Wann ist das Gift ein Gift? Je genauer wir hinschauen, umso weniger ist das „Toxische“ immer und nur toxisch. Eine Zeitreise. Im Jahr 2023 warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), bereits der erste Tropfen Alkohol wirke als „zelluläres Gift“ und sei gefährlich. Ein Gift ist in diesem Verständnis immer und ausschließlich giftig. Der heutige metaphorische Begriff des „Toxischen“ baut auf dieser radikalen, absoluten Vorstellung auf: toxische Menschen, toxische Männer oder toxische Handys, von deren digitalem Gift wir ge-„detoxt“ werden müssen. Doch es gab viele Kritiker der WHO-Aussage. Sie hielten unter anderem dagegen, unter so strengen Kriterien sei auch Zitronensaft ein Zellgift. Seit der Antike machen sich Menschen Gedanken um das Wesen des Giftigen. Und in dieser Geschichte mäandern Vorstellungen von dem, was ein Gift oder Giftigkeit sei, je nach Position und Interessen zwischen absoluten und relativen Modellen. Der amerikanische Medizinhistoriker Frederick Gibbs hat die Frühgeschichte des Giftbegriffs detailliert nachgezeichnet. Pharmakon bedeutet Wirkstoff, sowohl Arznei wie auch Gift. Und so sahen antike Texte das Pharmakon als etwas Ambivalentes, das schaden und nützen könne. Im Spätmittelalter wurde Gift dann mehr als abgeschlossene, ontologische Schadensursache und Verursacher von Krankheit verstanden. Die damalige Erklärung, dass die grassierende Pest von einer „vergifteten Luft“ verursacht sei, war eine solche pauschale Deutung. Bis heute sehr bekannt ist die Aussage des „rebellischen“ Arztes Paracelsus vor 500 Jahren: „Alle Ding sind Gift und nichts ohn’ Gift; allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist.“ Er meinte damit aber mehr als die heutige „Dosis“. Bereits konkrete Beobachtungen konnten nahelegen, dass Substanzen gleichzeitig Gifte und Heilmittel sind. Zu Paracelsus’ Zeiten war die Schädlichkeit des Quecksilbers für den Organismus durchaus bekannt, gleichzeitig war es als Mittel gegen die „Franzosenkrankheit“ (im heutigen Verständnis: 4
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