Alfred Delp SJ ging als Glaubenszeuge in die Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus ein. Sein Einsatz für die Menschenwürde kostete ihm das Leben: Am 2. Februar 1945 wurde Pater Delp durch die Nationalsozialisten hingerichtet. Nun eröffnete Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, am 2. Februar sein Seligsprechungsverfahren. P. Toni Witwer SJ ist als Vizepostulator in den Prozess involviert. Er erklärt, welche Aufgabe ein Vizepostulator hat, was die nächsten Schritte auf dem Weg zur Seligsprechung sind und warum es Alfred Delp SJ verdient hat, ein Seliger zu werden.
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Toni Witwer SJ begleitet das Seligsprechungsverfahren als Vizepostulator
Alfred Delp SJ: Der Weg zur Seligsprechung
Pater Witwer, warum spricht die Kirche Menschen selig oder heilig?
Schauen wir hierfür auf die Einleitung eines Seligsprechungsverfahrens. Wenn ein Bischof vor der Wahl steht, ob er ein solches Verfahren einleiten soll oder nicht, muss er zwei Fragen beantworten. Die erste ist: Gibt es in einem größeren Teil der christlichen Bevölkerung eine Verehrung für die betreffende Person? Verehrung meint hier nicht nur die Bewunderung von Leistung, sondern ob Menschen diese Person anrufen – für ihr Gebet und ihre Fürbitte. Die zweite Frage ist: Trägt eine mögliche Seligsprechung zur Vertiefung und Verlebendigung des Glaubens in der Diözese bei? Es geht bei diesen beiden Fragen also nicht primär darum, eine Person besonders zu würdigen, sondern um den Glauben. Ihn zu verlebendigen ist das eigentliche Ziel einer Selig- oder Heiligsprechung.
Warum ist das Ihrer Einschätzung nach bei Alfred Delp der Fall?
Weil sein Glaubenszeugnis klar war, weil er sich schon vor Kriegsbeginn gegen die nationalsozialistische Diktatur gestellt hat und weil er besorgt war, wie in Deutschland nach dem Krieg eine Gesellschaft aufgebaut werden kann, die wirklich vom christlichen Glauben geprägt ist.
Welche Rolle haben Sie beim Seligsprechungsverfahren von Alfred Delp inne?
Ich wurde als Vizepostulator für dieses Verfahren ernannt. Es ist meine Aufgabe, den zuständigen Bischof, Kardinal Marx, um die Einleitung des Seligsprechungsverfahrens zu bitten und ihm dazu auch verschiedene Dokumente vorzulegen. Die prüft der Bischof dann und entscheidet, ob er das Verfahren eröffnet oder nicht.
Wenn er sich dafür entscheidet?
Dann ernennt er theologische Gutachter, die die Schriften der betreffenden Person überprüfen. Sie schauen, ob es dort irgendetwas gibt, was gegen die Glaubens- und Sittenlehre der Kirche spricht. Sie zeichnen auch ein Lebensbild von ihr. Wenn das vorliegt, folgt die Eröffnungssitzung.
Das ist, was Kardinal Marx am 2. Februar vornimmt.
Genau. Diese Eröffnungssitzung ist die erste offizielle Sitzung des diözesanen Untersuchungsprozesses. Sie soll möglichst unter Anteilnahme der gläubigen Bevölkerung stattfinden, was normalerweise im Zusammenhang mit einem Gottesdienst geschieht.
Sie ist also der Startschuss für das Seligsprechungsverfahren. Aber der Weg bis zur Seligsprechung ist noch lang, oder?
Der diözesane Prozess dauert normalerweise ein oder mehrere Jahre. Viel hängt davon ab, wie schnell die historische Kommission mit ihrer Arbeit vorankommt. Ich kenne Verfahren, bei denen die Zeugenbefragung innerhalb kurzer Zeit abgeschlossen waren, aber die historische Kommission dann fast noch zehn Jahre weitergearbeitet hat.
Das hoffen wir lieber nicht. Aber historische Kommission, Zeugen – das klingt nach einem aufwändigen Prozess.
Ja. Denn im diözesanen Untersuchungsprozesses geht es darum, ein umfassendes Bild von der Person zu erhalten. Er heißt Untersuchungsprozess, weil er noch kein Urteil über die Heiligkeit oder über das Martyrium der Person fällt. Er hat nur die Aufgabe, alles an Informationen und Material zu sammeln, damit auf dieser Basis in der römischen Phase ein Urteil getroffen werden kann. Und für diese Arbeit gibt es eine historische Kommission. Im Verfahren Delp ist sie schon ernannt und auch vereidigt. Ihre Aufgabe ist, sein Leben und vor allem sein Martyrium zu dokumentieren.
Wie wird ein Martyrium dokumentiert?
