Diagnose statt Dialog? Wer jeden Regen „Sintflut“ nennt, hat kein Wort mehr für die echte Katastrophe. Über die Inflation des Wortes „toxisch“. Ob unliebsame Meinungen, anstrengende Arbeitsverhältnisse oder schlichte Unhöflichkeit – das Etikett „toxisch“ klebt schnell. Doch genau hier liegt das Problem: Wer eine Position als toxisch markiert, entzieht ihr die Existenzberechtigung. Das Wort wirkt wie ein moralisches Stoppschild. Wenn wir ein Gegenüber als toxisch bezeichnen, bricht das Gespräch meist ab, bevor es begonnen hat. Wir diagnostizieren den anderen, statt seine Argumente zu prüfen. Ein offenes Gespräch aber setzt die Unterstellung voraus, dass das Gegenüber ein rationales Interesse am Austausch hat. Das Label „toxisch“ spricht diese Fähigkeit ab. Um ein Gespräch dennoch produktiv zu halten, hilft oft nur eines: weg von der Abwertung einer abweichenden Meinung als „toxisch“ hin zur begründenden Beschreibung ihrer Wirkung. Deutlich werden kann gerade dann, warum man die Haltung des Gegenübers als grenzüberschreitend empfindet – zum Beispiel, weil sie sich einer argumentativ entfalteten Position gerade verweigert. Nur durch die Rückkehr zur Präzision bleibt der Raum für Korrektur offen. Was aber tun, wenn Positionen schlichtweg nicht verhandelbar sind? Es gibt Aussagen – etwa menschenfeindliche oder demokratiezersetzende Rhetorik –, bei denen Offenheit zur Selbstaufgabe führt. Hier droht die Gefahr, dass man Grenzüberschreitungen aus falscher Toleranz hinnimmt. Die Lösung liegt in einer sorgsamen Verwendung des Begriffs. Wenn wir „toxisch“ nur noch dort einsetzen, wo tatsächlich eine destruktive, manipulative Dynamik vorliegt, behält das Wort seine Schlagkraft. Inflation führt zu Entwertung. Wer jeden Regen als „Sintflut“ bezeichnet, hat kein Wort mehr für die eigentliche Katastrophe. Hier bietet die Literatur einen unschätzbaren Mehrwert. Literarische Texte sind dann das Gegenteil von Diskurs-Killern, wenn sie Ambiguität (Mehrdeutigkeit) sowohl anbieten als auch aushalten. Während der öffentliche Diskurs nach schnellen Urteilen verlangt, erlaubt die Literatur das Verweilen im Unklaren. In ihrem Roman Identitti wirft Mithu Sanyal ihr Lesepublikum mitten in eine hochemotionale Debatte über Identitätspolitik und kulturelle Aneignung. Anstatt eine einfache moralische Antwort zu geben, zeigt sie die Zerrissenheit ihrer Figuren. Handelt es sich bei Professorin Saraswati, einer angeblich indischstämmigen Koryphäe der Postcolonial Studies, tatsächlich aber eine weiße Deutsche namens Sarah Vera Thielmann, schlichtweg um eine Betrügerin? Der Roman verweigert die einfache Bestätigung der Diagnose „toxisch“. Ausgerechnet Saraswatis brillante Argumente und pädagogisches Charisma haben vielen ihrer Studierenden eine Sprache für ein besseres Verständnis ihrer selbst gegeben. Die Hochstaplerin ist zugleich eine (echte) Befreierin. Wer sie „cancelt“, erledigt die positive (heilsame) Wirkung ihres Tuns gleich mit. Der Roman zwingt seine Leser:innen dadurch, die mit dem Schlagwort „toxisch“ stets verbundene Komplexität nachzuvollziehen. Um Begriffe einsatzfähig zu halten, müssen wir sie vor der Abnutzung durch gedankliche Bequemlichkeit schützen. Die genaue Lektüre und die Kommunikation über Literatur sind hierfür ein gutes Training. Claudia Stockinger ist Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Mitglied der erweiterten Redaktion der Kulturzeitschrift Stimmen der Zeit und leitet u.a. die Redaktion der Literaturzeitschrift text+kritik. 6 SCHWERPUNKT
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