• Ausflug nach Cannon Beach mit Mitbrüdern
  • Musikabend mit Studierenden und Obdachlosen
  • Rückreise von Vancouver mit dem Zug
1 / 4
SJ-Bild

„Der Orden ist der richtige Ort für mich“

30 Tage Schweigen, 2 Monate Arbeit in einem Obdachlosenheim, 8 Monate Abstand vom Alltag: Das Tertiat, dritter und letzter Ausbildungsabschnitt für Jesuiten, bildet den Rahmen für diese Erfahrungen. Für P. Martin Föhn SJ wurde das Tertiat zu einer Zeit der Vertiefung: In Portland, USA, setzte er sich mit den Wurzeln der ignatianischen Spiritualität auseinander, blickte auf seine bisherige Zeit im Orden zurück und vertiefte seine Berufung. Was er am Jesuitenorden am meisten schätzt und welcher Gedanke ihn seit dem Tertiat begleitet, darüber spricht Pater Föhn im Interview.


Pater Föhn, warum gibt es für Jesuiten nach vielen Jahren im Orden einen dritten Ausbildungsabschnitt, das Tertiat?

Das Tertiat ist eine Auszeit, um rauszugehen aus dem, was man bisher gemacht hat, und um zu reflektieren. Im Tertiat konnte ich auf meine 15 Jahre als Jesuit zurückschauen und die Satzungen und Konstitutionen des Ordens vertiefen, auf denen er aufgebaut ist. Das ist viel Identitätsarbeit, bei der man an den Anfang zurückgeht: Wer sind wir Jesuiten? Woher kommen wir? Was gibt mir Kraft und wie will ich diesen Weg weiter gehen?

Welche Antwort haben Sie auf diese Frage gefunden?

Das Tertiat hat mich als Person noch einmal mehr „gegründet“ in dem Sinne, dass es mir das feste Fundament, auf dem ich stehe, vor Augen geführt hat. Das liegt auch am weltweiten Netzwerk der Gesellschaft Jesu, das ein wichtiger Identitätsfaktor für mich ist. Ich schätze es, in diesem Netzwerk gehalten und getragen zu sein. Ich habe gespürt, dass der Orden der richtige Ort für mich ist.

Zweifelt man nach so vielen Jahren im Orden überhaupt noch, ob man auf dem richtigen Weg ist?

Zweifel gehören dazu. Ich würde sogar sagen, Zweifel halten uns lebendig. Bei mir gab es auch Zweifel an meinem Weg als Jesuit. Gleichzeitig konnte ich immer wieder Ja zum Orden sagen. Das hat meine Berufung gestärkt. Kleinere und größere Krisen gibt es aber nicht nur im Ordensleben, sondern genauso in der Ehe, einer Freundschaft, der Familie, einfach in jeder menschlichen Beziehung. Zweifel können eine Beziehung stärken, wenn man sie trotzdem bejaht und weitermacht, auch wenn es manchmal schwierig ist.

Man setzt sich also im Tertiat auch mit den Zweifeln auseinander?

Genau. Wir Jesuiten sollen ins Tertiat gehen, wenn wir uns sicher sind, dass wir im Orden bleiben wollen, aber gleichzeitig ist diese Zeit auch nochmal eine Zeit der Prüfung. Und das ist gut so. Mir ist im Tertiat zum Beispiel das Thema Treue noch wichtiger geworden. In unserer Gesellschaft hat Treue keinen allzu großen Wert, aber Treue ist etwas unglaublich Wertvolles. Es liegt ein großes Wachstum darin, wenn man seinem Weg treu bleibt und durch Krisen hindurchgeht – und nicht gleich einen neuen Lebensentwurf wählt.

Treue im Orden und in Freundschaften hat meine Persönlichkeit vertieft und gestärkt. Für mich war es sehr wichtig, immer wieder das Gute zu sehen, was ich in meiner Zeit im Orden geschenkt bekommen habe. Das ist enorm viel und dafür bin ich sehr dankbar.

Was denn?

