Jesuiten 2025-3 (Schweiz-Ausgabe)

Jesuiten 2025-3 100 Jahre

Jesuiten 2025-3 1 Editorial Schwerpunkt 2 100 – Zahl der Vollkommenheit? 3 Erinnerung, Identität und Handeln 5 Für den Frieden lernen 6 Deutsche Jesuiten vor 100 Jahren 8 Ein Leben in Begegnungen 10 100 Jahre in Schweden 11 Brückenbauer des Glaubens 12 Ein Jahrhundert Hochschulen 14 Anfangen zu hoffen 15 Politik und Kirche - gemeinsam! 16 Geschichte spricht nicht in Merksätzen 18 Für demokratische Werte 21 Kino – Helden in 1000 Gestalten Geistlicher Impuls 22 100 Jahre auf der Suche nach Sinn Was macht eigentlich …? 24 P. Max Heine-Geldern SJ Nachrichten 26 Neues aus dem Jesuitenorden Personalien 29 Jubilare und Verstorbene 31 Personalnachrichten Medien/Buch 31 Freiheit und Vertrauen – Von alten Ordensleuten für das Leben lernen Adventskalender: Licht in allen Dingen finden Vorgestellt 32 Was macht der Laudato Si’-Beauftragte im Jesuitenorden? Schweiz 34 Klostermarkt Zürich – Begegnung von Stadt und Stille 36 Die besondere Bitte „Wie doch die Zeit vergangen ist!“ Das ist eine Formulierung, die man oft hört, wenn man Geburtstage, Jubiläen oder andere Erinnerungen feiert. Ob nun runde Jahreszahlen wie hier im Heft die Hundert oder ganz krumme Zeiträume: Was unser Zeiterleben ausmacht, ist das Erfahren von Brüchen und Aufbrüchen und gleichzeitig das Erleben von Kontinuität und Überlagerung. Diese Beschreibung trifft auch auf die Arbeiten der Künstlerin Carolin Kreutzer zu. Auf Leinwand bringt sie grafische Flächen miteinander ins Spiel, erzeugt perspektivisch Räume und Figuren. Transparenzen geben Durchblicke frei – und erzeugen Zuordnungen. So als ob man auf manche Zeiten zurückblickt und erst so sieht, wie alles eigentlich zusammenhängt. Stefan Weigand, Bildredaktion © Daniel Cramer

zumindest in Deutschland kommt man an einer Tradition am Silvesterabend nicht vorbei. Auf verschiedenen TV-Kanälen und in unterschiedlichen Versionen läuft Dinner for One, ein 18-minütiger Sketch aus dem Jahr 1963. Miss Sophie feiert ihren 90. Geburtstag und hat – wie jedes Jahr – vier gute Freunde zu einem Abendessen eingeladen. Butler James serviert gekonnt und springt für die Gäste ein, die bereits seit geraumer Zeit verstorben sind. Tapfer feiert Miss Sophie weiter, als wäre nichts gewesen. Vor jedem der fünf Gänge stellt James die Frage: „The same procedure as last year, Miss Sophie?“, woraufhin diese erwidert: „The same procedure as every year, James.“ Ob Miss Sophie wohl ihren 100. Geburtstag genauso gefeiert hat? In diesem und dem kommenden Jahr feiern einige große jesuitische Werke ihr 100-jähriges Jubiläum. Es bleibt zu hoffen, dass die Feiern anders aussehen als vor 25 oder 50 Jahren und dass andere Menschen Platz am Tisch nehmen, um gemeinsam mit uns zu feiern, die Jahrzehnte dankbar Revue passieren zu lassen und vor allem gemeinsam mit uns in die Zukunft zu gehen. Nicht nach dem Motto „The same procedure as last year“, sondern mit Dankbarkeit für die Vergangenheit, wachem Blick für das Heute und offenem Herzen für die Zukunft. Auch außerhalb der „jesuitischen Blase“ richtet sich die Aufmerksamkeit politisch oft auf einen Vergleich mit den Entwicklungen vor hundert Jahren: die „Goldenen Zwanziger“, aber auch das Erstarken politischer Extreme, Pandemie und Krieg. Als Redaktion haben wir uns entschieden, diesen „angehäuften“ Jubiläen Raum zu geben. Neben einem Blick auf die verschiedenen Institutionen und Werke möchten wir schauen, in welchem gesellschaftlichen und kirchlichen Klima diese Gründungen möglich waren, vor welchen Herausforderungen wir heute stehen, und fragen, was helfen kann, um zukunftsfähiger zu werden in einer kirchlichen und gesellschaftlichen Situation, die von starken Veränderungen geprägt ist. Ein herzlicher Dank gilt den Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe! Schön, dass Sie mit uns unterwegs sind! Eine anregende Lektüre und allen, die ein Jubiläum feiern dürfen: Ad multos annos! Liebe Leserin, lieber Leser, P. Dag Heinrichowski SJ und Rodolfo Tromellini SJ Porträtfoto: © SJ-Bild EDITORIAL 1

100 – Zahl der Vollkommenheit? In einer von Zehnerschritten geprägten Kultur markiert die Zahl 100 eine Schwelle: rund, greifbar, vollkommen. Julia Hahn begibt sich auf eine kulturelle und theologische Spurensuche. Spätestens bei 100 Grad Celsius kocht das Wasser – eine naturwissenschaftlich festgelegte Grenze, die zugleich metaphorische Kraft entfaltet. Für Grundschüler ist die Hundert eine frühe Zielmarke im Zahlenraum. Später wird sie – halb ernst, halb ironisch – zur imaginären Grenze menschlicher Lebenszeit. Die Hundert ist für viele Menschen eine Lebenszielmarke, an der das Leben enden „darf“, an der erreicht wurde, was erreicht werden konnte. Auch biblisch hat die Hundert einen besonderen Stellenwert. Im Buch Genesis lacht Abraham, als er hört, er werde mit 100 Jahren Vater (Gen 17,17). Die Geburt Isaaks wird so zum Zeichen göttlicher Verheißung jenseits biologischer Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit. Derselbe Isaak wiederum erfährt Segen in Form des „Hundertfachen“ (Gen 26,12), welches einen Ausdruck überreicher Fruchtbarkeit und göttlicher Fülle darstellt. Auch in den Gleichnissen Jesu findet sich die Hundert: Ein Hirte lässt 99 Schafe zurück, um das eine zu suchen (Lk 15,4). Erst durch das Wiederfinden des einen wird die Herde vollständig. Das Hundertste steht hier nicht nur für Quantität, sondern für das Ganze, das Vollständige, das Göttliche. Ihre zentrale Stellung verdankt die Hundert dem Dezimalsystem, das sich weltweit durchgesetzt hat. In Europa wurde es jedoch erst seit dem Hochmittelalter unter anderem durch Leonardo Fibonacci und die Überlieferung indisch-arabischer Mathematik rezipiert. Mathematisch ist die Hundert reich an Symbolik: Sie ist eine Quadratzahl (10 × 10), gerade, vielfach teilbar und eine sogenannte Harshad-Zahl (vom Sanskrit-Wort harsha = Freude/Glück abgeleitet), das heißt, sie ist teilbar durch ihre Quersumme (1). Auch gehört sie zu den „fröhlichen Zahlen“, da die iterierte Summe der Quadrate ihrer Ziffern eins ergibt: 12 + 02 + 02 = 1. Die Eins wiederum wird in der Philosophie und Theologie häufig mit Einheit und Ursprung assoziiert. Die kulturelle Bedeutung der Zahl 100 ist jedoch kein universelles Phänomen. Zeitliches Denken in Jahrhunderten entwickelte sich erst mit dem europäischen Humanismus und wurde durch die Etablierung des Gregorianischen Kalenders (1582) systematisiert. Davor orientierte sich Zeitrechnung an Herrscherjahren oder einschneidenden Ereignissen. Das Jahrhundert als historische Kategorie ist also ein Produkt europäischer Rationalität und Ordnungsliebe. Es ist nicht naturgegeben, sondern kulturell konstruiert. So lässt sich die Hundert als mehrdeutige Chiffre lesen: mathematisch präzise, symbolisch aufgeladen, theologisch tiefgründig. Sie steht für Ziel und Grenze, Maß und Vollendung. Die Hundert steht nicht nur für Bilanz, sondern auch für die Feier dessen, was erreicht wurde und für Aufbruch und Neuanfang. Mit Geschichte im Rücken und Zukunft im Blick können gegenwärtige Jubiläen gefeiert werden. Julia Hahn hat Kath. Theologie, Kath. Religionslehre, Mathematik und Bildungswissenschaften an der Universität Münster studiert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Theologie am Institut für Katholische Theologie an der Humboldt Universität zu Berlin und Doktorandin in Pastoraltheologie an der Universität Münster zum Thema „Festivalseelsorge“. 2 SCHWERPUNKT

