Jesuiten 2024-1 (Schweiz-Ausgabe)

Konturen eines Lebens Gedanken von Manfred Grimm SJ zu einer Madonna der Künstlerin Hilde Schürk-Fischer Im Treppenhaus der Jesuitenkommunität in Hamburg steht eine wandelbare Bronze-Madonnenfigur der westfälischen Künstlerin Hilde Schürk-Fischer (1915–2008). Eine Seite zeigt die Muttergottes mit dem Jesusknaben, die andere eine Piet . Während meiner Zeit in Hamburg habe ich diese Figur jeden Tag gesehen und mir so langsam eine Deutung dieser künstlerischen Arbeit erschlossen. In der katholischen spirituellen Literatur gilt Maria als Zugang zu Jesus: ad Jesum per Mariam. In vielen Darstellungen der Muttergottes spiegelt sich diese Überzeugung, dass die Verehrung Mariens in letzter Konsequenz nur zu ihrem Sohn hinführen kann. Das Jesuskind thront oft im Schoß seiner Mutter, die ihn als den eigentlichen Träger der Offenbarung präsentiert. Die Plastik Hilde Schürk-Fischers evoziert diese Tradition der thronenden Muttergottes mit Kind, die als sedes sapientiae (Sitz der Weisheit) bezeichnet wird, weil Maria dort eben als Thron der inkarnierten ewigen Weisheit Gottes gezeigt wird. Die Bildhauerin hat die Darstellungskonventionen aber so gewendet, dass ihre Statue nicht mehr hieratisch oder starr wirkt. Es handelt sich hier nicht so sehr um ein Bild der „Gottesgebärerin“ mit dem fleischgewordenen Wort, sondern eine innige und frohe Darstellung einer Mutter mit ihrem Kind. Die Nähe zwischen den beiden Personen zeigt sich darin, wie Maria das Kind auf ihrem Schoß schützend mit beiden Armen umfangen hält, während dieses in den Armen seiner Mutter diese zugleich umfasst. Das Christuskind thront hier weniger, als dass es gehalten wird. Zugleich hält es selbst die Arme seiner Mutter, hilft ihr, ihn zu halten. Wenn man länger hinschaut, entspinnt sich eine Dynamik von Halten und Gehaltenwerden, in der die beiden Bewegungen ineinander übergehen: Maria hält Jesus und Jesus hält Maria. Die Kehrseite dieses heiteren Bildes ist eine Piet , in der das frohe Miteinander der Mutter-Kind-Gruppe völlig aufgelöst ist. Der tote Christus zerfließt gleichsam in den Armen Marias. Er wird nur noch notdürftig von ihr zusammengehalten, die selbst von einer Abwärtsbewegung bestimmt ist. Beide verlieren den Halt und fallen einer einzigen zerfließenden und verwischenden Bewegung anheim. Auch hier spiegeln sich die Emotionen von Mutter und Kind. Die Skulptur zeigt Maria am Anfang und Ende des Lebens Jesu. Die beiden Seiten teilen sich eine Kontur. Freude und Leid der Mutter Gottes sind eingeschrieben in den Umriss ihres einen Lebens. Dazu gehören Momente der glücklichen Nähe und des Haltens genauso wie Schmerz und Verlust. Sowohl die lichten als auch die tragischen Momente des Lebens Jesu teilt Maria mit ihm. Erst alle diese Elemente zusammen geben ein umfassendes Bild und führen zum Geheimnis der Menschwerdung hin. Geistlicher Impuls Manfred Grimm SJ ist gelernter Drucker. 2015 trat er in den Orden ein und studierte Philosophie und Kunstgeschichte in München, bevor er bei der Jugendarbeit der KSJ in Hamburg tätig war. Momentan studiert er Theologie in Paris. 22 GEISTLICHER IMPULS

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