Dabei geht es um drei Fragen. Als erstes muss dargelegt werden: Wo hat die Verfolgung angefangen? Wie ist es zur Verurteilung gekommen und wie ist das Urteil exekutiert worden? Bei dieser Frage geht es also um den „Ablauf“ des Martyriums.
Als zweites geht es um die Verfolger. Die Person muss wirklich aus Hass auf den Glauben verurteilt worden sein. Hochverrat würde bei Alfred Delp also nicht genügen.
Als drittes schaut die Kommission auf die Person, die das Martyrium erlitten hat. Wie ist sie dem Hass ihrer Verfolger begegnet? Hat sie Vergebung und Barmherzigkeit gezeigt? Jesus hat für seine Verfolger am Kreuz gebetet. Es ist entscheidend, dass sich die betreffende Person vom Beispiel Jesu leiten ließ. Sie darf sich nicht gegen das gewehrt haben, was geschehen ist. Es geht um Liebe und Vergebungsbereitschaft.
Und das sehen Sie bei Delp gegeben?
Ja. Am meisten berührt mich, wie er gerade im Gefängnis geistlich im Glauben gewachsen ist. Der Mensch wächst im Glauben vor allem dort, wo er selbst schwer weiterkommt. Dort muss er sich fragen, was es heißt, aus dem Vertrauen in Gott zu leben.
Sie haben eine große Bewunderung für Alfred Delp. Wie geht das mit Ihrer Rolle bei seinem Seligsprechungsverfahren zusammen?
Meine Aufgabe als Vizepostulator ist es nur, das Verfahren in Gang zu setzen und die Diözese in ihrer Untersuchung zu begleiten. In ihrer Arbeitsweise ist sie darin aber völlig frei. Weil ich Partei bin, darf ich zum Beispiel auch nicht bei den Sitzungen dabei sein, in denen Zeugen befragt werden. Das könnte als Beeinflussung ausgelegt werden.
Von wem haben Sie eigentlich den Auftrag, das Seligsprechungsverfahren in Gang zu setzen?
Vom Actor des Verfahrens, der das Seligsprechungsverfahren anstoßen möchte. Er kann nämlich von sich aus nichts machen, sondern braucht einen Postulator. Bei Alfred Delp ist der Actor der Jesuitenorden – und zwar nicht die Zentraleuropäische Provinz, sondern die gesamte Gesellschaft Jesu. Von ihr habe ich die Aufgabe bekommen, hier vor Ort in der Erzdiözese München und Freising den Seligsprechungsprozess ins Rollen zu bringen.
Das ist mit der Eröffnungssitzung geschafft. Wie geht es dann weiter?
Wenn die historische Kommission ihre Arbeit abgeschlossen hat, die gesammelten Informationen an das kirchliche Gericht übergeben hat und auch die Mitglieder der Kommission selbst als Zeugen befragt worden sind, kommt die Abschlusssitzung. Darin werden alle Akten versiegelt und nach Rom geschickt.
Dann folgt die römische Phase, die Sie schon erwähnt haben.
Richtig. In Rom steht zunächst für den Generalpostulator des Jesuitenordens ein Aktenstudium an – mit dem Gespür dafür, was von den vielen Informationen wirklich bedeutsam ist für das Seligsprechungsverfahren – und die Erstellung der Positio. Das ist ein Schriftstück mit mehreren hundert Seiten, das im nächsten Schritt von der historischen Kommission im Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungen des Vatikans geprüft wird. Sie beurteilt, ob historisch sauber gearbeitet worden ist und ob die Dokumentation ausreichend ist, um die Fragen zum Martyrium zu beantworten.
Die drei Fragen, von denen wir vorher gesprochen haben – Ablauf, Verfolger und Märtyrer?
Ja. Und nach der historischen Kommission geht das Ganze weiter an die theologische Kommission. An ihrer Spitze steht der „Promotor Fidei“. Er nimmt sozusagen die Rolle eines Staatsanwalts ein und fragt: Gibt es Dinge, die einer Seligsprechung entgegenstehen? Der nächste Schritt ist das Gerichtstribunal. Das sind vom Papst ernannte Kardinäle und Bischöfe, die Mitglieder des Dikasteriums für die Selig- und Heiligsprechungen sind. Sie urteilen, ob die Person seliggesprochen wird oder nicht. Ihr Urteil wird aber erst gültig mit der Unterschrift des Papstes.
Und dann kann die Seligsprechung kommen.
Damit ist der Weg frei für die Seligsprechung. Sie muss in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Diözese organisiert werden.
Wie schätzen Sie den Prozess bei Alfred Delp ein?
Ich erwarte, dass der Prozess vielleicht in fünf, sechs Jahren abgeschlossen werden könnte. Denn viele Vorarbeiten sind schon geschehen, etwa die Veröffentlichung der Schriften von Alfred Delp. Das erleichtert die Arbeit der Historiker deutlich.