Erinnerung, Identität und Handeln Jubiläen bringen Freude und die Weisheit, sich an den Anfang zu erinnern – für einen kritischen Blick in die Zukunft. Melanie Peetz zeigt ihre biblische Bedeutung. Die Befreiung aus Ägypten stellt das Gründungsereignis der Kinder Israels als Volk JHWHs in der Bibel dar. Nicht zufällig leitet der Hinweis auf den Exodus als eine Art Präambel oder als eine Art Fundierung die beiden Fassungen des Dekalogs ein (vgl. Ex 20,2 und Dtn 5,6). Auch viele Einzelgebote werden mit Aspekten der Exoduserfahrung in Verbindung gebracht. Das Gebot in Ex 22,20, Fremde nicht zu unterdrücken oder zu bedrängen, wird mit dem Hinweis auf Israels Erfahrung begründet, selbst Fremdling in Ägypten gewesen zu sein. Die Erinnerung an die Zeit in Ägypten ruft Israels Leid ins Gedächtnis und motiviert oder drängt Israel dazu, mit dem Fremdling mitzufühlen. Im Buch Deuteronomium begegnet uns die Aufforderung an Israel, sich an sein eigenes Sklavendasein in Ägypten zu erinnern (hebräisch זכר ), im Kontext der Gebote gleich mehrfach. Sie dient als Begründungsfigur für ein gerechtes Verhalten gegenüber Sklaven (Dtn 15,15), aber auch gegenüber allen anderen Bedürftigen in Israel (vgl. Dtn 24,18–22). Auch das Sabbatgebot in der Dekalogfassung von Dtn 5 wird mit dem Sklavendasein Israels in Ägypten begründet. Da Israel selbst Unterdrückung erfahren hat, soll es auch anderen – insbesondere den Schwachen – ganz im Sinne einer Ethik der Solidarität, Ruhe gewähren. Zu der Bedeutung der Exoduserfahrung passt, dass die Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten in der Bibel auch rituell ausgestaltet wird. In Ex 13,3 fordert Mose das Volk Israel auf, diesen Tag zu erinnern (hebräisch: זכר) – gemeint ist der Tag des Auszugs aus Ägypten, der in Ex 13,3 offenbar gerade vollzogen wurde (vgl. auch Ex 12,51). Diese Erinnerungsaufforderung wird in den Versen Ex 13,3–10 mit rituellen Anweisungen verbunden. Der Ritus soll, nachdem JHWH Israel in das verheißene Land gebracht hat, jedes Jahr am Tag des Auszugs durchgeführt (vgl. 13,4–5,10) und an die Nachkommen vermittelt und weitergegeben werden (vgl. Ex 13,8). Das Ritual zur Erinnerung zielt ganz offenbar darauf, den Exodus auch im verheißenen Land wachzuhalten, ihn zu aktualisieren und zu vergegenwärtigen. Er stiftet eine generationenübergreifende Identität, denn er bindet auch zukünftige Generationen des Volkes Israel, die die Erinnerung an den Exodus ständig weitertragen, in das Heilshandeln Gottes mit ein (vgl. auch Ex 12,17). Das Beispiel der Exoduserinnerung zeigt: Erinnerung meint kein starres Zurückdenken an vergangene Ereignisse. Erfahrungen, die durch Erinnerung aktualisiert und vergegenwärtigt werden, stiften Identität, sind Richtschnur und bieten Orientierung für das gegenwärtige und zukünftige Handeln. Wenn Institutionen im Rahmen eines Jubiläums ihre Geschichte in Erinnerung rufen, entsteht die Chance, sich der eigenen Identität neu zu vergewissern. Gleichzeitig drängt sich die Möglichkeit auf, in kritischer Abwägung Konsequenzen aus dem Bedachten zu ziehen und Leitlinien für gegenwärtiges und künftiges Handeln zu entwickeln. Melanie Peetz ist Lehrstuhlinhaberin für Exegese des Alten Testaments und Geschichte des antiken Israels an der PhilosophischTheologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Exodus- und biblische Emotionsforschung. Portraiftot: © Sankt Georgen Angelika Zinzow 3 SCHWERPUNKT

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Daniel Pleunik ist diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger. Er interviewt hundertjährige Menschen und Zeitzeugen als Friedensprojekt. www.youtube.com/@danielpleunik Für den Frieden lernen Der 25-jährige Daniel Pleunik ist der Initiator des Friedensprojekts „Lebensweisheiten von Hundertjährigen“. Er berichtet von seinen Erfahrungen. Bereits über 30 Menschen im Alter von 100 und mehr Jahren konnte ich zu ihren Lebensgeschichten bzw. Lebensweisheiten interviewen – eine große Ehre. Gemeinsam mit meiner Mutter, die als Kamerafrau mitwirkt, fahre ich quer durch Österreich und Deutschland, um die Geschichten, Erfahrungen und Weisheiten dieser letzten Zeitzeugen festzuhalten. Ziel meines Projekts ist es, die Erzählungen jener Menschen zu bewahren, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt haben – ein Friedensprojekt, damit sich die schreckliche Geschichte von damals nicht wiederholt. Gleichzeitig versuche ich durch ihre Lebensweisheiten zu zeigen, wie wichtig es für unsere Gesellschaft ist, unsere Kraft dafür einzusetzen, andere Menschen zu unterstützen, anstatt sie niederzudrücken. Gerade in einer Zeit, in der Polarisierung, Gewalt und Extremismus die Gesellschaft zunehmend spalten, zeigen die Erzählungen dieser 100-jährigen Zeitzeugen aus erster Hand, wie wichtig Menschlichkeit, Nächstenliebe und auch der Glaube für den Frieden auf der Welt sind: „Wenn schon zwei Menschen sich nicht verstehen, wie soll sich die ganze Welt verstehen?“, fragt beispielsweise der 100-jährige Georg H. Während meiner siebenjährigen Erfahrung in der Krankenpflege wurde mir bereits früh bewusst, dass Hass, Habgier und Brutalität nie eine Lösung sein können. In den Gesprächen mit den alten Menschen erfahre ich als junger Mensch jedes Mal, dass nur Liebe, Hoffnung und Toleranz ein respektvolles Miteinander ermöglichen. „Wenn du den Weg vor dir wissen möchtest, frag jene, die zurückkommen“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Ein weiteres Anliegen des Zeitzeugenprojekts ist es, insbesondere meine Generation für den respektvollen Umgang mit älteren Menschen zu sensibilisieren. Deswegen teile ich die Interviews – natürlich mit Zustimmung der jeweiligen Familien – auf meinem YouTube-Kanal Daniel Pleunik. So können diese wertvollen Geschichten der Jugend und junggebliebenen Menschen zugänglich gemacht werden. Besonders betonen möchte ich hierbei: Hinter jedem Interview mit einer 100-jährigen Person steht eine Familie, die mir ihr Vertrauen geschenkt hat. Nur dank dieses Vertrauens konnte das Friedensprojekt so wachsen, dass auf YouTube mittlerweile über 40.000 Menschen daran teilhaben. So hatte ich die Ehre, zwei Holocaust-Überlebende zu interviewen – sowie den derzeit ältesten lebenden Österreicher, Josef Peer. Dieser 107-Jährige gab mir folgende Lebensweisheit mit auf den Weg: „Die drei wichtigsten Dinge im Leben gibt es nicht zu kaufen: Gesundheit, Glück und Zufriedenheit.“ Kunstwerk: © Carolina Kreutzer 5 SCHWERPUNKT

