Arzt, heile dich selbst Die Kirche, die heilen will, scheint in ihrer institutionellen Verfassung selbst erkrankt zu sein. Gründet die Missbrauchskrise in einer strukturellen Vergiftung? Welche Ursachen gibt es – und welche Therapien führen wirklich zur Genesung? „Arzt, heile dich selbst.“ – Dieses Wort aus dem Lukasevangelium trifft die Kirche im Umgang mit sexuellem Missbrauch mit schmerzhafter Genauigkeit. Die Kirche hat über Jahrhunderte hinweg Heilung, Versöhnung und moralische Orientierung verkündet. Gerade deshalb wiegt ihr Versagen im Umgang mit Missbrauch so schwer. Die Missbrauchskrise ist nicht nur eine Ansammlung einzelner Straftaten. Sie ist Ausdruck einer tiefen Vergiftung kirchlicher Beziehungen, Strukturen und Kulturen. Um in der medizinischen Metapher zu bleiben: Woher kommt die Vergiftung, welche Heilmittel gibt es, wie schaut die Prognose aus? Diagnose: Vergiftung Jeder Missbrauch hinterlässt Wunden im Leben einzelner Menschen. Betroffene verlieren nicht nur ihre körperliche und seelische Unversehrtheit, sondern oft auch Vertrauen: Vertrauen in andere Menschen, in Autoritäten, in Gott und in sich selbst. Besonders zerstörerisch ist dabei die geistliche Dimension des Missbrauchs. Wenn Täter religiöse Sprache, sakrale Rollen oder geistliche Macht nutzen, um Nähe zu erzwingen oder Schweigen zu sichern, wird der Glaube selbst vergiftet. Viele Betroffene erleben deshalb nicht nur ein persönliches Trauma, sondern einen Bruch mit ihrer religiösen Heimat. Doch die Vergiftung betrifft nicht nur Einzelne. Auch Gruppen innerhalb der Kirche werden erfasst. Gemeinden und Gemeinschaften spalten sich zwischen Verteidigern und Anklägern, zwischen Loyalität gegenüber Angeschuldigten bzw. Tätern und Solidarität mit Betroffenen. Mitarbeitende geraten in Loyalitäts- und Gewissenskonflikte. All das wirkt wie ein schleichendes Nervengift, das die Herzen, die Bezie12
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