Jesuiten 2024-1 (Schweiz-Ausgabe)

Maria und die Wirkmächtigkeit der Demut Bernhard von Clairvaux wird nachgesagt, er sei selbst der Mutter Jesu über den Mund gefahren mit den (angeblichen) Paulus-Worten: „Das Weib schweige in der Gemeinde…“ Jesus jedoch hatte keine schweigende Mutter. Maria hat das Magnifikat nicht mit geschlossenem Mund gesungen. Sie hat ihren Sohn sprechen und denken gelehrt. Das Schweigen, welches die Kirche den Frauen durch die Jahrhunderte verordnet hat, und welches in dieser legendenhaften Erzählung beispielhaft krass umrissen wird, ist nicht golden. Es ist bleiern. Dieses Schweigen ist die Schwester der Lüge. Denn es unterstützt, in vielen Ländern und Gemeinschaften bis heute, das uneingeschränkte Verfügungsrecht der Männer über die Frauen, das unhinterfragte Wüten einer patriarchalen Weltordnung, der Marias Sohn, Jesus von Nazareth, mit seinem Leben, Lehren und Tod vehement widerspricht. Denn Jesus lehrt uns, endlich geschwisterlich zu werden. Er beendet die Angst vor Gott und damit vor den Menschen. Jesus zeigt, dass es in unserer Gottes- und Menschenbeziehung nicht um Kontrolle geht, sondern um Freiheit. Liebe und Verstand, nicht die Angst, sind gute Ratgeber. Darum kann nur Gottvertrauen und nicht Herrschsucht oder Devotheit gegenüber dem Beifall der Entscheider uns wirklich tragen und heilsamer Antrieb sein. Das göttliche Geheimnis entäußert sich aller Gewalt. Wird ein hilfloses Menschlein. Nichts löst mehr Liebe aus. Wie Maria schon im Magnifikat prophetisch gejubelt hat, offenbart sich in ihrem Sohn die Wirkmächtigkeit der göttlichen Ohnmacht. Wir nennen sie Liebe. Maria singt von der Wirkmächtigkeit dieser Liebe, die, weil sie ohne Arg vertraut, die Fesseln der Angst löst und so Mut, Tatkraft und Energie auslöst. Das Vertrauen in die unbedingte göttliche Liebe entwaffnet und entbindet von Kontrollwut und Misstrauen. Maria fühlt sich gesehen. Denn sie erkennt: Die Wirkmächtigkeit der Liebe ist das nachhaltigste, stärkendste und durchsetzungsfähigste Element von Lebendigkeit. Diese Wirkmächtigkeit überwindet sogar den Tod. Das vermag keine Macht der Welt. Mit Maria erwarten wir Erlösung: Das göttliche Geheimnis entäußert sich aller Gewalt. Liefert sich ganz dem sich stets wandelnden Leben aus. Wächst heran in ihrem Leib. So unendlich vertraut Gott seinen geliebten Menschen. Gottvertrauen ist keine Einbahnstraße. Maria erwartet – wahrhaft demütig – die Wirkmächtigkeit der in Gott ganz und gar geborgenen Ohnmacht. Die allein vermag es, die gewalttätigen Herrscher vom Thron zu stürzen. Denn sie ist verortet dort, wo Menschen selbst im tiefsten Dunkel sich gehalten wissen, als Teil des göttlichen Seins. Lisa Kötter ist freischaffende Künstlerin und Autorin. 2019 hat sie zusammen mit fünf Freundinnen die Bewegung Maria 2.0 gegründet. Denn für sie zeigt das Bild, das die Kirche von Maria zeichnet, nur die Facetten, die den Kirchen-Herren durch die Jahrhunderte als vorbildhaft genehm waren, um Macht zu missbrauchen und über Menschen zu herrschen. Maria aber singt ein anderes Lied. Bild: Lisa Kötter © Ralf Baumgarten 7 SCHWERPUNKT

RkJQdWJsaXNoZXIy MjIwOTIwOQ==