Deutsche Jesuiten vor 100 Jahren Vor 100 Jahren erlaubte eine glückliche Konstellation den deutschen Jesuiten, nach der Zeit des Kulturkampfs viele neue Institutionen zu gründen und neue Wege zu wagen – aber nicht ohne Herausforderungen, wie P. Klaus Schatz SJ zeigt. „Es war ein frohes Schaffen, ‚beim Auszug Israels aus Ägypten‘, bei der Rückkehr der Provinz aus der Verbannung“ – so beschrieb P. Bernhard Bley in seinem Rückblick von 1956 die Jahre seines Provinzialats der Niederdeutschen Jesuitenprovinz von 1921 bis 1927. Gewiss habe es mancherlei Probleme gegeben, aber es waren die Jahre der Freiheit nach dem Fall des Jesuitengesetzes 1917 und der Weimarer Verfassung 1919. Man musste sie ausnutzen. „Sichtlich und fühlbar wurde mit Gottes Hilfe eine Schwierigkeit nach der andern überwunden“. 1925 konnten in der Niederdeutschen Provinz für die Gründung dreier großer Institutionen bis dahin unlösbar scheinende Schwierigkeiten „eine nach der andern überwunden“ werden. Für die geplante Theologie in Frankfurt wurde ein passender Ort mit Park gefunden, das heutige Sankt Georgen. Es kostete eine halbe Million, die für das Ostnoviziat im schlesischen Mittelsteine gebraucht wurde. Ende des Jahres brachte eine unerwartete Erbschaft von zwei Millionen von der Familie NellBreuning die Lösung. Über den Bankdirektor Schmillen wurde das Grundstück schließlich für die Aachener Immobilien GmbH erworben. Dass sich dahinter die Jesuiten verbargen, „hat damals außer den Unsrigen keiner durchschaut“, wie die Hauschronik des folgenden Jahres für Sankt Georgen berichtete. So konnte 1926 der Lehrbetrieb beginnen. Ein politischer Umschwung in Preußen, nämlich die Mitte-Links-Regierung, die sieben Jahre Bestand haben sollte, gab im Januar 1925 grünes Licht für das Katholische Gymnasium am Lietzensee, das mit Rücksicht auf protestantische Empfindlichkeiten noch nicht Canisiuskolleg heißen durfte. Am 16. April wurde die Schule mit zwei Sexta-Klassen, zwei Jesuiten- und zwei Laienlehrern eröffnet. Und wofür man auch einen Ort fand, war das Noviziat für die noch im Embryonalstadium befindliche Ostprovinz: Es war das Rittergut Lüttwitzhof in Mittelsteine, das am 30. März für 300.000 Mark erworben wurde. Im folgenden Jahr konnten die Novizen vom provisorischen Standort Exaten in den Niederlanden dorthin umziehen. Die wichtigste Neugründung war das Berchmanskolleg in Pullach, wo Ende September die Jesuiten-Ausbildung in Philosophie begann. Freilich zementierte dies zunächst die Auseinanderentwicklung von Nord und Süd: Bis 1934 schickten Süddeutschland und Österreich ihre Scholastiker (Jesuitenschüler) zur Philosophieausbildung nach Pullach, während die norddeutschen Scholastiker nach wie vor Philosophie in Valkenburg in den Niederlanden studierten. Zwei wichtige Zeitschriften der Jesuiten erschienen erstmals 1925/26. Für den Bereich der Spiritualität war es ab Anfang 1925 die Zeitschrift für Askese und Mystik, später Geist und Leben. Sie erwuchs aus einer ausgesprochenen Konkurrenzsituation zu den Benediktinern und der beginnenden Liturgischen Bewegung, wogegen sie das speziell Jesuitische und die (noch stark voluntaristisch-aszetisch verstandenen) Exerzitien ins Spiel bringen wollte. Ein Jahr später startete die Zeitschrift Scholastik (später Theologie und Philosophie). Die apologetische Marschroute gab Ordensgeneral 6 SCHWERPUNKT

P. Klaus Schatz SJ trat im Jahr 1962 in die Gesellschaft Jesu ein und war für viele Jahre als Professor für Kirchengeschichte vor allem in Frankfurt/Sankt Georgen tätig. Seit 2022 lebt er im Seniorenheim in Berlin-Kladow. Wladimir Ledóchowski vor. Am 18. Januar 1925 schrieb er, die modernen Irrtümer sollten dort „entschieden, aber nicht hart“ (also nicht aggressiv-polemisch) zurückgewiesen werden. Die Option für den traditionellen Ordensstil zeigte sich auch darin, dass als Novizenmeister der Niederdeutschen Provinz der der neuen Jugendbewegung gegenüber offene P. Paul Sträter 1925 durch P. Heinrich Schmitz ersetzt wurde. Er sah es als seine Aufgabe an, den „falschen Geist der Jugendbewegung“ – vor allem des Bund Neudeutschland (ND), aus dem in der Nordprovinz jetzt die Mehrzahl des Nachwuchses kam – aus den Novizen auszutreiben. „Die Novizen, welche aus der Jugendbewegung (ND) kommen, sind sentimental, weich und gehen dem Unangenehmen aus dem Wege“. Bei ihm war „Erziehung zur Demut“ Ein und Alles. Erst unter seinem Nachfolger Wilhelm Flosdorf (seit 1934) wurde diese Einseitigkeit überwunden. Subjektive gegen objektive Frömmigkeit, Askese gegen Liturgische Bewegung: Gegensätze, die nicht erst uns, sondern auch schon der Generation nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr verständlich schienen. Aber es gab hier nicht nur Polarisierung. So insbesondere 1925 in den Stimmen der Zeit-Artikeln von Erich Przywara und Ernst Böminghaus (einem der wenigen Jesuiten, die der Liturgischen Bewegung positiv gegenüberstanden): Beide müssen sich ergänzen, beide können voneinander lernen. Der Aufbau der Häuser ging weiter. Ende April 1925 wurde in Essen die neue Residenz unter dem Namen Ignatiushaus bezogen. In Oppeln (Oberschlesien) eröffneten die Jesuiten Anfang Januar nach Breslau eine zweite schlesische Niederlassung als Zentrum für Missionen und Exerzitien. Jedenfalls ging es aufwärts, wenn auch keineswegs ohne Probleme. Kunstwerk: © Carolina Kreutzer 7

Ein Leben in Begegnungen Ein Leben lang auf der Suche nach Sinn: Am 24. Juli feierte P. Richard Brüchsel SJ seinen 100. Geburtstag. Er erinnert sich an prägende Erfahrungen und Begegnungen, die sein Denken und seinen Glauben wesentlich beeinflusst haben. Ich bin in Bern geboren und habe dort die Matura an einem naturwissenschaftlichen Gymnasium absolviert. Ich war von Haus aus ein guter Mathematiker. Im Konservatorium habe ich sechs Jahre Geige bei einer Lehrerin aus Lausanne gelernt. Sie hieß Magda Lavanchy. Das hat mich geprägt und mir auch weitergeholfen. Warum das so wichtig ist? Das habe im vergangenen Jahr überdacht. Als ich das Konservatorium beendet hatte, sagte sie zu mir, dass wir zwei verschiedene Ausgangspunkte gehabt hätten, die aber auf das Gleiche zugegangen wären. Sie hat dann beim Abschied das OmegaZeichen gemacht. Obwohl sie nicht katholisch war, hat sie meine Religiosität beim Geigespielen geweckt. Sie hat Interesse an mir gezeigt. 8

