• Marienkapelle in St. Klara
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„Das Leben ist zu komplex, um eindeutig zu sein“

Deswegen braucht es auch im Glauben vielfältige Zugänge, wie P. Ansgar Wiedenhaus SJ findet. Er leitet die Offene Kirche St. Klara in Nürnberg. Ihrem Namen macht St. Klara alle Ehre: Sie ist offen für Menschen, die einfach mal vorbeischauen möchten, und Menschen, die dort Stammgäste sind. Für Menschen, die sich seelsorgliche Begleitung wünschen, und Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Für Menschen, die nur an Weihnachten in die Kirche gehen, und Menschen, die ihren Glauben neu entdecken möchten. Im Interview erklärt Pater Wiedenhaus, was es mit dem Konzept „City-Pastoral“ auf sich hat, ob das die Pastoral von morgen ist und warum er sich diesen Ansatz auch für unsere Gesellschaft vorstellen kann.


Pater Wiedenhaus, können Sie erklären, was das eigentlich ist, City-Pastoral?

Das ist Kirche für Menschen, die sich nicht in Pfarreien gebunden fühlen. Es geht nicht um den Ort, wo man wohnt, um Territorien, nicht um ein innen und außen davon, sondern um offene, durchlässige Zugänge. Jeder, der sich angesprochen fühlt, kann kommen – und auch wieder wegbleiben, das ist ganz wichtig. Freiheit ist das Konzept.

Wer kommt zu Ihnen nach St. Klara?

Das ist ganz verschieden, je nachdem zu welchem unserer Angebote. Wir feiern täglich Messe und je nach Wochentag sind unterschiedliche Menschen da. Wir haben ein in Umfang und Differenziertheit wahrscheinlich deutschlandweit einzigartiges Angebot für Trauernde: regelmäßige niederschwellige spirituelle Feiern, darunter auch gezielt für Menschen nach Suizid, für verwaiste Eltern, für Drogenopfer oder auch Menschen, die vergessen und einsam gestorben sind. Wir bieten offene Feierformen zu unterschiedlichen Anlässen an, gerade auch für Menschen, die liturgisch nicht (mehr) sattelfest sind oder darauf auch keinen großen Wert legen. Es gibt Vortragsangebote zu Themen wie Resilienz, Aufbau von Vertrauen, politischen, philosophischen und theologischen Themen. Für nächstes Jahr ist eine Reihe zu den Corona-Folgen geplant. Insgesamt stehen rund hundert spirituelle und kulturelle Veranstaltungen pro Jahr im Programm.

Wie viele Menschen sprechen Sie mit Ihren Angeboten an?

Das kann ich gar nicht sagen, weil wir eben so offen sind. Genau das ist das Konzept der City-Pastoral, dass wir nicht zwischen Mitglied und Nicht-Mitglied unterscheiden, zwischen denen, die dazugehören und denen, die draußen sind. Wir haben keine feste Struktur, keine Mitgliederliste und auch keinen Pfarrgemeinderat, denn wen sollte der vertreten? Und natürlich gibt es auch die sogenannten „Weihnachtschristen“, was ich überhaupt nicht abwertend meine, also Menschen, die nur zu einem ganz speziellen Angebot kommen, etwa zum St. Patrick’s Day oder zur Segensfeier für Liebende am Valentinstag. Viele Menschen kommen von weit her, weil ihnen das ein oder andere Angebot in St. Klara wichtig ist.

Zur Person:

Ansgar Wiedenhaus SJ

Pater Ansgar Wiedenhaus SJ (*1971 in Rheda-Wiedenbrück), trat im September 1996 in den Jesuitenorden ein und wurde 2003 zum Priester geweiht. Er war in der Ausbildung des Ordens tätig und als Seelsorger in Köln. Seit 2009 leitet er die Offene Kirche St. Klara in Nürnberg. 2010 ist von ihm das Buch erschienen: "Immer wieder neu anfangen dürfen: Ermutigung und Zuspruch im Sakrament erfahren" (Topos).

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