• Prof. Dr. Michael Reder bei einer Veranstaltung in der Hochschule. (Archiv)
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10 Jahre Völkerverständigung an der HFPH

Der Lehrstuhl für Praktische Philosophie mit Schwerpunkt Völkerverständigung der Hochschule für Philosophie München feiert 2020 sein 10-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum diskutiert Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Michael Reder mit Prof. Dr. Katajun Amirpur (Köln) und Prof. Dr. Heiner Bielefeldt (Erlangen) am 8. Januar über "Islam und Religionsfreiheit". Wir haben mit Professor Reder über die Arbeit des Lehrstuhls, die Bedeutung der Völkerverständigung in der Politischen Philosophie und Gefahren für die Demokratie gesprochen.

Professor Reder, vor 10 Jahren haben Sie den Lehrstuhl für Praktische Philosophie mit Schwerpunkt Völkerverständigung übernommen. Wie hat sich Ihre Forschung in dieser Zeit verändert?

Die vergangenen zehn Jahre ist viel passiert, gerade in globaler Perspektive. Zu denken ist beispielsweise an die vielen Konflikte und Kriege, die Flucht von Millionen Menschen weltweit, das Erstarken des Rechtspopulismus oder die intensive Debatte über Klimafolgen. All diese Entwicklungen prägen die Debatte über globale Zusammenhänge und sind deshalb für die Forschung und Lehre meines Lehrstuhls mehr als relevant.
Das Ziel des Lehrstuhls ist es von Beginn an, globale Entwicklungen philosophisch zu reflektieren. Dabei geht es zum einen um angemessene Beschreibungen und die Suche nach überzeugenden Begriffen, um die veränderten Formen des globalen Zusammenlebens zu beschreiben. Zum anderen geht es aber auch um normative und politische Fragestellungen. In dieser Hinsicht fragt der Lehrstuhl beispielsweise nach gelungenen Formen des Zusammenlebens.
Meine Forschung ist dabei in den vergangenen Jahren konkreter und allgemeiner zugleich geworden. Konkreter, weil ich immer genauer einzelne globale Phänomene anschaue. Allgemeiner, weil ich immer mehr danach frage, wie die Philosophie in ihren Reflexionen globalen Dynamiken wirklich gerecht werden kann.

Welche Rolle spielt das Thema Völkerverständigung in der Praktischen Philosophie aktuell?

Völkerverständigung war und ist kein genuin philosophischer Begriff. Der Begriff stammt aus der Nachkriegszeit und der konkreten Suche nach Formen des friedlichen Zusammenlebens jenseits kultureller oder politischer Gräben.
Diese Suche angesichts globaler Konfliktlagen wird heute immer wichtiger innerhalb der Praktischen Philosophie. Die Frage nach der Demokratie in einer globalisierten Welt, der Ordnung der Weltwirtschaft, der Legitimation staatlichen Handelns angesichts durchlässiger Grenzen – all das sind Fragen, die heute enorm an Bedeutung gewinnen. Beispielsweise bin ich gegenwärtig mitverantwortlich für ein großes Projekt zu transnationalen Praktiken der Solidarität im Feld der Migration, der europäischen Integration und der globalen Textilindustrie. So unterschiedlich die Themenfelder sein mögen: mit der Philosophie kann gezeigt werden, was ihnen ethisch wie politisch gemeinsam ist und wie mögliche Formen der Gestaltung aussehen können. 

Ein zentrales Thema ist nach wie vor der Islam und seine Bedeutung in Politik und Gesellschaft. Dieses Thema ist auch durch die verstärkte Migration besonders brisant geworden.

Die Auseinandersetzung um den Islam ist heute oft eine Gretchenfrage westlicher Gesellschaften. Dabei fällt auf, dass viele Beiträge oftmals ein sehr undifferenziertes Bild des Islam vertreten. Es wird dann oft islamistischer Fundamentalismus, politischer Islam und kulturell-säkularer Islam nicht getrennt, sondern in einen Topf geworfen. Das hat nicht selten verheerende Folgen, auch wenn es um das Thema Migration geht.

Welche Rolle nimmt die Politische Philosophie in diesen Diskussionen ein?

Die politische Philosophie kann helfen, ein differenziertes Bild zu zeichnen. Damit wird sichtbar, welche unterschiedlichsten Gruppierungen und Dynamiken die globalisierte Welt prägen, auch innerhalb kulturelle Gruppen wie dem Islam. Erst auf dieser Basis kann dann auch eine überzeugende ethische Reflexion ansetzen und danach gefragt werden, wie wir die Welt politisch gestalten wollen.
Die politische Philosophie ist dabei natürlich zuerst eine akademische Fachdisziplin. Gerade wenn sie anfängt, die Grundfragen nach Solidarität oder Demokratie global auszubuchstabieren, wird sie der gegenwärtigen Situation gerecht. Das ist eine große Herausforderungen, denn bei aller Ausrichtung auf das Universale hat die Philosophie im 20. Jahrhundert oftmals nationalstaatlich gedacht. Die politische Philosophie ist aber immer auch eine öffentliche Angelegenheit. Deswegen verstehe ich mich auch als ein öffentlicher Akteur, der sich zum einen in gesellschaftliche Debatten einmischt, und zum anderen Kooperationspartner sucht, die das gleiche Ziel der Völkerverständigung verfolgen.

Wie sehen solche Kooperationen konkret aus?

Gegenwärtig plane ich z.B. ein Projekt zwischen Kunst und Philosophie, zusammen mit der Künstlerin Lia Sáile und der whiteBOX. Die Intervention EASTERN MUNICH setzt sich mit den Themen Interkulturalität und Interreligiosität in der Stadt München auseinander. Dazu werden in großangelegten Videoprojektionen die Grundrisse verschiedener vergangener, heutiger und zukünftiger religiöser Bauten aus München auf den Wittelsbacheplatz in München projiziert. Durch das Überlagern und Ineinanderschieben der Projektionen werden die Grundrisse nicht nur sichtbar, sondern durch ihre Offenlegung auch „betretbar“ und ermöglichen so virtuelle Grenzüberschreitungen. Das ist praktische Völkerverständigung, in der sich u.a. Kunst und Philosophie befruchten können.

Welche Pläne haben Sie mit dem Lehrstuhl für die kommenden Jahre?

Die globale Vernetzung hat erst begonnen. Insofern sind die Pläne entsprechend vielfältig. Konkret arbeite ich an größeren Publikationen zur Repräsentation zukünftiger Generationen und an einer weiteren zur globalen Solidarität als Form der Völkerverständigung.

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