100 Jahre alt zu werden, da stellt man sich schon die Frage: Was kommt jetzt noch? Was ist noch möglich? Es gibt keine Antwort, keine Vermutung – nur diese Frage. Teilhard de Chardin SJ hat dazu auch etwas beizutragen: Er begann stets mit etwas Materiellem, was er immer wieder neu betrachtet hat, und plötzlich hat er gefunden, das sei kein Weg. Er hat sich für das Lebendige geöffnet. Nach der Hundert kommt die Evolution. La complexité – la conscience. Man redet mit jemandem und das Bewusstsein erwacht. Es braucht Begegnungen, damit Bewusstsein entsteht. Es gab Zeiten, da habe ich nur von Teilhard gesprochen. Eigentlich ist das vorbei. Ladislaus Boros hat mir damals, als ich mich mit dem Hebräerbrief auseinandersetzte, gezeigt, womit sich Teilhard beschäftigt hatte. Davor bezeichnete ich Teilhard schon mal als obskuren, fantastischen Mystiker. Und habe ihn dann plötzlich doch sehr ernst genommen. Eine Sache ist auch wichtig: Teilhard hatte eine kranke Schwester und eine gescheite Cousine. Sie hat ihn gefördert. Das war eine gute Lebensfreundschaft. Ich habe auch solche Lebensfreundschaften wie die zu Ursula King aus London, der Theologin und Teilhard-Expertin. Bis heute pflege ich den Kontakt zu ihr. Die Weltgeschichte mag ich wenig erinnern: Wir haben uns mit Deutschland beschäftigt. Warum ist das so gekommen? Ich erinnere mich, dass ich nach dem Krieg, als ich Philosophie in Pullach studierte, in München immer an einem Ort vorbeikam, an dem das erste Haus wiederaufgebaut wurde, aus Trümmern. Auch St. Michael, die Jesuitenkirche, musste erneuert werden. Ich habe gesehen, dass wir einer neuen Zeit entgegengehen. Später bin ich bin von Basel aus nach Mulhouse und anderen Orten predigen gegangen. Ich wollte niemanden jemals etwas „mitgeben“, sondern nur mitteilen, was mich beeindruckt hat. Erzählen, was mein Leben ausmacht. Zum Beispiel ist es wichtig, in die Landschaft hinauszugehen, sich mit ihr zu beschäftigen und nicht nur aus Büchern zu leben. Ich war jeden Nachmittag draußen. Es hat mir immer gefallen, in der Natur zu sein. In meiner Jugend habe ich zusammen mit meinem Bruder Pius vom Walliser Saastal aus Touren gemacht. Pius war zwei Jahre älter als ich. Er hat die Kunstgewerbeschule in Bern besucht und mit Auszeichnung abgeschlossen. Er ist auf einer unseren Bergtouren verunglückt. Ich habe vor Schreck geschrien. Ich habe nicht geweint. Das Gespräch führte P. Toni Kurmann SJ. Text: Helge von Giese Bei seiner Geburtstagsfeier am 24. Juli 2025 im Lassalle-Haus bedankte sich P. Richard Brüchsel mit folgenden Worten für die zahlreichen Glückwünsche: „In all dem, was wir heute erleben, weist uns Teilhard de Chardin darauf hin, dass wir uns in einem Prozess der Evolution auf eine offene Zukunft zubewegen. Vieles vergeht. Vieles bricht zusammen. Ein neues Bewusstsein entsteht. Es gibt kein Zurück. Da geht es nicht an, resignativ auf die Bremse zu gehen und zu sagen ‚Ich steige aus!‘ oder mit der Schulter zu zucken ‚Es kommt dann schon irgendwie gut.‘ – Nein! Es kommt nicht irgendwie. Wir sind Teil dieses evolutiven Prozesses und gestalten mit. Deshalb gebe ich euch die Frage mit auf den Heimweg: Wie könnt ihr mitwirken an dieser Zukunft? Was ist euer Beitrag?“ P. Richard Brüchsel SJ führte in Bad Schönbrunn Exerzitien- und Bibelkurse durch und war im Borromäum in Basel und im Akademikerhaus Bern tätig. Er ist Teilhard de Chardin-Experte und -Übersetzer. P. Brüchsel lebt im Pflegeheim St. Franziskus der Schwestern vom Heiligen Kreuz in Menzingen im Kanton Zug in der Schweiz. Kunstwerk: © Carolina Kreutzer 9 SCHWERPUNKT

P. Ulf Jonsson SJ ist Professor für Religionsphilosophie am Newman-Institut in Uppsala und Chefredakteur von Signum, der Kulturzeitschrift der Jesuiten in Schweden. Er wurde 1960 im schwedische Eskilstuna geboren und ist seit 1984 Jesuit. 100 Jahre in Schweden Die Präsenz der Jesuiten in Schweden hat eine lange Geschichte und ist die andere Seite der Medaille des Kulturkampfes in Deutschland. P. Ulf Jonsson SJ gibt einen Einblick in die Entwicklungen der letzten 100 Jahre und darüber hinaus. Schon im 16. Jahrhundert versuchte der italienische Jesuit Antonio Possevino in Schweden, Lutheraner und Katholiken zu versöhnen – allerdings ohne Erfolg. Im 17. Jahrhundert, als Konversionen zum Katholizismus in Schweden mit der Todesstrafe belegt waren, lebten zwei Jesuiten – zusammen mit dem Philosophen René Descartes – am königlichen Schloss in Stockholm. Sie bereiteten heimlich Königin Christina auf ihre bevorstehende Konversion zum Katholizismus vor. Seit 1879 wirken die Jesuiten offen in Schweden. Einige der Jesuiten, die im Zusammenhang mit dem Kulturkampf aus Deutschland ausgewiesen worden waren, wurden nach Stockholm destiniert. Dort übernahmen sie die Verantwortung für die Sta.-Eugenia-Kirche, damals die einzige katholische Pfarrei im Land. Weitere Pfarreien gründeten sie in anderen Städten des Landes und prägten so maßgeblich den Aufbau der nachreformatorischen katholischen Kirche in Schweden. Vereinfachend könnte man sagen, dass die apostolischen Tätigkeiten der Jesuiten in Schweden in den letzten hundert Jahren zwei Schwerpunkte gehabt haben: die pastoralseelsorglichen Tätigkeiten in Pfarreien und das intellektuelle Apostolat. In Städten wie Stockholm, Gävle, Norrköping, Uppsala, Västerås und Örebro betrieben die Jesuiten eine ignatianisch geprägte Pastoral in ihren Pfarreien. Dazu gehörten u. a. gut vorbereitete Predigten und feierlich gestaltete Gottesdienste. Die Jesuiten förderten eine kultur- und gesellschaftsoffene Haltung unter den Katholiken. In ganz Schweden gab es damals weniger als tausend Katholiken, und diese Ausrichtung der Pastoral wollte eine Abkapselung der Katholiken von der umgebenden Gesellschaft vermeiden. In den Pfarreien der Jesuiten förderte man auf verschiedene Weise die religiöse Bildung der Katholiken. So gehörten die Jesuiten beispielsweise 1920 zu den Mitbegründern der Kulturzeitschrift Credo (seit 1975 mit dem neuen Namen Signum) – seit 1930 liegt die Schriftleitung der Zeitschrift bei den Jesuiten in Uppsala. In Stockholm begann man schon Ende des 19. Jahrhunderts mit den Planungen für den Bau eines großen katholischen Gymnasiums. Das Kapital für das Bauprojekt investierte man in deutschen Staatsobligationen. Als Deutschland den Ersten Weltkrieg verlor, wurden die Staatsobligationen wertlos und das Bauprojekt aufgegeben. Erst viel später, im Jahr 2010, ist es den Jesuiten gelungen, eine größere Bildungseinrichtung in Schweden ins Leben zu rufen: Das Newman-Institut in Uppsala konnte eingeweiht werden. An dieser Hochschule studieren heute rund 250 Studierende Philosophie und Theologie in der katholischen Tradition. 10 SCHWERPUNKT

