Ein Pferd, das die Ohren anlegt. Ein Hund, der plötzlich wachsam ist. Eine Katze, die ohne erkennbaren Grund den Raum verlässt. Diese Gesten verraten mehr als jedes gesprochene Wort. Denn Tiere halten uns den Spiegel vor: Sie antworten nicht auf das, was wir sagen, sondern auf das, was wir sind. Während wir Menschen oft im Nachdenken verstrickt sind, kennen Tiere eine andere Form des Wissens – eine, die unmittelbar im Körper wohnt. Psychologe, Theologe und Focusing-Trainer P. Johann Spermann SJ zeigt anhand von Tieren, wie eng Körper, Empfinden und Beziehung miteinander verwoben sind.
Das Tier in uns hören
Von P. Johann Spermann SJ
Es gibt Tiere, die uns durchschauen, bevor wir überhaupt ein Wort gesagt haben. Ein Pferd spürt jede Spannung in unserem Körper – den Atem, der stockt, die Hand, die zu fest zieht. Ein Hund trägt die Stimmungen einer Familie mit, als übersetze er sie für sein Familienrudel: Angst, Freude, Streit, Nähe. Katzen verschwinden, wenn im Raum zu viel Unruhe herrscht, und kommen zurück, sobald die Luft wieder still ist.
Wer mit Tieren lebt, weiß: Sie lesen uns anders, genauer, unverstellt. Und manchmal erinnern sie uns daran, dass wir selbst Teil derselben Sprache sind – einer Sprache aus Bewegung, Ton, Atem, Resonanz.
Das Wissen der Tiere
Tiere haben keine Theorien. Sie leben in einem Wissen, das sich nicht erklären muss. Sie handeln aus einer Intuition, die nicht denkt, sondern spürt. Vielleicht ist genau das ihre stille Weisheit: Sie sind ganz in dem, was ist.
Für uns Menschen ist dieses Wissen nicht verloren, nur verschüttet. Unter Schichten aus Reflexion, Kontrolle und Gewohnheit liegt auch in uns ein feiner Sinn für das, was geschieht – leiblich, unmittelbar, wortlos. Manchmal begegnet er uns wieder, wenn wir still werden und dem Körper zuhören. Dann tauchen innere Bilder auf, Bewegungen, Klänge – und zuweilen auch Gestalten, die tierische Züge tragen.

Wenn sich das Innere zeigt
Solche inneren Tiere sind keine psychologischen Kuriositäten. Sie entstehen dort, wo das Leben sich ausdrücken will, aber noch keine Worte hat. Sie sind Bilder aus der Tiefe – Körperbilder, die sich formen, wenn etwas in uns gehört werden möchte.
Viele Menschen spüren ein scheues Tier in sich, das jede Nähe meidet, weil sie einmal zu weh getan hat. Andere begegnen einem Wachhund, der sofort anschlägt, sobald jemand zu nahe kommt – treu, erschöpft, unbestechlich in seinem Dienst. Und manchmal zeigt sich auch ein Wolf: wild, hungrig, ungestüm. Einer, der reißen will, weil er zu lange eingesperrt war. Das sind keine Zufälle und keine bloßen Fantasien. Es sind Verdichtungen von Gefühl, Erinnerung, Energie – Gestalten eines inneren Wissens, das älter ist als unser Denken. Sie tauchen auf, wenn der Körper die Sprache übernimmt, wenn das Schweigen in uns eine Stimme findet.
Wer diesen Tieren zuhört, statt sie zu bekämpfen, erlebt, wie sie sich verändern. Das scheue Wesen hebt den Kopf. Der Wachhund legt sich hin. Der Wolf hört auf zu reißen, weil er nicht mehr eingesperrt ist. So geschieht etwas, das man kaum benennen kann – vielleicht Gnade: ein Moment, in dem das Leben nicht mehr nur aus sich selbst atmet.

Eine Haltung des Hörens
Der amerikanische Philosoph Eugene Gendlin nannte diese Art des Hinhörens Focusing: eine Weise, dem Körper das Wort zu geben, bevor der Verstand es deutet. Nicht analysieren, sondern hören. Nicht kontrollieren, sondern Raum schaffen, damit das Leben sich weiterbewegen kann.
In der geistlichen Tradition des Ignatius von Loyola klingt etwas Ähnliches an: das „Unterscheiden der Geister“. Auch hier geht es um Lauschen – auf das, was sich regt, ohne es vorschnell zu bewerten. Beide Wege vertrauen darauf, dass das Leben selbst eine Richtung weiß. Wenn wir still werden, kann sich zeigen, was lebendig werden will – auch wenn es in der Sprache eines Tieres kommt.

