Schwierige Zeiten für die Entwicklungshilfe – das ist wohl eine Untertreibung. Mit dem Ende von USAid und dem Egoismus-Kurs vieler Länder fehlt es nicht nur hinten und vorne an Geld, sondern auch an Welt-Gemeinschaft. Hinzu kommt: Die Liste an Problemen in den Ländern, in denen Entwicklungshilfe so dringend benötigt wird, ist lang. Das weiß P. Martin Maier SJ nur allzu gut. Seit vier Jahren leitet er das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Der Jesuit lebte und arbeitete als Pfarrer in El Salvador in Zeiten der Militärdiktatur und kennt die Probleme des Kontinents ebenso wie seine Stärken. Im Interview erklärt er, wann Entwicklungshilfe wirklich hilft und warum er in seiner Arbeit trotz aller Schwierigkeiten „Biotope der Hoffnung“ sieht.
Pater Maier, der Entwicklungshilfe bläst der Wind ganz schön scharf ins Gesicht, seit Donald Trump die Hilfen der USA heruntergefahren hat. Können andere das ausgleichen?
Er hat sie nicht nur heruntergefahren. Der amerikanische Präsident hat handstreichartig die Organisation USAid dichtgemacht, die mit einem Budget von mehr als 42 Milliarden US-Dollar im Jahr mit Abstand der größte Geber internationaler Entwicklungshilfe war. Fast 40 Prozent aller Mittel weltweit stammten bisher von USAid. Hinzu kommt, dass die USA auch ihre Zahlungen an UN-Organisationen wie die WHO einstellen oder drastisch reduzieren. Das können andere gar nicht ausgleichen, zumal es in vielen Ländern den Trend gibt zu einer verstärkt egoistischen, rein nationalen Sicht auf globale Probleme. Das gilt leider auch für Deutschland, auch hier gibt es eine sehr ungute Kürzungsdiskussion, und zwar nicht nur beim Bundeshaushalt, sondern auch bei den Kirchensteuermitteln.
Was sind die Konsequenzen dieser Kürzungen?
Um es ganz klar zu sagen: In der Folge der Politik von Donald Trump sterben Menschen. Kinder in Afrika verhungern. Dieser Zynismus ist unerträglich, denn die Opfer sind die Ärmsten. Ich gebe ein Beispiel aus Lateinamerika: In Kolumbien mussten die Kollegen vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS von einer Woche auf die nächste mit 60 Prozent weniger Geld auskommen. Das heißt, sie mussten Büros schließen, Leute entlassen, Projekte einstellen und die Menschen, denen sie bisher geholfen hatten, sitzen lassen, so schmerzlich das war. Ich habe jede Woche Hilferufe auf dem Schreibtisch, ob wir in die Bresche springen können.
Und, können Sie?
Nur sehr begrenzt. Unser Projektbudget beträgt insgesamt 34 Millionen Euro im Jahr für über tausend laufende Projekte, die in der Regel langfristig aufgestellt sind. Da ist nicht viel Spielraum. Das Gleiche gilt für die anderen kirchlichen Werke in Deutschland, deren Sprecher ich bin.
„Entwicklungspolitik von heute ist Friedenspolitik von morgen“
Können Sie Menschen verstehen, die sagen, zunächst müssten die Probleme im eigenen Land in Ordnung gebracht werden, bevor man andere Länder unterstützt?
Nein. Das ist extrem kurzsichtig und in der derzeitigen Weltlage nicht akzeptabel. Länder wie Deutschland müssten mehr tun, nicht weniger. Denn Entwicklungspolitik von heute ist Friedenspolitik von morgen. Globale Probleme wie der Klimawandel oder Armutsmigration lassen sich nur global lösen. Derzeit sind weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie noch nie: 126 Millionen. Und natürlich drängen diese Menschen besonders in die reichen Länder. Man muss auch sehen, dass es sich nicht um wirklich viel Geld handelt. Die Gesamtausgaben für Entwicklungshilfe machen 2026 im Bundeshaushalt gerade einmal zwei Prozent aus: 9,9 Milliarden Euro – gegenüber 108 Milliarden Euro für Verteidigung und 128 Milliarden Euro Bundeszuschuss für die Rentenversicherung. Auch in den USA hat die staatliche Entwicklungshilfe nie die 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts erreicht, die sie nach einer UN-Vereinbarung eigentlich betragen sollte.
Liegt es nicht auch am schlechten Ruf der Entwicklungshilfe als Fass ohne Boden, dass man glaubt, man könne hier ohne Bedenken einsparen? In vielen Ländern Afrikas oder Lateinamerikas ändert sich die Situation gefühlt doch seit Jahrzehnten nicht.