Brückenbauer des Glaubens Der französische Jesuit Michel de Certeau ist spätestens durch das erste große Interview, das Papst Franziskus 2013 den jesuitischen Kulturzeitschriften gegeben hat, auch in Deutschland bekannt. Am 17. Mai 2025 hätte Certeau seinen 100. Geburtstag gefeiert. François Dosse beginnt seine Biografie mit der Schilderung des Requiems für Certeau am 13.1.1986. Ganz Paris nimmt Abschied – nicht nur Jesuiten, sondern auch viele Intellektuelle Frankreichs. Das Begräbnis führt sie zusammen – noch dazu in einer katholischen Kirche. Certeau führt Menschen zusammen, baut Brücken zwischen ihnen und zwischen wissenschaftlichen Disziplinen. Er ist nicht nur Theologe und Philosoph, sondern auch Historiker und Soziologe. Er interessiert sich für Mystik, genauso wie für das Alltagsleben der Pariser – in beiden Bereichen entdeckt er Ressourcen für sein Denken. Nicht ohne – inspiriert vom stillen Gebet des Priesters vor der Kommunion und dem alten Gebet Anima Christi kommt in dieser Formulierung eine entscheidende Denkfigur Certeaus zum Ausdruck: Nicht ohne. Nicht ohne Jesus. Und nicht ohne die anderen. Ein theologisches Anliegen Certeaus ist die Vielfalt. Er widersteht der Versuchung, Eindeutigkeit zu postulieren, wo nur Vieldeutigkeit redlich und realistisch ist. Ein theologischer Bezugspunkt für die Vielfalt an christlichen Formen der Nachfolge ist für ihn das leere Grab am Ostermorgen: „Der Urheber [des Glaubens] verschwindet, kann nicht mehr erfasst und ‚festgehalten‘ werden, da er in einer Vielzahl von ‚christlichen‘ Erfahrungen und Vorgängen Gestalt und Bedeutung annimmt. Es gibt nichts Wahrnehmbares mehr als eine Vielzahl von Praktiken und Diskursen, die denselben weder bewahren noch wiederholen.“ Es gibt Jesus Christus und den Glauben an ihn nur als „offenes Netz von Ausdrucksformen […], die ‚nicht ohne‘ ihn wären.“ La fable mystique, Certeaus theologisches Hauptwerk, setzt sich mit der Sprache von Mystiker:innen auseinander, die versucht zu benennen, wofür es keine Worte gibt. Eine Sprache, die sich ihrer Begrenzt- und Unabgeschlossenheit bewusst ist. Eine Sprache, die riskiert, offen zu lassen und Fragment zu bleiben. Eine Sprache, die sich herantastet und Mehrdeutigkeit in Kauf nimmt. Vielleicht könnte man den Titel mit „Fabelhafte Mystik“ übersetzen, um die Uneindeutigkeit des Begriffs einzufangen: „einmal fabelhaft als nicht zu greifen, und einmal fabelhaft als hinreißend, als begeisternd.“, so Stefan Knobloch. In seiner „biographischen Spurensuche“ zitiert Christian Bauer den Text, mit dem der „denkbar kirchenferne“ Merve-Verlag Certeau im Jahr 1988 dem deutschsprachigen Publikum „nicht ohne Augenzwinkern“ vorstellt: „Certeau […] war Historiker und Spezialist der Mystik, gleichermaßen bewandert in Philosophie, Linguistik, Ethnologie und Soziologie, unterwegs in theoretischen Systemen und an Universitäten in Europa, Süd-, Mittel- und Nordamerika, Redaktionsmitglied von ‚Traverses‘ und Berater des Centre Pompidou, kurz: ein Jesuit.“ 100 Jahre nach seiner Geburt bleibt eindeutig: Christentum geht nicht ohne die anderen. P. Dag Heinrichowski SJ promoviert in Pastoraltheologie an der Uni Münster. Er lebt in Frankfurt und ist als Spiritual am Priesterseminar Sankt Georgen tätig. Seit 2022 ist er Koordinator des Weltweiten Gebetsnetzwerks des Papstes in Deutschland und betreut einfach beten! sowie Click To Pray. 11 SCHWERPUNKT

Ein Jahrhundert Hochschulen Der Jesuitenorden feiert 2025 und 2026 in Frankfurt und München zwei wichtige Institutionen, die die akademische Landschaft Deutschlands und darüber hinaus geprägt haben. P. Christian Rutishauser SJ hat die Entwicklungen der letzten Jahre als Delegat begleitet. Seit Anbeginn gehört philosophische und theologische Bildung zum Jesuitenorden. Ignatius von Loyola hatte rasch begriffen, dass sie für die Formung der Jesuiten und für die Glaubensverbreitung unerlässlich ist. Wie er also aus seiner persönlichen Erfahrung heraus mit dem Exerzitienbuch zu einer spirituellen und existentiellen Bildung des Herzens anleitete, so begann er als Ordensgeneral, Kollegien zu errichten. Gesellschaftliche Verantwortungsträger sollten umfassend gebildet werden. Das humanistische Bildungsideal und die reformatorische Gelehrsamkeit bildeten im 16. Jahrhundert den Kontext. So entwickelte sich eine standardisierte Studienordnung, die der Orden in allen Ländern implementierte. Die ganze Barockzeit sollte davon geprägt werden. Auch im 19. und 20. Jahrhundert gestalteten die Jesuiten die Bildungslandschaft mit, doch die gesellschaftliche Situation war eine andere. Ihre Bildung musste nun auch mit Vorgaben religionsneutraler Staaten einhergehen. Dabei ist sie immer umstritten, da sie Generationen prägt. Gerade in Deutschland und der Schweiz kam es zu Jesuitenverboten. Ab 1917 war es den Jesuiten wieder erlaubt, in Deutschland Ausbildungsstätten zu errichten. Da in dieser Zeit auch die Diözese Limburg einen eigenen theologischen Ausbildungsort anstrebte, entstand die Idee, eine theologische Fakultät in der Frankfurter Universität zu errichten und nach Innsbrucker Vorbild vollständig den Jesuiten zu übergeben. Dies konnte nicht umgesetzt werden. Doch 1926 kam es zur Gründung der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen für die Ausbildung von Diözesanpriestern. Erst nach dem Krieg fand 1950 auch die Fakultät für die Ausbildung der Jesuiten, die aus zeitpolitischen Gründen noch in Valkenburg (Niederlande) und ab 1945 in Büren ihren Sitz hatte, ihren Standort in Frankfurt. Im Verlaufe der Zeit schlossen sich verschiedene Diözesen Limburg an, so dass Sankt Georgen heute Priester wie auch Theologen und Theologinnen für alle kirchlichen Berufe für Osnabrück, Hamburg und Hildesheim ausbildet; 2023 ist das Bistum Aachen als Trägerdiözese hinzugestoßen. Überhaupt kamen Studierende aus ganz Deutschland und der Weltkirche. 1925 gründete der Orden in Pullach bei München das Berchmanskolleg. Der Orden schuf damit für die Jesuiten selbst eine hochwertige Ausbildungsstätte in Deutschland. In der Umbruchszeit des Zweiten Vatikanischen Konzils entschied man sich dann für eine Neuausrichtung. So wurde 1971 die Hochschule für Philosophie als Nachfolgeinstitution im Herzen Münchens eröffnet, nun allgemein für Studierende offen. Schließlich ist es den Jesuiten ein Anliegen, nicht nur kirchliches Personal auszubilden, sondern Männer und Frauen zu formen, die bereit sind, in Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Die Hochschule entwickelte sich neben der Ludwig-Maximilians-Universität zu einem Ort der Philosophie mit eigener Prägung. Sie wird vom Bayrischen Staat mitfinanziert, was seit 2022 sogar im Universitätsgesetz veran12 SCHWERPUNKT

