hungen und die Strukturen befällt und zu Angst vor öffentlichen Skandalen, vor Vertrauensverlust und vor finanziellen Folgen führt. Besonders deutlich zeigt sich die Vergiftung in Mechanismen der Institution. Viele kirchliche Verantwortliche reagierten lange nicht zuerst mit der Frage: „Was brauchen die Betroffenen?“, sondern mit der Sorge um den Ruf der Kirche. Das institutionelle Eigeninteresse verdrängte Mitgefühl und Gerechtigkeit. So gingen persönliche Pflichtvergessenheit und strukturelles Versagen Hand in Hand. Behandlungsmethoden Heilung beginnt mit Wahrheit. Für Betroffene bedeutet dies zuerst: gehört und ernst genommen zu werden. Die Kirche darf nicht mehr entscheiden, welche Geschichten erzählbar sind. Sie muss Räume schaffen, in denen Opfer ohne Angst sprechen können. Zuhören ist keine Strategie des Krisenmanagements, sondern eine menschliche Pflicht und eine moralische Aufgabe. Dazu gehören unabhängige Aufarbeitung, angemessene Anerkennung des Leids und – für viele Betroffene im kirchlichen Kontext wichtig – eine ernsthafte spirituelle Begleitung. Für Einzelne braucht es zudem professionelle therapeutische und spirituelle Unterstützung. Traumata verschwinden nicht durch Gebete allein. Psychologische, medizinische und seelsorgliche Hilfen müssen zusammenwirken. Wichtig ist dabei, dass Betroffene selbst bestimmen können, welche Form der Begleitung sie wünschen und wem sie vertrauen. Auch Gruppen und Gemeinschaften benötigen Heilungsprozesse. Pfarrgemeinden müssen lernen, Konflikte und Schuld offen auszuhalten, statt sie zu verdrängen. Dazu gehört eine echte Kultur der Verantwortung. Nicht blinder Gehorsam gegenüber Amtsinhabern darf im Mittelpunkt stehen, sondern Loyalität gegenüber Wahrheit und Schutzbedürftigen. Safeguarding ist deshalb mehr als ein Regelwerk. Es zielt auf einen kulturellen Wandel. Das Gift erkennen, bevor es seine zerstörerische Wirkung entfalten kann, heißt, Macht kritisch zu reflektieren, Grenzen zu achten und Warnsignale ernst zu nehmen. Auch die Kirche als Institution braucht Therapie. Heilmittel sind Transparenz in Verfahren, unabhängige Kontrolle und eine aufrichtige Beteiligung von Laien, besonders von Frauen und Betroffenen. Eine Kirche, die sich einem Entgiftungsprozess aussetzen will, muss lernen, Macht zu teilen und Rechenschaft abzulegen. Darüber hinaus braucht die Kirche einen geistlichen Entgiftungsprozess. Buße darf nicht nur aus Worthülsen bestehen oder unterkomplexe Lösungsansätze wie „Kampf gegen Klerikalismus, toxische Männlichkeit oder autoritäre Hierarchie“ anpreisen. Um das systemische Immunsystem zu stärken, müssen die verschiedenen Aspekte – Haltungen, Strukturen, Inhalte und Abläufe – analysiert und verändert werden. Heilungschancen Es tut sich was, wenn man weltweit schaut. Zu wenig, zu unvollkommen, aber die katholische Kirche ist nicht mehr auf demselben Stand wie vor 20 Jahren. Heilung ist ein langer und schmerzhafter Weg. Die Hoffnung liegt darin, dass immer mehr Menschen in immer mehr Ortskirchen aufwachen und mitmachen. Kirchenmitglieder, Kommunioneltern, Katechetinnen, Ordensleute, Priester, Bischöfe, die gesund und heilsam mit sich und anderen leben und handeln, tragen das Gegengift in sich. Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung des Wortes „Arzt, heile dich selbst“. Die Kirche kann nur dann glaubwürdig heilen helfen, wenn sie sich ihrer eigenen Krankheit stellt und auch die bittere Medizin von Macht- und Geldverlust als letztlich befreiend erlebt. P. Hans Zollner SJ ist Theologe, Psychologe und Psychotherapeut. Er leitet das Institute of Anthropology. Interdisciplinary Studies on Human Dignity and Care (IADC) an der Universität Gregoriana. Er befasst sich mit Fragen des Safeguardings im Rahmen von Kirche und Gesellschaft. Portrait: © privat; Foto: © Dennis Schrader 13 SCHWERPUNKT
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