Seltenheit. Doch eine Entgiftung ist oft nur der Anfang. Oft ist nämlich nicht der Alkohol das eigentliche Gift, sondern die Muster und Probleme, die bleiben. Denn wenn Herr Müller nach rund zehn Tagen wieder zurückkommt, sind die Gründe für seinen Konsum nicht weg. Es ist vielleicht für den Moment nicht mehr so schlimm oder der Kreislauf der schnellen Linderung für einen Moment unterbrochen, doch die eigentlich nagenden Fragen bleiben. Und genau hier beginnt die eigentliche, die langwierige und die ehrliche Arbeit. Das Da-Bleiben, das Aushalten und eben auch einmal ehrlich in die Tiefe schauen. Im Idealfall gelingt es, sich den eigenen Mustern zu stellen und zu erkennen, dass es Nachjustierung braucht. Einen besseren Umgang mit sich selbst, mit Stress, Emotionen oder der Art und Weise, wie ich Bindungen eingehe. Das braucht ein Gegenüber, das einen Raum des Vertrauens und der vorurteilsfreien Neugier halten kann – so lange, wie es eben braucht. Ein Gegenüber, das sich auch bei schwierigen Fragen auf Augenhöhe begibt und nicht wegschaut, wenn es eventuell dunkel wird. Es braucht ein gewisses Maß an Hoffnung oder manchmal Menschen, die Hoffnung stellvertretend mittragen, für die, die lange keine mehr in sich selbst und die Welt hatten. Und hier liegt für mich die eigentliche Entgiftung: das sorgsame, gemeinsame Aushalten und Aufbrechen in einen ergebnisoffenen Prozess, der sich in seiner Zielrichtung jederzeit ändern kann und darf. Entgiftung darf nicht bei der zunächst als toxisch identifizierten Substanz oder dem Verhalten enden, sie muss weitergehen, den Menschen im Ganzen und die je eigene Lebensrealität anschauen. Vielleicht beginnt die eigentliche Entgiftung erst dann, wenn das Gift verschwunden ist und der Mensch bleibt. Susann Reiser arbeitet als Sozialarbeiterin im Bereich Sucht und Sozialpsychiatrie, ist Coach und promoviert in Pastoraltheologie. In ihrer Arbeit und Forschung beschäftigt sie sich mit den Schnittstellen von Sucht, psychischen Erkrankungen, Hoffnung, Haltung und menschlicher Verletzlichkeit. Portrait: © privat; Foto: © Martina C. Schneider 3
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