kert ist. Auch wenn an der Hochschule selbst in der Zwischenzeit keine Jesuiten mehr die philosophische Grundausbildung machen, ist die Hochschule dank ihres guten Rufes immer gewachsen. In diesen Jahren ist die universitäre Bildung in großem Umbruch. Die Gründe dafür sind vielfältig, zum Beispiel veränderte Studieninteressen, Digitalisierung, Wertewandel, Verschiebung von Geldströmen, Mobilität. Dazu kommt die schwindende Bedeutung von Theologie und Kirche in der Gesellschaft. Der Jesuitenorden hat auch weniger Berufungen als in früheren Jahren. Dennoch gehört existentielle und spirituelle, theologische und philosophische Bildung zu seinem Kerngeschäft, das in Kirche und Gesellschaft geschätzt ist. Es geht in tertiärer Bildung schließlich nicht nur darum, Kompetenzen und Wissen zu vermitteln, so wichtig dies in einer hochspezialisierten Bildungsgesellschaft ist. Es braucht Persönlichkeits- und Wertebildung sowie Reflexions- und Urteilsfähigkeit für alle, die Verantwortung übernehmen. Auseinandersetzung mit religiösen Traditionen und mit Glauben ist in einer säkularen, immer mehr postchristlichen Gesellschaft besonders wichtig. So lehrt die Philosophie an einer Jesuiteninstitution kritisches Denken und nachhaltiges Handeln, indem sie Denktraditionen von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit und Moderne hinein erschließt. Sie lehrt Anthropologie und forscht, um kulturelle Zusammenhänge zu verstehen. Religionsphilosophie und Metaphysik haben neben angewandter Philosophie in Medizin und IT ihren festen Platz. Gerade durch eine private Hochschule kann der Jesuitenorden Akzente setzen und einen existentiellen Philosophiestil betreiben, wie dies an staatlichen Fakultäten nicht möglich wäre. Auch jesuitische Theologie dient nicht nur der Wissenschaft, sondern hat ihren eigenen Stil. Sie ist weisheitlich und angewandt geprägt, vermeidet religiösen Extremismus, begleitet spirituelles Suchen, steht im Dienst der lokalen wie der Weltkirche, setzt sich mit Islam und Judentum auseinander etc. Sie verhilft, den Glauben zeitgemäß und in einer Sprache zu vermitteln, die Menschen mit höherer Bildung angemessen ist. P. Christian M. Rutishauser SJ ist Professor für Judaistik und Theologie an der Universität Luzern. Bis Sommer 2025 war er Delegat des Provinzials für Hochschulen. Kunstwerk: © Carolina Kreutzer 13

Anfangen zu hoffen Welche Herausforderungen stehen in Kirche und Theologie an und welchen Beitrag können die Jesuiten leisten? Gedanken von Jan Loffeld. „Das Wichtigste habe ich mir bis zum Schluss aufbewahrt. Wir werden in einer säkularisierten Umwelt vielleicht bald eine Diasporakirche sein … Diaspora würde bedeuten, dass wir zur Situation der Urkirche zurückkehren … Die Urkirche war kein heiliger Rest …, sie war ein heiliger Anfang.“, so Walter Kasper in seiner Biografie (2025). Orden sind – nicht zuletzt die Jesuiten – aus Krisen der Kirchengeschichte entstanden. Sie waren Wegweiser in die Zukunft aus einer Erneuerung vom Ursprung, vom „Evangelium“ her. Die große Frage ist, was heute, angesichts einer neuen, vermutlich so noch nicht dagewesenen Diasporasituation einen solchen neuen Anfang auszeichnen könnte. Denn meistens meinte Diaspora eine religiöse Minderheit neben bzw. inmitten anderer religiöser Mehrheiten. Heute ist der Götterhimmel eher leer. Alle klassischen Religionen – zumindest in Westeuropa – kommen in eine neue, ungekannte Diaspora. Die Schritte in eine Diaspora lassen sich nicht nur strategisch bestimmen. All das geschieht mit der Kirche und bisweilen hat sie daran auch aktiven Anteil. Welche flankierenden Fluchtpunkte könnten für eine Zukunft der Kirchen in eine neue gesellschaftliche Position als Hilfe für einen erneuerten Selbstentwurf dienen? Wofür kann die Kirche bzw. können die Christen stellvertretend innerhalb der Gesellschaft stehen? Welche Ressourcen können sie bereithalten, die ihren Dienst als „Sakrament des Heils“ (II. Vatikanum) unter veränderten Bedingungen ausmachen könnten? Eine Dimension ist zweifelsohne die Hoffnung. Hartmut von Sass hat sie in seiner kürzlich erschienenen Monografie Außer sich sein. Hoffnung und ein neues Format der Theologie theologisch seziert. Interessanterweise entstanden große Entwürfe von Hoffnungstheologie immer in Transformations- und Krisenzeiten: Maciels Schriften über die Hoffnung fanden in den Krisenjahren der 1920er Jahre ihren Ausgangspunkt, Moltmanns Theologie der Hoffnung (1977) ist nur vor dem Hintergrund der Umstürze jener Jahre zu verstehen. Das „eschatologische Büro“ scheint – ähnlich wie es von Balthasar 1957 propagierte – auch heute wieder geöffnet zu sein. Von Sass unterscheidet zwischen einer materialen und modalen Weise des Hoffens. Ist erstere auf etwas sehr Konkretes ausgerichtet (etwa eine Gehaltserhöhung), bezieht sich die modale Weise des Hoffens auf ein noch Ausstehendes, weniger Greifbares, allerdings die Praxis des Lebens heute schon bestimmendes Gut. Nicht nur im ersten Sinne hoffen die meisten Menschen, auch säkulare. Und wenn sie es insbesondere in der ersten Weise tun, könnte die zweite eine Option sein, die Christen in diese Gesellschaft einbringen. Sei es nur durch den Aufweis, dass es sich im Modus der modalen Hoffnung vielleicht besser lebt. Diese wäre insbesondere als Praxisform und weniger in Form von logischen Notwendigkeiten anzubieten. Eine solche Optionalität des Hoffens wäre damit der Optionalität des Glaubens vergleichbar: Natürlich kann man weiterhin auf sich und seine Fähigkeiten hoffen und an sie glauben. Allerdings kann das „modale Glauben“ im Sinne eines Existenzvollzugs – wie es etwa in den verschiedenen Traditionen der unterschiedlichen Ordensspiritualitäten als konkretes, gelebtes Praxiswissen vorliegt – noch mehr: ein Blinklicht für die Zukunft sein. Jan Loffeld ist am Niederrhein aufgewachsen und Priester im Bistum Münster. Seit 2019 ist er Professor für Praktische Theologie an der Tilburg University, School of Catholic Theology in Utrecht (Niederlande). 14 SCHWERPUNKT