Mitgeschöpflichkeit
Wer dem Tier in sich zuhört, lernt auch, die Tiere draußen neu zu sehen. Nicht als Gegenüber, sondern als Mitgeschöpfe. Sie zeigen uns, wie Beziehung ohne Worte gelingt – wie Achtsamkeit, Vertrauen und Gegenwärtigkeit im Leib beginnen.
In jeder Begegnung mit einem Tier – in den Augen eines Pferdes, das uns prüfend ansieht, oder in der stillen Wärme eines schlafenden Hundes – klingt etwas von der Schöpfung an, die uns mitatmet.
Franz von Assisi sprach von Bruder Wolf und Schwester Lerche. Vielleicht meinte er genau das: eine innere Verwandtschaft, die über Arten hinausreicht, eine leise Erinnerung daran, dass alles Lebendige miteinander spricht.
Das Tier in uns will nicht gezähmt werden. Es will nur, dass wir hinhören. Vielleicht ist das schon genug: ein Augenblick, in dem das Leben selbst aufhorcht, als hätte es uns wiedergefunden. Kein großes Geheimnis, kein Glanz – nur Atem, Gegenwart, Bewegung. Und wer genau hinhört, merkt: In diesem Lauschen sind wir nicht allein.
Menschen und Tiere
Dieser Artikel von P. Johann Spermann SJ erschien im Magazin „Jesuiten“. In der Ausgabe 1-2026 „tierisch unterwegs“ stehen unsere tierischen Mitgeschöpfe im Mittelpunkt, denn: „Tiere sind von sich aus wertvoll – auch in ihnen drückt sich die ganze Kreativität des Schöpfers aus“, heißt es im Editorial.
Hier können Sie das aktuelle Magazin kostenlos lesen und abonnieren
Zur Person:
Pater Johann Spermann SJ ist Theologe und Psychologe. Er ist 1990 in den Orden eingetreten und wurde 1999 zum Priester geweiht. Er hat seit 1995 in der Studentenseelsorge in Würzburg gearbeitet und war von 2009 bis 2019 Direktor des Heinrich Pesch Hauses in Ludwigshafen, wo er das Zentrum für Ignatianische Pädagogik (ZIP) aufbaute und ein Wohnbauprojekt, die Heinrich-Pesch-Siedlung, initiierte. Anschließend war er bis 2025 als Provinzökonom in München für die wirtschaftlichen Belange der Zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten verantwortlich. In Ludwigshafen engagiert er sich als Ausbilder für Kurse in geistlicher Begleitung und Focusing. Zudem ist er in der Seelsorge der Jesuitenkirche in Mannheim tätig und Vorstand der Rottendorf-Stiftung.
Wissenswertes
Spiritualität
Spiritualität ist „ein Weg zu Gott“, niemals abstrakt, sondern in jedem Menschen lebendig. Ignatianische Spiritualität bezieht sich auf die „Geistlichen Übungen“ (Exerzitien), mit denen der hl. Ignatius von Loyola Menschen helfen wollte, Gott zu finden und ihr Leben auf Gott auszurichten. Er war überzeugt davon, dass Gott selbst in jedem Menschen wirkt und ihn in die Freiheit führen will, damit er verantwortet wählen und entscheiden kann. Ignatianische Spiritualität ist eine Spiritualität der Freiheit, der Unterscheidung und Entscheidung, und das Grundprinzip ist das Wachsen und Lernen. Sie ist eine Spiritualität der Dankbarkeit. Ignatius erlebte sich bei aller Gebrochenheit zutiefst als beschenkt, geliebt von Gott und durch Jesus Christus erlöst. Auf diese Erfahrung wollte Ignatius mit seinem Leben großherzig antworten und anderen dabei helfen, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Ignatianische Spiritualität ist eine Mystik des Dienstes. Die „Geistlichen Übungen“ wollen einen „Menschen für andere“ formen, wie es dem Lebensmodell Jesu entspricht.
Publikationen
Die großen Fragen unserer Zeit brauchen Stimmen, die kulturelle, politische und kirchliche Themen jenseits journalistischer Hektik seriös und kritisch beleuchten. In gleicher Weise braucht der breite Markt der Spiritualität einen wachen Geist, der die Tradition christlicher Mystik lebendig hält. Mit ihren Publikationen und redaktionellen Angeboten schaffen die Jesuiten einen Raum für hochwertige Inhalte in der Medienlandschaft. Sie mischen sich publizistisch in gesellschaftliche und kirchliche Debatten ein – im Vertrauen darauf, dass das durchdachte Wort mehr bewirkt als die reißerische Schlagzeile. Hier finden Sie eine Übersicht jesuitischer Publikationen