Geschlechtskrankheiten) verbreitet. Wahrscheinlich hat Paracelsus beides auch am eigenen Körper erfahren. Im 18. Jahrhundert übernahm der englische Arzt William Withering aus der Laienmedizin die Beobachtung, dass ein verdünnter Extrakt des als hochgiftig bekannten Fingerhuts (Digitalis) herzstärkend wirkt. Präparate der Digitalis-Pflanze wurden danach lange Zeit therapeutisch verwendet. Da der Bereich zwischen heilender Wirkung und lebensbedrohlicher Vergiftung winzig ist, wurden die DigitalisWirkstoffe in jüngster Zeit mehrheitlich durch weniger gefährliche Substanzen ersetzt. Eines der gefährlichsten Gifte, Botulinumtoxin, dient seit den 1980er Jahren in sehr geringer Dosis gegen Muskelkrämpfe oder Migräne. Von anderen Verwendungsweisen des Botox ganz zu schweigen. Wechseln wir ganz in den Bereich der Pharmazie, wird klar, wie widersprüchlich Wirkungen von Substanzen sein können. Unter dem neueren Wissenschaftslabel „Paradoxe Pharmakologie“ ist bekannt, dass Psychopharmaka im Extremfall sogar eine dem Verschreibungszweck entgegengesetzte Wirkung haben können, je nachdem, an welchem Rezeptor im Gehirn sie andocken. Häufiger sind allerdings die Varianzen pharmakodynamischer Wirkungen. Die heutige Toxikologie differenziert den Giftbegriff immer weiter aus und betont die Vielzahl relativierender Einflussfaktoren (Parameter) auf Toxizität jenseits der reinen Dosis. Dazu zählen zum Beispiel der Aufnahmepfad und die genetische Disposition. Einfache, pauschalisierende Vorstellungen von Giftigkeit gibt es innerhalb und außerhalb der Wissenschaft trotzdem immer wieder. Zum Beispiel die alte toxikologische Maßeinheit der „letalen Dosis“ oder „letalen Konzentration“. Sie wird zunehmend als hypothetisch angesehener statistischer Mittelwert betrachtet. Hinter pauschalen Vorstellungen von Gift können aber auch Emotionen oder strategische Interessen stehen. Wir kennen zum Beispiel Formulierungen aus dem allgemeinen Umweltdiskurs, die Chemie pauschal als „giftig“ oder „schädlich“ verstehen. Oder die Positionen, die Alkohol bewusst zum absoluten Problem stilisieren wollen. Toxizität ist nach heutigem Wissen ein sehr relationales, immer schwerer greifbares Ergebnis vieler Umstände, Beziehungen und Interaktionen in einem Feld vielfältiger Wirkungen. Die Pharmaziehistorikerin Bettina Wahrig hat darauf hingewiesen, dass das Unbestimmte im Begriff Gift in Geschichte und Gegenwart zu vielen Konstruktionen und Fantasien angeregt hat. Wenn uns also einfache und absolute Vorstellungen von Toxizität über den Weg laufen, sollten wir besonders genau fragen, was dahinterstecken könnte. Selbst dann, wenn es „nur“ die Metapher des Toxischen ist. Eberhard Wolff ist Titularprofessor für Kulturanthropologie der Universität Basel und langjähriger Medizinhistoriker. Dabei richtet er die Perspektive gerne auf die Widersprüche und Zwischentöne des Alltags, egal, ob er über Themen wie Impfgeschichte oder Selbsttests, Bauernhäuser oder Glitzer arbeitet. Portrait: © privat; Foto: © Martina Schneider 5 SCHWERPUNKT
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