Politik und Kirche – gemeinsam! Welche Herausforderungen stehen in Gesellschaft und Politik an und welchen Beitrag können die Jesuiten leisten? Diesen Fragen geht die Bundestagsabgeordnete Franziska Hoppermann nach. Papst Benedikt XVI. sagte anlässlich seiner Ansprache an die Generalkongregation der Jesuiten am 21. Februar 2008: „Eurem Herzen eingeprägt haben sich die Worte Pauls VI.: ‚Überall in der Kirche, an den schwierigsten und vordersten Fronten, bei ideologischen Auseinandersetzungen, dort, wo soziale Konflikte aufbrechen, wo die tiefsten menschlichen Wünsche und die ewige Botschaft des Evangeliums aufeinanderstoßen, da waren immer und sind Jesuiten.‘“ Dieser Satz verdeutlicht, was sich mir als ehemalige Schülerin eines von Jesuiten gegründeten Gymnasiums tief eingeprägt hat: Der Schatz ignatianischer Spiritualität verbindet Bildung und Mission – Persönlichkeitsbildung, den festen Platz an der Seite der Benachteiligten und die Begleitung junger Menschen in diesem Geiste. Das ist Sorge für das gemeinsame Haus, wie sie die Gesellschaft braucht. Es ist eben nicht egal, wie es anderen und somit der Gemeinschaft geht. Aufgabe von Politik ist die Bewahrung und Weiterentwicklung eines verlässlichen Rahmens, innerhalb dessen gutes, gerechtes und auskömmliches Zusammenleben und Zukunft möglich sind. Was bei den Menschen und Institutionen ankommt, sind oft vorrangig bürokratische Vorgaben, Steuersätze, komplizierte Regelungen und Formulare. Es braucht Menschen, die dies in den Alltag übersetzen und auch in Milieus vermitteln, die wir Politiker und die politischen Institutionen nicht so gut erreichen. Ein Dorf braucht den Marktplatz, das Rathaus und die Kirche, Schulen und soziale Einrichtungen. Die Herausforderungen, denen wir heute und in der nahen Zukunft gegenüberstehen, sind groß. Soziale Medien erzeugen Blasen, die die Gesellschaft spalten, sie anonymer und unversöhnlicher machen. Gleichzeitig stehen gesellschaftliche Strukturen unter Druck, und viele Machthaber in der Welt meinen es nicht gut mit uns. Demokratie scheint aus der Mode gekommen zu sein. Darunter leiden die Schwächeren, besonders Frauen und Kinder, und die Abwägenden. Weltweit werden Juden und Christen verfolgt. Für den Dialog und die Versöhnung verschiedener Kulturen und Religionen zu sorgen, ist eine Aufgabe, die uns alle gemeinsam fordert. Der verstorbene Papst Franziskus forderte in seiner ersten Generalaudienz 2013 die Versammelten auf, sich den Mitmenschen zuzuwenden und bis an die Ränder der Existenz zu gehen. Die Christen sollten sich vor allem den Armen und Vergessenen zuwenden, die Verständnis und Trost brauchten. Es sei notwendig, sich aus den starren Gewohnheiten zu lösen und „sich auf die kreative Liebe Gottes einzulassen, die uns zum Leben führt“. Dafür steht neben vielen anderen Franziskus‘ Ordensfamilie, die Jesuiten. Die Erziehung zu Mündigkeit, Weltoffenheit und die Weitergabe des christlichen Glaubens sind dabei ein wichtiger Schlüssel. Institutionen, die beides verbinden, sind ein unverzichtbarer Teil unserer gesellschaftlichen Struktur. Deshalb braucht es auch in Zukunft Jesuiten und den ignatianischen Geist. Dringender denn je. Franziska Hoppermann ist seit 2021 Mitglied des Deutschen Bundestages für die CDU. Sie kommt aus Hamburg. Im Mai wurde sie als Einzelpersönlichkeit in das Zentralkomitee der deutschen Katholiken gewählt. Portraitfoto: © Tobias Koch 15 SCHWERPUNKT

Geschichte spricht nicht in Merksätzen Viele Entwicklungen in Deutschland und Europa erinnern an die Weimarer Republik. Doch stimmt das? Jens Bisky blickt zurück. Die Warnung vor einem neuen „1933“ gehört zum eisernen Bestand der politischen Rhetorik. Man hört sie in Parlamenten und auf Demonstrationen. Sie dient der Mobilisierung und der Einübung eines bestimmten Blicks auf die Gegenwart. Aber was sieht man da? Als ich mein Buch über die letzten Jahre der Weimarer Republik und deren Zerstörung schrieb, musste ich mich mit rabiaten Bauernprotesten befassen, mit dem Erstarken radikaler Republikfeinde, die sich zur „Nationalen Opposition“ formierten, mit Attacken auf den Sozialstaat, den Wirtschaftsverbände zu teuer und zu großzügig fanden, mit Haushaltslücken, die kaum zu schließen waren, worüber sich eine regierende Mehrparteienkoalition zerstritt. Das war die Lage in Deutschland 1929/30. Während ich am Schreibtisch saß, alte Zeitungen las und wieder einmal feststellte, dass die Zeitgenossen damals keineswegs dümmer waren als wir, wie aufmerksam und klug sie die Erschütterungen ihrer Normalität kommentierten, ereignete sich in der Gegenwart Ähnliches: Bauern protestierten, wirtschaftliche Schwierigkeiten häuften sich, der Sozialstaat schien zu teuer, die regierende Koalition zerstritt sich, eine Partei machte laut und erfolgreich gegen alle anderen mobil. Und wie in den Zwanzigerjahren sieht es so aus, als könne niemand das Erstarken autoritärer Bewegungen und Regime aufhalten, als gebe es kein Mittel gegen antisemitische Niedertracht. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Auch 1930 stockte der Welthandel, geriet die internationale Ordnung ins Wanken, glaubten viele, eine Zeitenwende zu erleben. Apokalyptische Stimmungen vergifteten die gesellschaftliche Atmosphäre, neue Medien – damals Rundfunk und Tonfilm – schienen die Emotionalisierung des politischen Streits zu befördern; Vernunft, Kompromiss und Liberalität gerieten in Verruf. Vieles in der Gegenwart erinnert auf den ersten – und auch noch auf den zweiten – Blick an jene Jahre. Da wirkt es beinahe pedantisch, auf entscheidende Unterschiede hinzuweisen. 1930 lag der Krieg erst wenige Jahre zurück, seine Folgen waren überall zu spüren. Hunderttausende trugen Uniformen paramilitärischer Verbände. Saalschlachten, Prügeleien, politische Morde waren an der Tagesordnung. Die Furcht vor einem Bürgerkrieg grassierte, in Deutschland rechneten viele mit einem unmittelbar bevorstehenden kommunistischen Aufstand. Das ist heute anders, auch die wirtschaftliche Lage ist – Inflation hin, Krisen her – ungleich komfortabler als 1930, als Massen wieder hungerten und Millionen ums nackte Überleben kämpften. Gleichsetzungen zwischen einst und heute, erst recht der damit verbundenen Angstlust, stehe ich skeptisch gegenüber. Sie scheinen mir allzu oft eine Form der Hybris, der Bescheidwisserei, der intellektuellen Bequemlichkeit. Sie verführen zu der Annahme, man wisse schon, was komme. Dabei kann man leicht Neues übersehen. Und es ist zumindest inkonsequent, vor einem neuen „1933“ zu warnen und anschließend weiterzumachen wie gehabt. Dennoch lässt sich im Rückblick auf den Untergang der Weimarer Republik eine Menge lernen. Man kann seine politische Urteilskraft 16 SCHWERPUNKT