Das kann man sicher nicht über einen Kamm scheren. Es gilt jedes dieser Länder einzeln anzuschauen, wo dort die Probleme jeweils liegen. Ich kann nur über Lateinamerika sprechen. Und ja: Es ist ein Paradox, dass der Kontinent mit den meisten Katholiken gleichzeitig der Kontinent mit der größten Ungleichheit zwischen Arm und Reich ist.
Woran liegt das?
Es gibt drei strukturelle Probleme, die zu lösen extrem schwer sind. An erster Stelle steht die in ganz Lateinamerika verbreitete Korruption, die wie ein Krebsgeschwür wirkt. Ein Beispiel: In Venezuela ist erst vor kurzem der Erdölminister zurückgetreten, weil er die gigantische Summe von 20 Milliarden Dollar veruntreut hat. Das Land sitzt auf den weltweit größten Erdölreserven, ist aber vollkommen kaputtgewirtschaftet. Ein Lehrer verdient im Monat umgerechnet acht Euro. Das zweite Problem sind Drogen. Kolumbien, Peru und Bolivien sind die größten Produktionsländer. Ecuador ist in den vergangenen Jahren zur Drehscheibe des internationalen Drogenhandels geworden. Mit diesen Geschäften verdienen Clans unendlich viel Geld. Diese Clans konkurrieren untereinander, was zu einer immensen Kriminalität und – siehe Problem eins – zu Korruption der staatlichen Stellen führt. Das dritte, vielleicht grundlegendste Problem ist, dass sich schon bei der gewaltsamen Eroberung Süd- und Mittelamerikas durch die Portugiesen und Spanier eine Kultur der Ausbeutung etabliert hat, in der Oligarchen es als ihr gutes Recht ansehen, vom Reichtum der Länder möglichst stark privat zu profitieren – ohne irgendeine Verpflichtung für die Gesellschaft. Das ist bis heute der Fall, denken Sie an die Abholzung des Regenwalds für Holzhandel, Weideland oder Sojaanbau. Nach wie vor profitieren in Lateinamerika vom riesigen Reichtum der Länder nur ganz wenige, während weite Teile der Bevölkerung in Armut leben.
Ein weiterer Politiker, der radikal Sozialausgaben kürzt, ist der argentinische Präsident Javier Milei – dessen Politik scheint Früchte zu tragen?
Aber zu welchem Preis! Milei hat wie mit einer Kettensäge, mit der er ja aufgetreten ist, Staatsausgaben und Sozialprogramme brutal gekürzt. Makroökonomisch sieht das nicht schlecht aus, aber die Folgen für die Menschen, die keine Reserven haben, sind verheerend. Das hat gerade die argentinische Bischofskonferenz festgestellt. Ich weiß von einem Kinderkrankenhaus in Buenos Aires, das für die arme Bevölkerung des Stadtteils unverzichtbar ist. Das ist aufgrund der Politik des Präsidenten in seiner Existenz bedroht.
„Die katholische Kirche ist der einzige wirklich globale Player“
Was kann eine Organisation wie Adveniat solchen Kürzungen entgegensetzen?
Mehr als man denken könnte. Zum einen ist die katholische Kirche mit 1,3 Milliarden Katholiken die größte religiöse Gemeinschaft der Welt und der einzige wirklich globale Player. Das birgt ein enormes Potenzial. Dazu gehören auch die kirchlichen Hilfswerke wie Adveniat, die ein starkes Netzwerk bilden, um in Zusammenarbeit mit unseren Partnern die Solidarität mit den Armen praktisch umzusetzen. Ich mache im Jahr drei bis vier Reisen in der Region und besuche Projekte. Und es ist nicht so, dass die Situation überall aussichtslos wäre. Ich sehe auch sehr viele positive Ansätze. Ich nenne sie gern „Biotope der Hoffnung“, also Orte, an denen es im Kleinen gelingt, Verbesserungen für die Menschen zu erreichen, damit sie Wege aus der Armut finden.
Armutsbekämpfung ist der Markenkern von Adveniat, kann man das so formulieren?
Ja, die klare Option für die Armen geht auf eine Entscheidung der lateinamerikanischen Bischöfe von 1968 zurück und ist unser wichtigster Auftrag. Das schließt auch die jungen Menschen und die indigene Bevölkerung mit ein. In diesem Jahr ist die Zukunft Amazoniens das Thema unserer Weihnachtsaktion. Das steht auch in Verbindung mit der Enzyklika Laudato Si’, die Papst Franziskus vor zehn Jahren veröffentlicht hat. Diese Enzyklika über den Schutz unseres gemeinsamen Hauses ist wahrscheinlich sein wichtigstes Erbe.
