Vom Sich-Giften Manchmal sind wir gefangen in giftigen Gedankenspiralen. Der bairische Dialekt kennt dafür den Ausdruck des Sich-Giftens. In der Grenzregion zwischen Salzburg und Burghausen aufgewachsen und heute dort wieder lebend, ist meine eigentliche Sprechsprache ein bairischer Dialekt. Und wenn es wirklich ernst wird im Gefühls- oder Gebetsleben, dann geht das nur echt und gut in meinem Dialekt. Ein Ausdruck für eine Gefühlsregung, der mir aus meinem Heimatdialekt bekannt ist, ist das Sich- Giften, das Giftigsein. Wenn man sich auf das Seelsorger-Sein einlässt, wird man früher oder später (eigentlich ist früher besser) mit den Gefühlen des Menschen konfrontiert. Man darf dann lernen, was diese sind, und man darf lernen, die Gefühlsregungen und -vermischungen an sich selbst zu erspüren. So wird ganz nebenbei aus dem lernenden man ein spürendes Ich. Die Grund- oder Basisgefühle werden unterschiedlich genannt. Eigentlich immer mit dabei sind Freude, Angst, Trauer, Wut/Ärger; dann kommen Ekel und Überraschung hinzu. Manche nennen Leid und Liebe, andere Verachtung, nicht zuletzt die Scham. Doch auch wenn dieses letztgenannte bisweilen als Gift im Gefühls- und Seelenleben empfunden werden kann, möchte ich ein Untergefühl der Wut in den Blick nehmen: die Giftigkeit. Ich gifte mich schon mein ganzes Leben lang. Zum Glück nicht täglich. Doch ist diese Form der Wut nicht leicht zu nehmen. Denn wenn ich mich gifte, bin ich destruktiv unterwegs. Giftig zu sein, ist keine Form von Wut, die mich am liebsten dreinschlagen ließe. Eher ein Ärger, der mich ohnmächtig oder hilflos dastehen lässt oder mich zu zynischen Gedanken oder Aussagen verleitet. Im Giftigsein kocht ein Zorn vor sich hin, der langsam böse Pläne schmiedet. Der dem Grund für das SichGiften innerlich Flüche an den Hals wünscht. Mitunter bricht sich im Giften auch Schimpfen und Gezeter Bahn. Wenn ich mich gifte, dann stehe ich am inneren Hexenkessel und braue Gift vor mich hin. Kurzum: Menschen in diesem Gefühlszustand sind wenig bis nicht beziehungsfähig. Weder mit anderen noch mit sich selbst, weil sie sich in dem Moment nur ihrer Giftigkeit hingeben, bisweilen darin wie gefangen sind. Und Beziehungsunfähigkeit kann ich oder allgemeiner man/Mensch gar nicht brauchen. Ein Antidot, ein Gegengift fürs Giftigsein, erschiene hier doch schön. Denn als Gifthaferl möchte keiner enden. Vielleicht hilft es schon, ein paarmal tief durchzuatmen. Sich zurückzuziehen, bis die heftigste Spitze der Gefühlsregung vorbei ist. Oder doch ein Gebet gen Himmel schicken. Zur Vorbeugung die tägliche Meditation – viel Glück allen, die es damit probieren ... Ein solches Antidot mag helfen, kurzfristig, eventuell auch länger. Doch interessant wird es, wenn ich mir die Mühe mache und auf dieses Gefühl schaue. Was ist noch alles dabei, wenn ich mich gifte? Noch andere Facetten der Wut? Ein anderes Gefühl? Vielleicht Trauer, oder lugt irgendwo auch die Scham hervor? Meine Erfahrung ist, die Mühe lohnt sich und durch manch „giftige“ Gefühle verändert sich etwas in mir, wenn ich ehrlich darauf schaue. Und wenn es nur die Beziehung zu mir selbst ist. Uli Jauernig ist Pastoralreferent im Pfarrverband Waging und geistlicher Mentor im Ausbildungszentrum für Pastoralreferent:innen in München. Portraits: © privat 7 SCHWERPUNKT
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