Sie gehen also davon aus, dass Alfred Delp eines Tages ein Seliger sein wird. Gab es auch schon Seligsprechungsverfahren, an deren Ende stand: Nein, diese Person kann kein Seliger werden?
Ja. Dazu kann es aus unterschiedlichen Gründen kommen: Der häufigste Grund – meist nach sich endlos hinziehenden Verfahren ohne wesentliche Fortschritte – ist das fehlende Interesse des Actors für die Fortführung oder die fehlende Verehrung unter den Gläubigen. Viel, viel seltener ist das Auftauchen wesentlicher Mängel oder Fehler in der Person, der das Seligsprechungsverfahren galt, da normalerweise schon im Vorfeld gut geprüft wird, ob es etwas gibt, was einer Seligsprechung entgegensteht.
Wenn das Seligsprechungsverfahren von Pater Delp mit einem Ja endet: Was wäre diese Seligsprechung für ein Zeichen für unsere Gesellschaft?
Ein Selig- oder Heiligsprechungsverfahren ist immer auch ein Dienst an dem, wie Kirche in die Gesellschaft hineinwirkt. Kirche soll sich nicht auf den Kirchenraum zurückziehen, sondern klar Position beziehen: Was heißt es, Verantwortung füreinander zu übernehmen, auch für die gesellschaftliche Entwicklung? In diesem Kontext ist ein Seligsprechungsverfahren zu sehen, weil die intensive kirchliche Auseinandersetzung mit der Person Alfred Delps auch in die Medien und damit die gesellschaftliche Diskussion eingeht.
Womit geht Delp in diese Diskussion ein?
Mit seinem Einsatz für die Menschen, für eine gerechte Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die den einzelnen Menschen wertschätzt und nicht Menschen einteilt in gute und schlechte, erste, zweite oder letzte Klasse.
Zur Person:
Pater Witwer ist Vorarlberger und ist als Priester in die Gesellschaft Jesu eingetreten. Die letzten beiden Jahrzehnte lebte er in Rom, hatte verschiedene Aufgaben an der Generalskurie inne und unterrichtet Spiritualität an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Von 2018 bis 2025 war er Superior der Jesuiten in Graz und als Seelsorger im Zentrum für Theologiestudierende und für Akademiker tätig. Seit Sommer 2025 ist Pater Witwer Rektor des Jesuitenkollegs in Innsbruck.
Wissenswertes
Kirche
Für Ignatius von Loyola ist die Gesellschaft Jesu wie die Kirche insgesamt darauf ausgerichtet, „den Seelen zu helfen“. Seit der Ordensgründung engagieren sich Jesuiten daher vor allem in der Pastoral und in der Bildungsarbeit. Zum Einsatz in der weltweiten Kirche stellte sich der Orden dem Papst zur Verfügung. Freiheit und Gehorsam gehören zum Wesenszug des Ordens. "Jesuitische Kirchlichkeit" ist geprägt von der Gebundenheit an die konkrete Glaubensgemeinschaft, in der ich Jesus Christus heute begegne, aber auch von einer großen Freiheit, in welcher Form sich diese Bindung ausdrückt. Denn nach den Regeln zum "Fühlen mit der Kirche" ("Sentire cum ecclesia") am Ende des Exerzitienbuches lebt und wirkt der Geist Jesu zu allen Zeiten in der 'realexistierenden' Kirche mit ihren sündigen und heiligen Dimensionen. An erster Stelle steht die Dankbarkeit, und vor jeder Kritik sollte zunächst das Gute gelobt werden. Kritik in der Kirche muss mehr in konkrete Taten der Reform und Verbesserung gelegt werden als nur in Worte, und immer sollte die eigene persönliche Umkehr am Beginn stehen.
SJ-Geschichte
"Tradition ist bewahren und bewegen": der Blick in die Geschichte eröffnet Perspektiven für die Zukunft. Gegründet durch Ignatius von Loyola (1491-1556) waren die Jesuiten die erste Ordensgemeinschaft, deren Ziele ganz von Mission und Lehre geprägt waren. Durch seine starke missionarische Ausrichtung entsprechend der Losung „Gott in allen Dingen finden“ und das Bestreben der Ordensmitglieder, auch die weltliche Umgebung entsprechend ihrer Sendung zu verändern, war der Orden in seiner Geschichte immer umstritten. Einerseits unterstützten die Jesuiten oft kompromisslos die päpstliche Autorität, andererseits geriet der Orden mehrmals in Konflikt mit der Amtskirche. 1773 wurde er sogar ganz aufgelöst. Aber immer wieder hat sich der Jesuitenorden regeneriert und eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten hervorgebracht.