Begleitung, wenn es aufs Sterben zugeht, bedeutet für P. Adrian Kunert SJ und Martina Schürz vor allem eines: präsent sein. Gemeinsam mit den Patienten und Angehörigen halten sie aus, was in dieser existenziellen Situation da ist – Angst und Fragen, Zweifel und Wut, Dankbarkeit und Glaube. Ein Interview über die Bedeutung von Religion für schwer Kranke, über Themen, die am Lebensende wichtig werden, und wie man die richtigen Worte findet.
„Der Glaube baut eine Brücke in eine andere Welt“
P. Adrian Kunert SJ arbeitet seit 2010 als Krankenhausseelsorger im St.-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin. Er ist Lobpreisleiter, schreibt christliche Lieder und ist Herausgeber des Liederbuches XPRAISE. Mehr erfahren
Martina Schürz ist Psychotherapeutin und Trauerbegleiterin in Wien. Im Kardinal-König-Haus der Jesuiten leitet sie den Bereich „Hospiz, Palliative Care und Demenz“. Mehr erfahren
Pater Kunert, wie erfahren Sie überhaupt, dass jemand im Berliner Gertrauden-Krankenhaus im Sterben liegt und den Wunsch nach einem Seelsorger hat?
Pater Kunert: Patienten oder Angehörige fordern mich an, neben jedem Bett liegt eine Karte mit einem Sonnenblumenmotiv und meiner Telefonnummer. Manchmal geben mir Pflegekräfte Bescheid, dass ich bei dem oder der anderen doch mal vorbeischauen sollte.
Was können Sie als Priester für diese Patienten tun?
Pater Kunert: Meistens geht es nicht um die priesterliche Funktion – anders als früher, als man nach dem Pfarrer schickte, wenn es zu Ende ging. Seelsorge bedeutet zunächst, das Gespräch anzubieten und offen dafür zu sein, aber auch nur, wenn der Patient das wünscht und es ihm Entlastung bringt.
Martina Schürz: Das ist auch unsere Haltung, die wir in den Kursen im Kardinal König Haus vermitteln wollen: Es geht radikal um die Bedürfnisse des Patienten. Wir wollen uns in seine Lebensrealität in genau diesem Moment einfühlen und dem entsprechen. Und nichts bewerten. Alles, was in ihm da ist, ist da, auch wenn es negative Gefühle sind.
Wie stelle ich mir das vor, wenn jemand plötzlich vor dem Tod steht oder vor der Möglichkeit zu sterben: Was macht das mit einem?
Pater Kunert: Das kommt auf die Situation und auch die Vorgeschichte an. Manche haben eine Sehnsucht nach dem Sterben, weil sie das Leiden nicht mehr aushalten. Da geht es dann vor allem um palliative Versorgung. Bei anderen brechen alte Dinge auf, Verletzungen, ungelöste Konflikte, zerrüttete Beziehungen. Oft geht es auch um die Menschen, mit denen man sich eigentlich noch versöhnen möchte. Das ist schlagartig alles da und kann die Menschen förmlich zuschnüren.
Wie können Sie da helfen?
Martina Schürz: Wir können keine Lösung aufzeigen. Weder für die Sterbenden noch für trauernde Angehörige. Der Tod ist ein Faktum, das es zu realisieren und anzunehmen gilt. Dafür bieten wir uns als Gegenüber an mit unserer Ausbildung, unserer Empathie und unserer Zeit. So öffnen wir Räume, in denen Patienten alles, was in ihnen ist, äußern können, alle Themen, alle Emotionen. Wo das alles sein darf und wiederholt werden darf, immer wieder, und wo das ausgehalten wird. Nur so kann langsam etwas in Bewegung kommen.
Pater Kunert: Das empathische Zuhören ist unsere eigentliche Funktion. Es geht darum, sich zu befassen und zu schauen auf das, was ist – aufhören, zu verdrängen. Ich spreche, wenn es geht, immer auch mit den Angehörigen, gerade wenn es Konflikte gab. Die Pflegekräfte haben dafür keine Zeit und auch nicht die Ausbildung. Als Ordensmann kann ich auch abends oder nachts da sein.
Irritiert das Menschen nicht, wenn ein Priester an ihrem Bett steht, gerade im atheistischen Berlin?
Pater Kunert: Berlin ist gar nicht so atheistisch. Wir haben immerhin 270.000 Katholiken. Und die Kirchenmitgliedschaft sagt nichts darüber aus, ob Menschen an Gott glauben. Es kommt auch vor, dass ich mit Muslimen zu Gott bete. Ich versuche dann immer, eine passende Form zu finden, denn Beten entlastet die meisten Menschen sehr.
Wie helfen Sie jemandem, wenn Sie merken: Da ist ein religiöser Hintergrund vorhanden?
