Es geht also bei City Pastoral nicht zwangsläufig um Menschen in der City, der Stadt?
Nein, nicht in einem territorialen Sinn. Mit City-Pastoral ist gemeint, dass Menschen in den Städten Entwicklungen vorwegnehmen, die die ganze Gesellschaft früher oder später nimmt: Sie sind mobiler, individueller, weniger familiär oder sozial gebunden, nicht selten einsamer. In den großen Städten zeigt sich der Zustand und die Tendenz der Gesellschaft wie unter einem Vergrößerungsglas. Damit spielt sich hier auch ein Stück pastorale Zukunft ab, indem wir Angebote für die Bedürfnisse genau dieser Menschen entwickeln.
Was finden sie bei Ihnen?
Eines unserer Markenzeichen ist die Einzelseelsorge. Dafür nehmen wir uns sehr viel Zeit. Wir bieten geistliche Begleitung an, regelmäßig oder zu Einzelfragen. Wir bieten Gespräche zur Lebenshilfe allgemein an. Für Hilfe, die wir als Seelsorger nicht selbst anbieten können, haben wir ein weites Netzwerk zu Experten für Psychotherapie, Paarberatung, Traumabewältigung und viele andere. Man könnte also generell sagen: Zu uns kommen Menschen, die Fragen haben – zu ihrem Leben, zu ihrem Glauben, auch zur Kirche. Oft bewegt die Menschen eine Krise, eben Trauer, Umorientierung, vielleicht auch eine Leere, die sie empfinden. Viele wollen bewusster leben, den Glauben und ihre Religiosität neu entdecken. Wir sprechen ganz bewusst auch Kirchenferne und Ausgetretene an.
Wieso das?
Wer aus der Kirche austritt, hört ja nicht automatisch auf, religiös zu sein, nur weil er oder sie der Organisation nicht mehr angehören möchte. Aber für diese Menschen fühlt sich keiner mehr zuständig. Gerade heute treten oft Menschen aus, die sich lange sehr stark in der Kirche engagiert haben, die aber tief enttäuscht sind darüber, dass sich nichts oder zu wenig ändert. Oft gibt es auch persönliche Verletzungen. Wir bieten ihnen zum einen eine immer offene Tür, zum anderen finden sie den Zungenschlag, der sie wieder anspricht.
Ist City-Pastoral die Zukunft der Kirche?
Ich würde nicht sagen, dass die Territorialpfarreien abgewirtschaftet hätten, das wäre Quatsch. Auch sie verändern sich und entwickeln neue Angebote für neue Bedürfnisse. Trotzdem finden viele, die zu uns kommen, diese Angebote anderswo nicht. Vielleicht auch, weil sie gar nicht wissen, wo sie suchen sollten und auf St. Klara zufällig stoßen, weil die Kirche direkt und in bester zentraler Lage am Menschenstrom zwischen Bahnhof und Innenstadt liegt. Natürlich haben wir viele Pfarrei-Flüchtlinge, die sich in ihrer Heimatgemeinde aus welchem Grund auch immer nicht mehr wohl fühlen. Manche legen große Entfernungen zurück, um bei uns die Messe oder eine andere Veranstaltung zu besuchen. Aber viele sind gar nicht mehr kirchlich sozialisiert. Auch sie haben religiöse Bedürfnisse. Auch kirchenferne Menschen fragen nach Gott, nach dem Glauben, nach Jesus Christus, nach dem Bösen, nach Sinn, es gibt auch heute ein Publikum für die christlichen Kernthemen. Wir wollen alle, die zu uns kommen, in ihrer Lebenswirklichkeit sehen, in ihrem Suchen und Fragen annehmen, helfen, wo wir helfen können, und diesen Menschen Gemeinschaft bieten.
Das tun auch neue religiöse, charismatische Bewegungen. Wie würden Sie Ihr Profil im Vergleich zu denen beschreiben?
Man kann sie nicht über einen Kamm scheren, aber oft ist es so, dass neue, vor allem emotionale Formen mit einer Steinzeit-Theologie daherkommen. Wenn ich mir ansehe, was sich da in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren entwickelt hat, dann ist das meistens sehr konservativ bis teilweise rückwärtsgewandt.
Was meinen Sie damit?
Diese Gruppen rekrutieren sehr aktiv und haben ein klares Konzept davon, wer dabei ist und wer nicht. Und sie bieten oft sehr klare, eindeutige Antworten auf Fragen des Lebens. Sexualmoral, Rollenvorstellungen, liturgische Formen, religiöse Richtigkeiten: Alles ist auf Eindeutigkeit und Gewissheit gepolt.
Was ist daran falsch?
Wissen Sie, ich bin ein Bibel-Nerd, ich bin begeistert von den Schriften und beschäftige mich schon mein ganzes religiöses Leben intensiv damit. Die Bibel ist aber kein Lexikon, in dem man zu allen Fragen des Lebens einfach nachschlagen könnte. Ich sehe den Schatz der Bibel darin, dass Menschen wieder neugierig werden, sich mit den Texten zu befassen, sie für sich und ihr Leben zu erschließen. Das geht nur individuell und nicht über vorgegebene Auslegungen. Mir sind daher die vermeintlichen Eindeutigkeiten, die diese neuen Bewegungen oft bieten, und mit denen sie nicht selten Menschen bewusst ausgrenzen, suspekt. Das Leben ist zu komplex, um eindeutig zu sein.
Was setzen Sie dem entgegen?
Statt vorzutanzen eine Offenheit des Diskurses. Mir ist es wichtig, dass die Menschen in St. Klara einen Ort des Austausches finden über religiöse und andere Themen, dass sie zum Nach- und Mitdenken angeregt werden.
Kirche sollte gegen die verbreitete Orientierungslosigkeit unserer Zeit keine falschen Sicherheiten anbieten. Sie darf nicht die nächste Partei im gegenwärtigen Kulturkampf werden.
Das klingt nach einer politischen Positionierung.
Ist es auch. Wir müssen uns nur die extreme politische Polarisierung in den USA ansehen, aber auch bei uns hat das längst begonnen. Ich bin überzeugt davon, dass die Triebfeder des Populismus darin liegt, dass Menschen, die Wut oder Frust empfinden, das Gefühl haben, nicht gehört zu werden. Dass keiner wissen will, was sie zu sagen haben. Früher gab es dafür noch den Stammtisch. Heute gibt es nur die sozialen Medien und die Wahlurne. Unsere Gesellschaft braucht wieder Orte, an denen man ohne Feindschaft miteinander redet, einander zuhört, sich austauscht und auch streiten kann.
Orte wie St. Klara?
Ja, bei uns im Hof nach der Messe ist tatsächlich so ein Ort! Ich predige oft zu politischen Themen und gelte manchen wahrscheinlich als „links-grün-versifft“, wie das gern diffamierend gebraucht wird. Aktuell haben wir draußen ein Plakat gegen völkische Tendenzen in der Politik hängen. Es ist wichtig, klarzumachen, dass das Christentum nicht mit allem kompatibel ist. Faszinierend ist allerdings, wie oft ich merke, dass wir sowohl im Religiösen wie im Politischen – also den streitbarsten Themen überhaupt – unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem miteinander reden können. Das schönste Kompliment, das ich erhalten habe, war: „Wir sind oft nicht mit Ihnen einer Meinung, aber auf dem Nachhauseweg haben wir immer etwas zu diskutieren.“ Ich denke, dass St. Klara in diesem Sinn auch ein Konzept für die Gesellschaft ist.
Interview: Gerd Henghuber
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