Jesuiten 2024-1 (Schweiz-Ausgabe)

Luthers Rat gegen die Maßlosigkeit der Herrschenden Welche praktischen Lehren zog der Reformator Martin Luther aus seiner Lektüre des Magnifikats? Die Pastorin und Theologin Anne-Cathy Graber zeigt uns durch die Augen Luthers ein erfrischendes und mutiges Bild der Maria. Wie überrascht war ich, als ich herausfand, aus welchen Gründen Martin Luther einem zukünftigen deutschen Staatsoberhaupt, Prinz Johann Friedrich von Sachsen (1503–1554), die Meditation des Magnifikats empfahl! In seiner Auslegung zum Magnificat (1520/1521) schreibt der Reformator nämlich, dass er nichts so Effektives gegen schlechte Regierungsführung kenne wie diese Worte Marias. Es ist ein von einer Frau gesungenes Lied, das Luther auswählt, um einen zukünftigen Herrscher auf das Regieren vorzubereiten ... was im 16. Jahrhundert nicht an Kühnheit mangelt! Alles beginnt mit einem Blick. Dem von Gott auf die Menschheit. Aber diese Menschheit muss sich auch anschauen lassen! Nur, wie Luther in seiner Auslegung betont, Gott und die Menschen arbeiten und schauen in entgegengesetzte Richtungen: Gott schaut nach unten, auf das, was ohne Schein ist, auf das, was nicht oder nicht mehr ist, während der Mensch nur versucht, von sich selbst weg zu schauen, indem er seine Augen vom Mangel an Schein, von der Not und der Angst abwendet. Mit dieser Feststellung eröffnet er die Auslegung zum Magnificat: zwei Blicke, die sich unmöglich begegnen können! In dieser Sackgasse zweier Blicke, die sich nicht begegnen können, wird Maria zur Figur und zum Modell der Gläubigen: Sie ist diejenige, die sich anschauen lässt, das heißt sich in ihrer Niedrigkeit, oder besser gesagt in ihrer „Nichtigkeit“, wie der Reformator schreibt, erwählen lässt. Dies ist kein Mangel an Respekt für Maria. Luther will betonen, dass es für einen Menschen unmöglich ist, sich seiner eigenen Demut nicht als Tugend zu rühmen, wenn er sich ihrer bewusst wird. Aber Maria hat keine Angst vor dieser Niedrigkeit. Sie lässt sich auf eine göttliche Logik des Handelns ein, die der menschlichen Logik zuwiderläuft, und wird so beispielhaft für Luther. Maria akzeptiert die Erwählung als Logik eines Gottes, der keine Rücksicht auf Äußerlichkeiten nimmt … ein Gott, der sogar das zu bevorzugen scheint, was ohne äußeren Schein ist, und von dem man den Blick abwendet. In Maria drückt sich die Vorliebe Gottes für diejenigen aus, die nicht beachtet werden. Ausgehend von der Art und Weise, wie Gott Maria anschaut und wie sie sich von ihm anschauen lässt, fordert Luther die Mächtigen und Herrschenden zu einer Gewissenserforschung auf. Er hebt insbesondere die dreifache Versuchung der Macht, des Reichtums und der Ehre hervor, indem er das Gefühl der Maßlosigkeit als die schlimmste Bedrohung für das Herz eines jeden Herrschers anprangert. Die Maßlosigkeit entmenschlicht denjenigen, der Autorität hat, weil sie ihn dazu bringt, Gott und die Menschen, für die er verantwortlich ist, zu verachten, so der Reformator. Maria wird zum Beispiel für Luther, denn obwohl sie das größte Geschenk erhielt, das je einer menschlichen Person zuteilwurde, nämlich zur Mutter Gottes auserwählt zu sein, gab sie diesem Gefühl der Maßlosigkeit niemals nach. „Meine Seele erhebt den Maria: © Jaroslav Drazil. Das Foto ist im Atelier des Würzburger Künstlers aufgenommen. 20 SCHWERPUNKT

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