Worauf kommt es an, damit Biotope der Hoffnung entstehen können?
Am wichtigsten ist es, dass Menschen ermutigt werden, selbst aktiv zu werden, um ihre Situation zu verbessern. Nach der bekannten Regel von Laotse – „Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einmal satt, lehre ihn Fischen, und er wird nie wieder hungern“ – geht es um Empowerment und die Fähigkeit zur Selbsthilfe. Hilfe darf nicht einfach vom Himmel fallen.
Ist das auch die Erkenntnis aus gescheiterten Projekten in den vergangenen Jahrzehnten?
Ja, natürlich. Es wird in Katastrophenfällen immer auch Nothilfe geben müssen, aber ansonsten fordern wir heute in jedem Projekt, sofern es irgendwie möglich ist, einen Eigenanteil der Projektpartner. Dadurch entsteht Motivation auf deren Seite, das Projekt zum Erfolg zu führen.
Was halten sie vom Konzept der Mikrokredite?
Wir haben eine ganze Reihe von Projekten, in denen wir dieses Instrument einsetzen, das der Nobelpreisträger Mohammad Yunus ursprünglich für Bangladesch entwickelt hat. Die Verpflichtung zur Rückzahlung ist ein starker Anreiz für die Kreditnehmer, gut zu wirtschaften. Vor allem in Frauenprojekten funktioniert das sehr gut.
„Wir brauchen eine partnerschaftliche Zusammenarbeit“
Wieso das?
Ich kenne dazu keine Studien, aber unsere Erfahrung ist, dass Frauen die Kredite verlässlicher zurückzahlen. Vielleicht können Frauen einfach besser haushalten. Papst Franziskus hat gesagt: Dort, wo Frauen ins Spiel kommen, laufen die Dinge besser, das gilt ja auch für unsere Kirche.
Gibt es weitere „lessons learned“ aus den vergangenen Jahrzehnten?
Dazu zählt die Dekolonisierung der Entwicklungszusammenarbeit. Es kann nicht sein, dass wir meinen, es doch irgendwie immer besser zu wissen. Wir brauchen eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Aber ich räume ein, dass das nicht immer einfach ist. Denn es bleibt die Asymmetrie, dass wir die Geldgeber und unsere Partnerinnen und Partner die Empfänger sind. Wir fordern von ihnen Rechenschaft und müssen das auch tun in der Verantwortung unseren Spendern und Spenderinnen gegenüber.
Was macht Ihnen Hoffnung, gerade auch in der derzeitigen Weltlage?
Die Menschen. Ich selbst habe eine enge Beziehung zu einer Landgemeinde in El Salvador mit Namen Jayaque. Dorthin kam ich 1989 als Pfarrer, nachdem sechs Jesuiten und zwei Frauen ermordet worden waren. Das war damals eine sehr schwierige Situation, und sie ist es bis heute. Trotzdem verlieren die Menschen, mit denen ich in Kontakt stehe, ihre Hoffnung nicht. Oder ein Beispiel in Haiti, das Land, in dem die politische und wirtschaftliche Situation derzeit katastrophal ist. Bewaffnete Banden terrorisieren ganze Landesteile. Trotzdem gelingen auch dort Projekte. So konnte vor kurzem eine von Adveniat geförderte Gesundheitsstation wiedereröffnet werden. Ein großer Hoffnungsprophet für Lateinamerika ist der heilige Oscar Romero, der frühere Erzbischof von San Salvador, der sich für soziale Gerechtigkeit einsetzte und 1980 während einer Messe ermordet wurde.
Es dürfte aber nicht ausreichen, einen Heiligen anzurufen?
Natürlich nicht. Die Voraussetzung für eine Entwicklung der Länder Lateinamerikas zum Besseren ist, dass Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und soziale Grundversorgung funktionieren. Wir können das als Hilfswerk nicht direkt beeinflussen, aber doch mithelfen, die Grundlage für diese Entwicklung zu schaffen.
Inwiefern?
Es liegt an den jungen Menschen in den Ländern Lateinamerikas und der Karibik, die Zustände zu verändern und die Dinge zu verbessern. Entscheidend dafür ist Bildung. Dazu leisten wir als Hilfswerk einen wichtigen Beitrag. Eine chinesische Weisheit drückt das so aus: „Hast Du ein Jahr Zeit, dann kauf einen Sack Reis. Hast Du zehn Jahre Zeit, dann pflanze einen Baum. Hast Du hundert Jahre Zeit, dann erziehe das Volk.“ Entwicklungszusammenarbeit braucht einen langen Atem. Wir sind als Adveniat immerhin schon seit 1961, also seit über sechzig Jahren, in Lateinamerika und der Karibik tätig.
Interview: Gerd Henghuber
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