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Brüntrup: Zölibat ist ein Risikofaktor

Auf einer Konferenz zum Problem des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Würzburg hat P. Godehard Brüntrup SJ eine kritische Anfrage an die Verpflichtung der Priester zum Zölibat gerichtet. Eine von den Bischöfen in Auftrag gegebene Studie hat ergeben, dass die Mehrzahl der Missbrauchstäter sexuell unreif waren. Professor Brüntrup ging in seinem von der Presse stark beachteten Vortrag dem Zusammenhang von sexueller Unreife und Pflichtzölibat nach. Wir haben mit ihm über diesen Zusammenhang gesprochen.

Professor Brüntrup, Sie haben sich bei einer Konferenz zum Problem des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Würzburg kritisch zum Pflichtzölibat geäußert. Warum?

Als einer der Ansprechspartner des Ordens für Betroffene bin ich immer wieder intensiv mit diesem Thema konfrontiert. In dieser sehr hochkarätig besetzten Konferenz wurde dem Thema des Missbrauchs in der Kirche sehr konkret und ohne Scheuklappen nachgegangen. Ich selbst habe in meinem Vortrag zwei mögliche Verbindungen zwischen Zölibat und Missbrauch untersucht.

Wie lassen sich diese Verbindungen genauer beschreiben?

Die von den Bischöfen in Auftrag gegebene Studie hat ergeben, dass psychische Unreife im sexuellen Bereich der wichtigste Grund für sexuelle Übergriffe durch Priester ist. Reife entsteht dadurch, dass man positive und negative Erfahrungen macht und innerlich verarbeitet. Ein Priesteramtskandidat ist unverheiratet, darf also nach katholischer Sexualmoral keine intimen sexuellen Beziehungen eingehen. Der Priester ist zusätzlich an sein Versprechen sexueller Enthaltsamkeit gebunden. Er macht also wenige Erfahrungen im Bereich der Sexualität. Das Reifen der geschlechtlichen Identität ist unter diesen Bedingungen zwar nicht unmöglich, aber doch erschwert. Ich sehe darin einen wesentlichen Grund für die von den Wissenschaftlern beobachtete Unreife vieler Missbrauchstäter. In dieser Hinsicht ist das Zölibat ein Risikofaktor für Missbrauch.

Sie hatten noch von einer zweiten Verbindung zwischen Zölibat und Missbrauch gesprochen.

Ja, nach meiner Ansicht kann das Zölibat nicht rein negativ als Askese oder Selbstkontrolle gelebt werden. Ein gelungenes zölibatäres Leben verlangt, dass man in dieser Lebensform eine positive innere Erfüllung findet. Dies kann nur aus einer fast mystischen Erfahrung der Gottesnähe geschehen, die die innersten Sehnsüchte des Herzens nach Beziehung erfüllt. Ich denke aber, dass für nicht wenige Priester die sexuelle Enthaltsamkeit hauptsächlich eine äußerlich aufgelegte Pflicht ist, für die sie zwar rationale Gründe angeben können, die sie aber im Herzen nicht bejahen. Unter diesen Umständen ist die Psyche innerlich entzweit und ein authentisches Wachsen und Reifen ist ebenfalls erschwert, weil das konkrete Leben und die tiefsten Wünsche des Herzens nicht zusammenkommen. Eine innerlich entzweite Seele, die mit sich selbst nicht im Reinen ist, ist ebenfalls ein Risikofaktor für Missbrauch. Ihr fehlt der innere Kompass der Authentizität, der im sexuellen Bereich so wichtig ist.

Was wäre Ihrer Ansicht nach eine Alternative zum Pflichtzölibat?

Ich bin ein überzeugter Unterstützer von sexueller Enthaltsamkeit aus religiösen Gründen. Alle großen Religionen kennen diesen Lebensweg. Er gehört zum großen spirituellen Erbe der Menschheit. Dieser Pfad ist aber hart und einsam, gerade in der heutigen Zeit. Ich denke, dass er am besten in der stützenden Gemeinschaft und in der spirituellen Förderung eines Klosters oder einer Ordensgemeinschaft gelebt werden kann. Nur wenige können diesen Weg innerlich erfüllt gehen. Von allen Priestern zu verlangen, die ehelose Keuschheit in ihren Lebensentwurf zu integrieren, scheint mir deshalb verfehlt zu sein. Lieber wäre mir eine Kirche, die verheiratete und unverheiratete Kleriker schätzt und fördert. Gerade weil die verpflichtende Ehelosigkeit auch ein Risikofaktor für Missbrauch ist, sollten wir die aktuelle tiefe Krise der Kirche nutzen, um mutig alternative Weisen des Priesterseins zu wagen.

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