Jesuiten 2026-3 (Deutschland-Ausgabe)

Katharsis – Entgiftung im Theater? In der Dramentheorie des Aristoteles wird die Tragödie als „eine Darstellung, welche durch Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung dieser Affekte herbeiführt“ definiert (Poetik, Kap. 6). Der Begriff der Reinigung, griechisch Katharsis, ist dabei aus der Medizin entlehnt, wo er die Ausscheidung von Schadstoffen beschreibt. Das Theater kann oder soll der Seele also nach Aristoteles dabei helfen, durch starke Gefühlsbewegungen „reiner“ zu werden. Später verlagerte sich der Fokus auf den moralischen und pädagogischen Effekt dieses Vorgangs. Gotthold Ephraim Lessing betrachtete die Katharsis in der Hamburgischen Dramaturgie als einen Schritt in der sittlichen Erziehung des Publikums. Wie sieht ein junger Theaterschaffender diese Theorie und ihre Wirkungsgeschichte? Hat das Theater heute noch den Anspruch, „reinigend“, entgiftend zu wirken, oder ist das Schnee von gestern? Wir haben den Schauspieler Christoph Stocker gefragt. Hier seine Antwort: „Seit Aristoteles hat sich die Theaterlandschaft stark verändert, Erzählstränge sind nicht mehr ausschließlich linear. Wir sind multimedial geworden. Es gibt in einigen Stücken eine bewusste Vermeidung des Höhepunktes oder auch den Trend zum Regietheater, bei welchem das originale Stück großflächig verändert werden kann. Der Anspruch der Reinigung der Seele von Zuseher:innen steht heutzutage nicht mehr im Mittelpunkt. Ich finde, es ist gegenwärtig schwieriger geworden, eine Katharsis im Theater zu erleben, da sich bei der Art und Weise der Inszenierungen der Fokus verändert hat. Zum Beispiel bemerke ich immer mehr, dass die Inszenierung und Stilisierung der Stücke oft im Vordergrund stehen und dadurch viel von den tiefen zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Rollen verloren geht. Das macht es natürlich für Zuseher:innen schwieriger, auf tiefer emotionaler Ebene mit den Rollen mitzuleben, mitzuleiden und im Endeffekt eine seelische Reinigung zu erfahren. Interessanterweise kann man eine kathartische Erfahrung heutzutage leichter im Film erleben. Aufgrund der Möglichkeiten der Kamera können Beziehungen, Emotionen und innere Konflikte der Figuren besonders intensiv dargestellt werden. Wenn ein Theaterstück jedoch eine Katharsis auslöst, empfinde ich dies als ein außergewöhnlich starkes Erlebnis. Oft verlasse ich dann das Theater mit dem Gefühl innerer Reinigung und werde zur persönlichen Reflexion angeregt. In diesem Sinne kann Theater Menschen dabei helfen, belastende Erfahrungen zu verarbeiten und neue Perspektiven für ihr eigenes Leben zu gewinnen. Es gibt viele wertvolle Formen des Theaters. Das Theater, das eine Katharsis hervorruft, betrachte ich jedoch als die höchste Kunstform, weil sie zugleich die anspruchsvollste ist. Sie verlangt nicht nur unterhaltsame und ästhetische Meisterschaft, sondern auch die Fähigkeit, das Publikum tief und vor allem wahrhaftig emotional zu berühren.“ Einleitung und Frage: P. Manfred Grimm SJ Christoph Stocker hat nach seiner Zeit bei den Wiener Sängerknaben und der Matura unter anderem in New York und Los Angeles Schauspiel studiert. Man kann ihn im Film, Fernsehen und auf Musicalbühnen sehen. Portrait: © Nadine Poncioni 21 SCHWERPUNKT

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