Jens Bisky ist geschäftsführender Redakteur am Hamburger Institut für Sozialforschung. 2024 erschien sein Buch Die Entscheidung. Deutschland 1929 bis 1934. Kunstwerk: © Carolina Kreutzer, Portraitfoto: © Bernhardt Link – Farbtonwerk schulen, erfahren, worauf man achten muss, welche Fehler bereits gemacht wurden und daher vermieden werden können. Zudem war das Geschehen um 1930 so komplex, in sich widersprüchlich, dass man in der Beschäftigung mit der Geschichte beginnt, den eigenen Gewissheiten zu misstrauen, eigene Annahmen zu korrigieren. Man übt, nach Handlungsketten zu fragen: Was geschieht, wenn nicht dies oder jenes gelingt? Und welche Möglichkeiten bleiben dann? Man kann lernen, wie wichtig Entscheidungen einzelner in Krisensituationen sein können, dass es gefährlich ist, Entscheidungen hinauszuzögern und auf bessere Umstände demnächst zu hoffen und dass unangenehmer ideologischer Streit gleich und mutig geführt werden muss. Im Falle Weimars rächte es sich, dass nach dem Schock über den Versailler Vertrag die Auseinandersetzung mit den Eliten des Kaiserreichs weitgehend unterblieb. So konnte die radikale Rechte die Kriegserinnerungen kapern, sich zur Bewegung im Geiste der einfachen Frontsoldaten inszenieren. Die Geschichte spricht nicht in Merksätzen, ja, sie spricht überhaupt nicht zu uns. Aber es ist nicht belanglos, wie wir über sie sprechen. Dabei sind die Berichte und Kommentare der Zeitgenossen eine kaum zu überschätzende Quelle auch für das Verständnis unserer Gegenwart. Der Philosoph Eric Voegelin beschrieb die totalitären Bewegungen der Dreißigerjahre als politische Religionen. Dabei ging er von der Annahme aus, „daß es Böses in der Welt gebe; und zwar das Böse nicht nur als defizienten Modus des Seins, als ein Negatives, sondern als eine echte, in der Welt wirksame Substanz und Kraft.“ Der Kampf gegen das Böse ist keine kurzfristige Aufgabe, die sich demnächst erledigt haben wird. Man kann sie auch nicht abwählen. Zur langen Geschichte dieses Kampfes gehört es, Notfallrhetorik zurückzuweisen und dennoch stets mit dem Schlimmsten zu rechnen. 17

Für demokratische Werte Der Rechtsextremismus ist eine Gefahr für die Demokratie. Michael Reder schaut aus philosophischer Perspektive auf die Entwicklung und versucht zu verstehen, welche Veränderungen rechtsextreme Gruppierungen mit sich bringen. Demokratien sind heute weltweit mit populistischen Bewegungen konfrontiert, die gesellschaftliche Diskussionen, aber auch politische Entscheidungen massiv beeinflussen. Besonders wirkmächtig sind rechtsextreme populistische Bewegungen, die mit teils subtilen Formen von Diskriminierung, Ausschluss und Gewalt arbeiten. Eine zentrale Frage für Demokraten ist, wie mit solchen Bewegungen umzugehen ist, insbesondere, wenn sie die Grundlagen der Demokratie in Frage stellen. Philosophisch betrachtet ist dabei wichtig zu verstehen, welche Veränderungen rechtsextreme Gruppierungen mit sich bringen. Ganz allgemein setzen populistische Bewegungen meist eine politische Meinung absolut und behaupten, bei dieser Position handele es sich um die Meinung des gesamten Volkes. Rechtsextreme Akteure verfolgen dieses Ziel, wenn sie vermeintlich im Namen der Gesamtbevölkerung ihre politischen Ziele propagieren. Demokratie tut sich oft schwer damit, weil sie die Meinungsfreiheit für ein hohes Gut hält. Wahlen sind Ausdruck davon. Demokratie setzt auf Vielfalt und schränkt deshalb auch rechtspopulistische Bewegungen (erst einmal) nicht ein, solange sie sich nicht explizit gegen die Verfassung stellen. Rechtsextreme Bewegungen beinhalten ein weiteres und zugleich widersprüchliches Element. Denn auch wenn so getan wird, als sprächen diese Gruppen für das gesamte Volk, grenzen und werten sie gleichzeitig andere Meinungen massiv ab. Alle politischen Konflikte werden als ein Konflikt „wir gegen die anderen“ gedacht. Extreme Formen der Aus18

grenzung sollen Menschen einschüchtern oder diskriminieren. Ein zentrales Merkmal ist die Gleichsetzung des Volkes mit der national-kulturellen Gemeinschaft. Alle politischen Entscheidungen sollen dem Wohl der Nation dienen. Dieses steht über allen anderen Abwägungskriterien. Trumps Wahlkampfslogan „America First“ war beispielhaft Ausdruck dieser Strategie. Auch mit einem solchen Selbstverständnis tun sich Demokratien oftmals schwer. Denn auch wenn Demokratien traditionellerweise selbst nationalstaatlich geformt sind, so haben sich im 20. Jahrhundert vielfältige Formen transnationaler Kooperationen herausgebildet, um auf globale Probleme im Geiste der Demokratie zu reagieren. Demokratien sind heute deshalb national und transnational zugleich. Demgegenüber reduzieren rechtsextreme Bewegungen globale Komplexität. Sie geben übertrieben vereinfachende Antworten, die der Welt von heute nicht gerecht werden. Rechtsextreme Gruppierungen arbeiten dabei außerdem mit einem Anti-Elitismus. Die politisch Herrschenden werden als eine Gruppe charakterisiert, die nur ihre eigenen Anliegen verfolgt. Damit sollen Politiker diskreditiert werden. Die abwertende Ausgrenzung und Diskriminierung von Demokraten insgesamt sind meist mit Beleidigungen verbunden. Begriffe wie „alternative Fakten“ sind Ausdruck für diesen Kommunikationsstil, der jede offene demokratische Diskussion beenden will. Wenn Demokraten rechtspopulistischen Bewegungen vorwerfen, sie würden mit solchen Verkürzungen den Kern der Demokratie nicht verstehen, dann wirken sie teils hilflos, weil es schwer ist, als Demokrat auf solche Behauptungen zu antworten. Eine der größten Gefahren rechtsextremer Bewegungen zeigt sich in all den beschriebenen Entwicklungen: Sie beinhalten nämlich eine Legitimierung von Gewalt gegen Andersdenkende. Dies ist der offensichtlichste Widerspruch zur Demokratie. Denn Demokratien begrenzen Gewalt. Nur der demokratisch legitimierte Staat darf Gewalt ausüben, um Frieden und Gerechtigkeit zu sichern – und nicht einzelne Gruppierungen. Die immer stärkere Unterwanderung des staatlichen Gewaltmonopols durch rechtsextreme Gruppierungen ist damit zentral gegen die Demokratie gerichtet. Rechtsextreme Gruppen stellen eine ernste Herausforderung für Demokratien gegenwärtig dar, die nicht klein geredet werden darf. In ihrem Populismus brechen sie mit demokratischen Spielregeln. Viele Gewissheiten demokratischer Praxis gehen mit den teils massiven Angriffen rechtspopulistischer Bewegungen scheinbar verloren, wie nicht nur die Ära Trump, sondern auch das Erstarken rechtsextremer Bewegungen in Europa zeigt. Demokratische Gewissheiten wie das Vertrauen auf einen normativen Grundkonsens oder die Anerkennung des demokratischen Streits als Grundelemente der Demokratie kommen ins Wanken. Was kann die Philosophie dem entgegensetzen? John Dewey, ein Philosoph des frühen 20. Jahrhunderts, hat angesichts nicht weniger dramatischer Krisen seiner Zeit einen wichtigen Impuls gegeben: Demokratie ist keine ideale Institution, die in Stein gemeißelt ist. Sondern sie ist primär die Haltung aller Bürger, die sich für demokratische Grundwerte einsetzen. Auf dieser Basis braucht es vielfältige Formen des widerständigen Engagements gegen die Feinde der Demokratie. Und robuste Institutionen, die demokratische Werte schützen und angesichts neuer Krisen experimentell weiterentwickeln. Denn die Demokratie liegt in unserer Hand. Michael Reder ist Vize-Präsident und Professor für Praktische Philosophie an der Hochschule für Philosophie in München, die 2025 ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Kunstwerk: © Carolina Kreutzer 19

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