Damit Theologie, Glaube und Leben zusammenfinden
Wer ist Gott? Wo kann ich ihn finden? Und was bedeutet es heute, zu glauben? Christliche Spiritualität beginnt oft mit einfachen, aber existenziellen Fragen. Ihnen hat sich die Zeitschrift GEIST & LEBEN verschrieben, die seit 100 Jahren von den Jesuiten herausgegeben wird. Christoph Benke, Wiener Diözesanpriester, prägt GEIST & LEBEN seit 2013 als Chefredakteur. Im Interview erklärt er, warum reflektierte Spiritualität nichts an Aktualität verloren hat, wie sich Glaube und Vernunft im Alltag berühren und warum das Nachdenken über Gott an kein Ende kommt.
Herr Benke, GEIST & LEBEN gibt es nun seit 100 Jahren. Warum braucht es auch heute eine Zeitschrift für christliche Spiritualität?
Weil die Reflexion auf praktizierte Spiritualität auch heute wichtig ist. Theologie, Glaube und Leben müssen zusammenfinden. Denn zu einem bewusst vollzogenen Glauben gehört auch Reflexion. Der glaubende Mensch macht sich Gedanken: Wer ist Gott? Was mache ich eigentlich, wenn ich bete? Und was ist christliche Spiritualität? Nachdenken über diese Fragen – in den jeweiligen Zeithorizont eingebettet –, ist ebenso ein Teil von christlicher Spiritualität wie der Glaubensvollzug. Den Glauben vernünftig verantworten zu müssen, sieht schon der erste Petrusbrief vor. Das ist ein Anspruch von GEIST & LEBEN.
Wenn Sie auf die Ursprünge der Zeitschrift 1926 zurückblicken: Was ist gleich geblieben, damals wie heute?
Gleichgeblieben ist, dass sich GEIST & LEBEN der ignatianischen Spiritualität verpflichtet weiß – aber nicht ausschließlich diesen Zugang wählt. Ignatianische Spiritualität eignet sich gut, „in der Welt“ gottverbunden zu leben. Sie befähigt zu einem Dienst an den Menschen, an der Gesellschaft, an der Kirche.
Ist die Spiritualität von heute die gleiche wie vor 100 Jahren?
Im Kern ja. Christliche Spiritualität hat immer ihren Ursprung im dreifaltigen Gott und sucht die Berührung mit diesem Gott. Dieser Kern ist unverändert. Aber die Art und Weise, wie Spiritualität konkret gefasst und versprachlicht wird, hat sich in den letzten 100 Jahren schon geändert.
Was ist heute anders in GEIST & LEBEN als 1926?
Zum einen leben wir in einer anderen Welt. Die Zeitschrift entstand in einer scheinbar geschlossenen christlichen Welt. Diese Welt gibt es nicht mehr – wenn es sie überhaupt jemals gegeben hat. Ob geschichtlich, kulturell, philosophisch, theologisch: Seit 1926 hat sich viel getan und verändert. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis der Hefte zeigt, dass die Themen weiter gefasst sind. Man findet mehr zu Spiritualitäten anderer Religionen oder Konfessionen oder auch zu säkularer Spiritualität.
Zum anderen war die Zeitschrift früher mehr auf Priester und Ordensleute zugeschnitten. Heute richtet sie sich offener an alle, die sich im Glauben vertiefen wollen und Anregungen für die spirituelle Praxis suchen. Der Adressatenkreis hat sich geweitet.
Viele Menschen bezeichnen sich heute als spirituell, aber nicht religiös. Geht Spiritualität ohne Religion?
Religion, erst recht institutionalisierte Religion, ist heute out, Spiritualität ist in. Das ist einer der großen Vorbehalte, die es derzeit gegen die Großkirchen und gegen verfasste Formen von Religion überhaupt gibt. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist eine starke Individualisierung. Und Spiritualität wird zu einem Begriff, der kaum mehr zu definieren ist, weil er so umfassend verstanden wird: von ganz vagem Transzendenzbezug bis hin zu ganz eng gefassten Vorstellungen, fast schon dogmatischen Formen. Spricht man über Spiritualität, empfiehlt es sich, nachzufragen, was das Gegenüber mit diesem Begriff meint.
Nehmen wir die ignatianische Spiritualität. Was bedeutet diese Spiritualität für Sie?
Es gibt einige ignatianische Leitworte, etwa das von der Indifferenz oder von Magis. Sie sind Schlüsselbegriffe, das heißt sie öffnen den Horizont und führen weiter. Diese Worte sind für mich Gabe und Aufgabe zugleich: Sie sagen mir die Würde meines Christseins zu und ermutigen mich, mich noch weiter auszustrecken – und dabei nicht mutlos zu werden.