Martina Schürz: Vielen religiösen Menschen gibt ihr Glaube in einer solch existenziellen Situation einen unglaublichen Halt. Diese Menschen begleiten wir auf diesem Weg und teilen ihn mit ihnen. Das schließt auch offene Fragen nicht aus, ich muss darauf keine Antwort geben. Aber es gibt auch Menschen, die mit ihrem Glauben zu hadern beginnen: Warum konnte Gott mir das antun? Auch darauf haben wir keine kluge, theologische Antwort, sondern halten es aus und tragen es mit. Es gibt auch Menschen, die ihr Leben lang nicht religiös waren, die aber jetzt sehen, wie andere von ihrem Glauben profitieren und eine Sehnsucht nach solch einer Sicherheit spüren.
Pater Kunert: Eine wichtige Funktion hat Dankbarkeit, darauf versuche ich den Fokus zu legen. Haben Sie schon einmal gespürt, wie schnell das Gefühl von tiefer Dankbarkeit für etwas, was einem geschenkt wurde ohne eigenes Zutun, das Herz aufgehen lässt für Gott? Dankbarkeit ist eine Himmelspforte. So frage ich zum Beispiel nach der Liebe des Lebens, die so ein Geschenk ist, die gemeinsam verbrachten Jahre, die Freude miteinander. All das weitet das Herz.
Das dürfte nicht so einfach sein, wenn jemand in Todesangst ist, wie Panik in der deutschen Sprache beschrieben wird.
Pater Kunert: Es sind nicht alle überraschend mit dem Tod konfrontiert. Für viele ist das Thema nicht neu, etwa bei Krebspatienten mit langen Therapieverläufen. Die sind schon lange damit befasst mit einem ständigen Auf und Ab. Aber klar gibt es auch panische Patienten, apathische, depressive – jedes Verhalten, wie Menschen auf eine existenzielle Bedrohung reagieren.
Martina Schürz: Alle müssen sich an eine dramatisch geänderte Situation anpassen. Das ist eine wichtige Funktion, deshalb muss man diesen Prozess zulassen. Der Sterbende hat vielleicht nicht mehr allzu viel Zeit dafür, der Trauernde in der Regel schon. Ich warne deshalb immer vor aberkannter Trauer. Das ist, wenn andere einem den Tod schönreden wollen nach dem Motto: Er oder sie hatte ein schönes Leben, einen friedlichen Tod, musste wenigstens nicht leiden, ist jetzt erlöst und so weiter. Der oder die Tote ist trotzdem tot und für die Angehörigen ein schlimmer Verlust. Es ist nicht gut, wenn das nicht gesehen und nicht zugelassen wird, wenn dem kein Raum gegeben wird. Dafür sind wir als professionelle Unterstützer da.
Ist das berühmte Trauerjahr?
Martina Schürz: Ja, das erste Weihnachten, der erste Geburtstag, der erste Hochzeitstag ohne den Partner. Das ist sehr schmerzhaft. Aber das wird auch im zweiten Jahr nicht schlagartig besser. Oft dauert es weit länger als ein Jahr.
Welche Funktion kann der Glaube in solchen Grenzerfahrungen von schwerer Krankheit und Tod haben?
Pater Kunert: Eine wichtige Brückenfunktion, die von der jetzigen, oft leidvollen Situation in eine andere Welt hinüberreicht und dadurch Hoffnung gibt. Mit religiös geprägten Menschen bete ich oft den Psalm 23 – Der Herr ist mein Hirte – oder den Psalm 139 – Herr, Du durchschaust mich. Das sind sehr segensreiche Gebete, die Worte finden für das Unaussprechliche. Das funktioniert aber nur mit Patienten, die diese Sprache kennen und einen Sinn dafür haben.
Martina Schürz: Ich sehe das auch so, dass der Glaube für viele Menschen eine wertvolle Stütze ist. Sie wissen, oder sind sich sicher, dass sie nicht allein sind. Dass es eine höhere Realität gibt, die über ihre aktuelle Situation hinausreicht. Ich erinnere mich andererseits an eine Frau, die überhaupt keine spirituellen Wurzeln hatte – etwas, das mir fremd ist und in das ich mich nur schwer einfühlen konnte. Sie haderte schrecklich mit dem Tod ihres Vaters und fragte mich, ob ich als religiöser Mensch eine Vorstellung davon hätte, wo er sich jetzt befinde, wie es ihm gehe, ob er in Frieden sei. Diese Frau wünschte im Laufe dieses Prozesses den Kontakt zu einer Ordensfrau, den ich ihr auch hergestellt habe.
Wie ist das mit dem Leben nach dem Tod? Wir Christen glauben daran, aber jeder von uns kennt auch den Zweifel. Wie thematisiert man das Sterbenden gegenüber?
Martina Schürz: Ich versuche mich, den Vorstellungen und der Sprache der Patienten anzupassen. Ich erinnere mich an einen alten Mann. Der war, kurz bevor er starb, so dankbar, dass er mir sagte, er werde für mich im Himmel einen Sessel reservieren. Das war jetzt überhaupt nicht mein Bild vom Himmel, aber ich fand es so ehrlich und berührend. Wer wäre ich denn, anderen etwas vorzugeben, von dem ich selbst doch auch nicht weiß, wie es sein wird.
