Die Sehnsucht läutern Wie viel schädliches Suchtpotenzial steckt neben dem Suchen und Sehnen im Begriff der „Sehnsucht“? Sr. Christine Klimann sa ist als Pastoralpsychologin sowohl Theologin und geistliche Begleiterin als auch psychologisch ausgebildet. Ein Gespräch. In „Sehnsucht“ stecken viele Facetten und Perspektiven. Was bedeutet dieser Begriff für dich? Ich mag den deutschen Begriff Sehnsucht, weil er eine starke Dynamik hat. Ich glaube, wir brauchen einen Motor, der uns dazu bringt, uns weiterzuentwickeln, Größeres zu denken von uns selbst und auch von Gott. Sehnsucht ist eine wichtige Spur, um in der Perspektive der Hoffnung zu bleiben, denn sie sagt: Das, was im Moment da ist, ist vielleicht noch nicht alles, mehr ist möglich, und darauf möchte ich mich ausrichten. Fehlt dem Menschen ohne Sehnsucht eigentlich etwas? Ohne Sehnsucht wären wir Couch-Potatoes. Wir würden uns einfach zufriedengeben mit dem, was ist. Mit Augustinus gesprochen: Unser Herz ist unruhig. Schon anthropologisch sind wir darauf angelegt, eine Erfüllung außerhalb von uns selbst und jenseits unserer engen Grenzen zu finden. Sehnsucht kann – gerade auch im geistlichen Bereich – in Bewegung setzen. Was könnten Kriterien sein für eine hilfreiche Sehnsucht, eine, die in die richtige Richtung bewegt? Sehnsucht richtet sich oft in eine andere Welt oder Richtung Himmel. Ich glaube, dass es immer auch die Gegenbewegung braucht: Erdung. Das bedeutet, die Realität anzunehmen, mutig anzuschauen, wie sie eben ist, und sie nicht einfach schönzureden oder zu spiritualisieren. Und es geht darum, wirklich ganz im Hier und Jetzt zu sein und nicht bloß im Konjunktiv oder in der Zukunft zu leben. Eine Gefahr könnte sein, dass Sehnsucht Menschen irgendwie blutleer oder weltfremd macht. Das ist sicher nicht sinnvoll. Kann deiner Erfahrung nach eine Sehnsucht tatsächlich zu einer Art Sucht oder einem Gift werden, das nicht mehr nährt, sondern schadet? Gibt es da Warnsignale? Für mich als ignatianisch geprägten Menschen bedeutet Spiritualität, Gott in der Wirklichkeit zu begegnen. Und diese Wirklichkeit muss ich wahrnehmen, mich ihr stellen und mich mit ihr auseinandersetzen. Eine Sehnsucht, die von der Wirklichkeit wegtreibt, ist nicht hilfreich. Sie kann zur Flucht vor der Realität werden – vor den eigenen Grenzen, Bedürfnissen oder unangenehmen Seiten meiner Persönlichkeit. Oder ich blende bestimmte Aspekte meiner Umgebung aus, rede sie mir schön. Manchmal geschieht das aus der Hoffnung heraus, dass ein Wunder passieren wird. Eine weitere Gefahr ist, wenn die Sehnsucht versucht, Gott festzulegen. Gott kann dann zu demjenigen werden, der meine Wünsche erfüllt, der das, was ich an Sehnsucht empfinde, erfüllen soll. Die Exerzitien zielen deshalb darauf, die eigene Sehnsucht zu läutern. Darum zu bitten, dass meine Sehnsucht der Sehnsucht Gottes für mich und für die Welt ähnlich werde oder in sie hineingenommen werde. Es geht nicht darum, dass ich meine eigenen kleinen Wünsche befriedigt bekomme oder dass Gott meinen Willen tut, sondern darum, dass ich bei aller Sehnsucht den Wunsch habe, dass sein Heilswillen für die Welt sich erfüllt. 14 SCHWERPUNKT
RkJQdWJsaXNoZXIy MjIwOTIwOQ==