GEIST & LEBEN verbindet Spiritualität mit Theologie. Wie wird diese Verbindung alltagstauglich?
Mit Theologie muss ja nicht sofort akademische Theologie gemeint sein. Die wissenschaftliche Ebene der Universitäten und Hochschulen ist wichtig, aber bei weitem nicht der einzige Ort, an dem Glaube und Vernunft zusammenkommen. Theologie bedeutet, sich bewusst zu machen, dass auch die Vernunft mitzunehmen ist, will man ganzheitlich glauben. Denn Glaube darf die Ratio nicht ausklammern. Das heißt: Wenn ich mich frage, wer Gott ist, wie Glauben geht oder welche Antworten der Glaube auf die großen Menschheitsfragen hat, wenn ich dazu die Bibel lese und theologische Literatur, dann ist das Theologie in den Anfangsgründen. Das geschieht auch unspektakulär zwischendurch, mitten im Alltag.
100 Jahre GEIST & LEBEN: Jubiläumstagung in Frankfurt
Spiritualität in gesellschaftlichen, kirchlichen und theologischen Umbrüchen steht im Mittelpunkt der Tagung, die anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Zeitschrift GEIST & LEBEN vom 17. bis 19. April 2026 in Frankfurt stattfindet. Gastgeber ist die Philosophisch-Theologische Hochschule Frankfurt-Sankt Georgen. Dort lehrt P. Klaus Vechtel SJ, der in diesem Jahr die Schriftleitung von GEIST & LEBEN von Christoph Benke übernehmen wird. Eine Anmeldung zur Tagung über Pater Vechtel ist weiterhin möglich.
Wissenswertes
Spiritualität
Spiritualität ist „ein Weg zu Gott“, niemals abstrakt, sondern in jedem Menschen lebendig. Ignatianische Spiritualität bezieht sich auf die „Geistlichen Übungen“ (Exerzitien), mit denen der hl. Ignatius von Loyola Menschen helfen wollte, Gott zu finden und ihr Leben auf Gott auszurichten. Er war überzeugt davon, dass Gott selbst in jedem Menschen wirkt und ihn in die Freiheit führen will, damit er verantwortet wählen und entscheiden kann. Ignatianische Spiritualität ist eine Spiritualität der Freiheit, der Unterscheidung und Entscheidung, und das Grundprinzip ist das Wachsen und Lernen. Sie ist eine Spiritualität der Dankbarkeit. Ignatius erlebte sich bei aller Gebrochenheit zutiefst als beschenkt, geliebt von Gott und durch Jesus Christus erlöst. Auf diese Erfahrung wollte Ignatius mit seinem Leben großherzig antworten und anderen dabei helfen, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Ignatianische Spiritualität ist eine Mystik des Dienstes. Die „Geistlichen Übungen“ wollen einen „Menschen für andere“ formen, wie es dem Lebensmodell Jesu entspricht.
Publikationen
Die großen Fragen unserer Zeit brauchen Stimmen, die kulturelle, politische und kirchliche Themen jenseits journalistischer Hektik seriös und kritisch beleuchten. In gleicher Weise braucht der breite Markt der Spiritualität einen wachen Geist, der die Tradition christlicher Mystik lebendig hält. Mit ihren Publikationen und redaktionellen Angeboten schaffen die Jesuiten einen Raum für hochwertige Inhalte in der Medienlandschaft. Sie mischen sich publizistisch in gesellschaftliche und kirchliche Debatten ein – im Vertrauen darauf, dass das durchdachte Wort mehr bewirkt als die reißerische Schlagzeile. Hier finden Sie eine Übersicht jesuitischer Publikationen
Bildung
Leben mit und Leben für andere ist nicht nur der zentrale Aspekt menschlicher Existenz, sondern öffnet zugleich auch einen Zugang zu Gott. Ziel jesuitischer Erziehung ist es, junge Menschen dahin zu führen, nicht im individuellen Erfolg allein ihre Erfüllung zu entdecken. Leben kann nur glücken, wenn andere Menschen Teil meines Lebens sind und werden. Dieser Zugang ist uns in besonderer Weise durch die Menschwerdung Gottes, durch das Leben und Wirken Jesu Christi eröffnet. Der Blick auf Jesus Christus will aber nicht von der Wirklichkeit ablenken, sondern vielmehr bereit machen, sich und die Umwelt aus dem Blickwinkel des Evangeliums zu betrachten, zu verstehen und zu verändern. Dazu sind Qualifikationen notwendig, die helfen, die Welt zu verstehen und den persönlichen Weg darin zu finden, aber auch das Einüben im Alltag und soziales Engagement.