf dem ich gerade diesen Text schreibe. Inzwischen lassen sich mit Computern sehr viel mehr Dinge anstellen, als Texte zu verfassen. Ich bin produktiver als jemals zuvor, besser informiert, besser entertained, besser vernetzt: ein Traum. Und dennoch fühle ich mich oft wie betäubt, leer, zerstreut, deprimiert, wenn es mir endlich gelungen ist, mich vom Bildschirm loszueisen. Damit bin ich nicht allein. Viele wollen die Nutzung ihrer inzwischen sehr viel kleineren und mobilen Computer einschränken. Wenige tun es, sind gefangen in einer Schleife aus Kritik und Faszination. Selbstbestimmung gegenüber den Kommunikations- und Informationstechnologien unserer Zeit ist für das Individuum (nur) noch im Kleinen zu haben: das Smartphone stummschalten oder umdrehen, einem Freund das Passwort für die Screen-Time-App geben, der es nicht herausrücken wird, Zeiten und Zonen definieren, in denen Mediennutzung tabu ist. Mit all dem umschiffen heutige Mediennutzer die vielen Versuchungen des digitalen Zeitalters wie einst Odysseus die Insel der Sirenen, an den Mast seines Schiffes gebunden, um sich vom Verlockenden nicht hinreißen zu lassen. Selbstbindung heißt heute: In der Bibliothek arbeiten anstatt zu Hause. Nicht wegen des Angebots an Büchern, sondern wegen der Abwesenheit digitaler Ablenkung. Ins Kino gehen, um das Handy in der Tasche zu lassen und nicht in die geistigen Untiefen zwischen dem ersten und dem zweiten Screen zu geraten. Konzerte besuchen, um Teil von etwas Echtem zu werden. Ins Notizbuch schreiben, um mit der Hand zu denken, zu begreifen. Aus den vielen alltäglichen Taktiken wie diesen folgt: Wo die Resilienz des Einzelnen an ihre Grenzen stößt, weil die Geschäftsmodelle der digitalen Medienwirtschaft auf dessen Kontrollverlust zielen, muss er durch die Einbettung in resiliente soziale Netzwerke gestärkt werden. Es gilt, Menschen zu stärken, die Menschen stärken: Eltern Kinder, Lehrende Lernende, Freunde Freunde. Ebenso müssen Orte der sozial gestützten Selbstregulation wie etwa Bibliotheken, Treffen mit Freunden oder Schule in ihrer gesellschaftlichen Funktion und Relevanz anerkannt und gestärkt werden. Denn es sind Orte der fokussierten Aufmerksamkeit, der digitalen Selbstbegrenzung, der reflektierten Medienpraxis, die uns nicht nur vor Augen führen, sondern unmittelbar erleben lassen, dass wir immer noch in der Lage sind zu tun, was wir im Umgang mit digitalen Medien meinen, verlernt zu haben: Uns ihnen gegenüber zu behaupten und sie produktiv zu unserem Wohle und zum Wohle anderer zu nutzen. Guido Zurstiege ist Professor für Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt „Empirische Medienforschung“ an der Universität Tübingen. 2019 erschien sein Buch Taktiken der Entnetzung. Die Sehnsucht nach Stille im digitalen Zeitalter im Suhrkamp Verlag. Portrait: © privat; Foto: © Martina C. Schneider 11 SCHWERPUNKT

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