Eine Sache, die mir extrem wichtig ist, ist der internationale Zusammenhalt. Der Orden ist ein Netzwerk, in dem ich weltweit aufgehoben bin. In fast jeder größeren Stadt auf diesem Planeten habe ich Mitbrüder und bin sofort zuhause. Ich bin auf der ganzen Welt zuhause! Wenn ich zum Beispiel in einer Kommunität neu ankomme, sind wir vom ersten Moment an Mitbrüder. Wir kommen ins Gespräch und man kennt die gleichen Jesuiten oder war an den gleichen Orten. Diese Verbundenheit ist für mich unendlich wertvoll, denn dieses Netzwerk bietet mir Heimat und Zugehörigkeit, egal, in welche Kultur ich hineinkomme.

Eine zweite Sache, für die ich dem Orden sehr dankbar bin, ist die Arbeit, die wir als Jesuiten machen dürfen: mit Menschen unterwegs sein, Gemeinschaft bilden, über Gott sprechen, gemeinsam beten. Es gibt keine schönere Arbeit! 

Sind Sie heute noch aus den gleichen Gründen Jesuit, die Sie vor 15 Jahren zum Eintritt bewegten?

Ja, so ziemlich. Ich bin vor allem deswegen in den Orden eingetreten, weil ich auf der Suche nach einer näheren Beziehung mit Gott war. Ich bin immer noch auf der Suche, Gott noch näher zu kommen. Dafür ist der Orden ein guter Ort: Ich kann mit anderen Gott suchen, mit ihnen über Gott sprechen, zusammen beten und feiern. Einzig bei meinem Ordenseintritt hatte ich noch nicht das Bewusstsein für das weltweite Netzwerk, in dem diese Suche nach Gott möglich ist.

Seitdem sind einige Jahre vergangen. Warum kommt das Tertiat erst so spät – mitten in Ihrem priesterlichen Wirken?

Es ist ein Vorteil, zwischendurch Abstand zu bekommen, um die Dinge aus der Ferne anzuschauen, einfach einmal aussteigen zu dürfen. Dadurch hat man Zeit, zu reflektieren, was man bisher in seiner Zeit als Jesuit getan und gearbeitet hat – und um die Beziehung zu sich und zu Gott noch einmal ganz bewusst zu vertiefen, vor allem in den Exerzitien. Und Auszeit ist immer auch eine Art von Prävention. Das gilt gerade für die heutige Zeit mit den vielen Burnouts. Für mich ist das Tertiat ein riesiges Geschenk des Ordens: dass ich acht Monate Zeit vor allem für mich hatte ohne größere Verantwortung. 

Viele verbinden eine Auszeit mit Rückzug. Aber im Tertiat geht es auch um den Dienst an anderen Menschen. Warum?

Es ist Teil unseres Apostolates, nach außen zu gehen. Im Tertiat geht es darum, dabei in eine andere Kultur hineinzuschauen, besonders auf der pastoralen Ebene. So war ich für zwei Monate in einem Obdachlosenheim in Vancouver, Kanada. Die Arbeit mit obdachlosen Männern ist ein Feld, in dem ich vorher nicht gearbeitet habe. Weil diese Zeit als Praktikum – im Orden sagen wir „Experiment“ – gestaltet ist, trägt man keine Leitungsverantwortung, sondern kann wirklich reinschnuppern und seinen Horizont erweitern.

Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Arbeit gemacht?

Diese Zeit war für mich eine sehr gute Erfahrung, um so manche Vorurteile abzubauen. Denn bei den meisten Männern, die abends kamen, hat man gar nicht gesehen, dass sie obdachlos sind, aber sie lebten tief unter der Armutsgrenze und hatten oft keine Arbeit. Ich habe viele Gespräche mit ihnen geführt und gesehen, wie stark manchen von ihnen der Glaube geholfen hat, aus noch schwierigeren Situationen herauszukommen. Was mich auch betroffen gemacht hat, waren die Geschichten, die zur Obdachlosigkeit geführt haben.