Pater Kunert: Kopfantworten oder gar dogmatische Aussagen helfen sicher nicht und schon gar nicht, wenn sie von außen kommen. Also kein Argumentieren! Wenn jemand Zweifel hat, muss man das zulassen und kann das nur ins Gebet bringen. Hier helfen Rituale wie die Krankensalbung, vielleicht die Beichte oder ein Segen.
Wie begleiten Sie jemanden, der nicht religiös ist oder das ablehnt. Den können Sie nicht einfach segnen.
Pater Kunert: Dann verzichte ich natürlich auf religiöse Inhalte und explizite Formen wie das Kreuzzeichen, aber ich kann neben meiner psychologischen Ausbildung auch Übungen und Formen einsetzen, die man gar nicht als religiös einschätzen würde, um die richtigen Ressourcen freizusetzen.
Was heißt das?
Pater Kunert: Es geht darum, der Krankheit und dem Tod nicht mehr Raum zu geben als dem Leben. Das heißt, den Menschen Angst, Enge, Aggression zu nehmen versuchen. Eine Methode dafür sind Atemübungen. Es geht darum, dass der Patient über tiefe Bauchatmung Ruhe findet. So etwas ist Tradition in vielen Religionen, und wie das funktioniert, ist auch biologisch erwiesen. Das wiederholte bewusste Ein- und Ausatmen ist von der Übung des Jesus-Gebets, wie wir es aus der orthodoxen Kirche kennen, gar nicht weit entfernt. Ein nicht religiöser Mensch kann seine eigenen Worte für diese Übung finden.
Heißt das, dass Religion auch eine Funktion für nicht-religiöse Menschen im Moment des Sterbens haben kann?
Pater Kunert: Ich denke schon, man muss aber aufpassen, dass man den Menschen nichts überstülpt. Ich werde in einem solchen Fall sicher keine Predigt halten oder einen Religionsunterricht, Theologie steht dem eher im Weg. Stattdessen schildere ich, wie ich selbst umgehen würde mit so einer Situation und wie ich damit schon einmal umgegangen bin.
Sie haben selbst die Erfahrung von Todesnähe gemacht?
Pater Kunert: Ja, das war während der Pandemie. Ich hatte Corona und habe tagelang fürchterlich gehustet, geschwitzt und wahrscheinlich viel zu wenig getrunken. Ich lief durch die Gänge wie ein Greis und wäre fast gestorben, wenn das nicht jemandem aufgefallen wäre, der mich zum Arzt brachte. Die Nieren hatten wegen zu wenig Flüssigkeit schon fast aufgegeben, ohne dass ich das selbst gemerkt hatte.
Was hat diese Erfahrung mit Ihnen gemacht?
Pater Kunert: Das war diese tief empfundene Dankbarkeit: für ein Geschenk, für das ich nichts konnte, im Gegenteil! Es war für mich der Lobpreis Gottes.
Interview: Gerd Henghuber
Wissenswertes
Spiritualität
Spiritualität ist „ein Weg zu Gott“, niemals abstrakt, sondern in jedem Menschen lebendig. Ignatianische Spiritualität bezieht sich auf die „Geistlichen Übungen“ (Exerzitien), mit denen der hl. Ignatius von Loyola Menschen helfen wollte, Gott zu finden und ihr Leben auf Gott auszurichten. Er war überzeugt davon, dass Gott selbst in jedem Menschen wirkt und ihn in die Freiheit führen will, damit er verantwortet wählen und entscheiden kann. Ignatianische Spiritualität ist eine Spiritualität der Freiheit, der Unterscheidung und Entscheidung, und das Grundprinzip ist das Wachsen und Lernen. Sie ist eine Spiritualität der Dankbarkeit. Ignatius erlebte sich bei aller Gebrochenheit zutiefst als beschenkt, geliebt von Gott und durch Jesus Christus erlöst. Auf diese Erfahrung wollte Ignatius mit seinem Leben großherzig antworten und anderen dabei helfen, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Ignatianische Spiritualität ist eine Mystik des Dienstes. Die „Geistlichen Übungen“ wollen einen „Menschen für andere“ formen, wie es dem Lebensmodell Jesu entspricht.
Spiritual Care
Spiritual Care ist für Patienten, ihre Angehörigen sowie für die behandelnden und pflegenden Berufe eine wichtige Orientierung, besonders bei der Erfahrung und Bewältigung von Grenz- und Schwellensituationen. In mehreren englischsprachigen Ländern und in der Schweiz ist Spiritual Care bereits anerkannt, vor allem in der Behandlung von Tumoren und in der Palliativmedizin. Dabei werden Glaubens-, Wert- und Weltanschauungssysteme aller Patienten berücksichtigt, nicht nur der religiösen Menschen.