• P. Eberhard von Gemmingen SJ mit einer Reisegruppe auf dem Forum Romanum.
  • P. Eberhard von Gemmingen auf dem Petersplatz in Rom.
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Der Rumtreiber

Was bedeutet Urlaub für mich? Diese Frage stellen wir in den kommenden Wochen einigen Jesuiten und Mitarbeitern jesuitischer Werke. Für die einen bedeutet es Exerzitien zu machen, am Strand zu liegen oder die Familie zu besuchen. Für Eberhard von Gemmingen SJ bedeutet es vor allem, seine Seele zu suchen.

Mit einem Wort gesagt: Etwas Schönes anschauen, erleben, sehen. Also nicht Ruhe-halten, am Strand liegen, in die Sonne schauen. Es muss was los sein!

Um es konkret zu machen: Seit rund 40 Jahren fahre ich mit alten Freundinnen und Freunden nach Tirol in die  Berge zum Wandern. Anfangs haben wir es "Familienferien" genannt, weil auch viele Kinder dabei waren. Heute sind wir alle Pensionäre, die sich in Gemeinschaft in den Berge mögen.

Dazu habe ich einige besondere Kunstfahrten gemacht: Vor etwa 30 Jahren bin ich mit dem Auto zweimal durch Frankreich gereist, um gotische und romanische Kirchen zu bewundern und zu genießen, einmal fuhr ich in ähnlicher Absicht durch Südengland, einmal durch Litauen, einmal durch die Slowakei und Polen.

Seitdem ich vor zehn Jahren von Radio Vatikan nach Deutschland zurückgekehrt bin, mache ich jährlich einen Monat Urlaub in Rom und "erobere" immer neu die Altstadt und ihre Kirchen. Ich bin dabei noch am Anfang.

Ich gestehe: Ich bin ein "Rumtreiber", ich kann schlecht still sitzen. Leider bin ich auch kein großer Leser. Also ich kann nicht - wie andere - am Waldrand sitzen und den ganzen Tag ein Buch verschlingen.

Jetzt zieht es mich in den Ferien eben immer wieder nach Rom. Was tue ich dort? Ich "erobere" mir immer neu schon gesehene und noch nicht gesehene Kirchen. Allein in der Altstadt gibt es vermutlich 50 schöne, alte Kirchen. Mit einem einzigen Besuch hat man sie nicht erschnuppert. Sie sind unendlich schön ausgestattet, geschmückt, bebildert, mit Mosaiken geziert, der Fußboden in Kosmatenarbeit, die Decke in Gold. Aber es gibt auch ganz "stille", nüchterne Kirchen, in denen es nur "heilig" ist, in denen tagsüber einzelne Beter sind. Es ist eine Fülle sondergleichen. Päpste und Kardinäle haben die Kirchen nicht aus "pastoralen Notwendigkeiten" gebaut, sondern - leider - aus Stolz, Prunksucht, Angeberei. Aber sie haben unzählige Künstler beschäftigt. Kirchen überraschen mich immer wieder. Das ist für mich anders als in Museen. Wenn man in Museen geht, hat man eine bestimmte Erwartung, bei vielen Kirchen ist es eine Überraschung. Mich spricht auch das "Heilige" an. So sitze ich dort und kann durchatmen und meine Seele schwingen und beten lassen.

Zudem treffe ich in Rom viele Mitbrüder, alte Bekannte und Mitarbeiter, treffe alte Bettler. Sie spüren, dass ich wieder da bin. Ich besuche Restaurants, in denen mich die Wirte kennen und mit Handschlag begrüßen. Ich gehe auf Wegen und Straßen, die ich tausendmal gegangen bin, ich komme vorbei an Plätzen, Hotels, Häusern, wo ich mich an Begegnungen mit alten Freunden erinnere.

Meine Seele wollte Rom nicht verlassen. So besuche ich sie alljährlich in der ewigen Stadt.

Autor:

Eberhard von Gemmingen SJ

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist in 1957 in den Jesuitenorden eingetreten, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und leitete von 1982 bis 2009 die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan. Von 2010 bis 2015 war er Projektförderer der Deutschen Provinz der Jesuiten.

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