Neben den Experimenten gehören zum Tertiat auch die Großen Exerzitien. 30 Tage Schweigen und Gebet gehen ans Eingemachte. Wie war das für Sie?

Ich bin ein Fan von Exerzitien und mache das wirklich gerne. Das Schweigen macht mir nicht viel aus. Natürlich gibt es in dreißigtägigen Exerzitien Momente, die unangenehm sind, in denen man nicht recht weiß, wie man nun weiter kommt. Wenn sich innerlich wenig bewegt, kann es recht langweilig sein. Deshalb ist bei so langen Exerzitien eine feste Tagesstruktur als äußere, einigermaßen fixe Routine wichtig: zur gleichen Zeit aufstehen, feste Gebetszeiten einhalten, Bewegung und frische Luft. Wenn ich dieser Struktur treu bleibe, trägt mich das durch diese Wochen. In Exerzitien gibt es einerseits sehr intensive Prozesse, aber auch trockene Zeiten. Bei beidem gilt: durchgehen, dranbleiben, Strukturen aufrechterhalten.

Was hat das Tertiat mit Ihnen und Ihrer Spiritualität gemacht?

Das Tertiat hat mich noch einmal ruhiger gemacht: Ich bin noch mehr bei mir angekommen. Ein Satz begleitet mich seitdem ganz besonders: „Eine Art von Liebe leben und lehren, die nicht konsumiert, was sie berührt.“ Wir leben in einer Welt, die alles versucht zu vermessen, zu berechnen und zu verobjektivieren, um dann die Dinge zu vermarkten und zu konsumieren. Diese Sichtweise prägt auch unsere Beziehungen zu anderen Menschen und zur Natur. Dem gilt es eine andere Art des Lebens entgegenzustellen: zu lieben, da zu sein für die Menschen, auch für sich selbst und die Schöpfung in einer Weise, in der man sein Gegenüber nicht verobjektiviert und es nicht verbraucht. Mensch, Natur, ja selbst Alltagsdingen mit Liebe und Sorgfalt zu begegnen. Gemeinsam unterwegs sein, ohne gleich nach dem Zweck und Nutzen zu fragen. Ich glaube, bei diesem Satz geht es um bedingungslose Beziehungsfähigkeit. Natürlich müssen wir auch konsumieren, um unsere Seele zu nähren. Doch vielleicht konsumieren wir zu viel an materiellen und zu wenig an geistlichen Dingen. Jedenfalls hat dieser Satz für mich Tiefen, die ich noch mehr entdecken möchte.

Mehr Informationen zum Tertiat und anderen Begriffen aus dem Jesuitenkosmos finden Sie im Glossar.

Zur Person:

Martin Föhn SJ

Pater Martin Föhn ist 1982 im Muotathal auf einem Bauernhof geboren und aufgewachsen. Nach der ersten Ausbildung zum Landwirt folgte ein Studium in Religionspädagogik. Sechs Jahre unterrichtete er Religion auf allen Schulstufen in zwei verschiedenen Pfarreien. Zu den Aufgabenfeldern gehörte auch die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Durch die Exerzitien und die Atmosphäre des Ordenslebens angesprochen und begeistert, trat er 2010 dem Jesuitenorden bei. Nach dem zweijährigen Noviziat in Nürnberg folgte das Studium der Philosophie in München. Anschliessend arbeitete er als Studentenseelsorger in Zürich. Nach drei Jahren Theologiestudium in Paris kehrte er zurück in die Schweiz, wo er den Bereich Bildung und Spiritualität in der Spezialseelsorge für die Stadt Basel verantwortete und in der Studentenseelsorge mitarbeitete. Sein Tertiat, die letzte Ausbildungsphase als Jesuit, absolvierte Pater Föhn in Portland (USA). Seit 2026 arbeitet er in Zürich in der katholischen Hochschulgemeinde aki mit, engagiert sich in der Berufungspastoral und im Team von einfach beten!.

Das Magazin „Jesuiten“ erscheint mit Ausgaben für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Bitte wählen Sie Ihre Region aus:

×
- ×