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Julius Schmitzer

„Die Jesuiten haben mir ihren Spirit geschenkt“

Jesuiten-Schule, Jesuiten-Freiwilligendienst, Jesuiten-Stipendium: Julius Schmitzer aus Berlin hat sein halbes Leben mit dem Orden verbracht. Ein Interview mit dem 20-Jährigen über seine Sicht auf den Orden, den „typischen“ Jesuiten und das, was Jesuiten vielleicht nicht so gut können.
 

Herr Schmitzer, würden Sie sich als Jesuiten-Kenner bezeichnen?

Ich war acht Jahre am Canisius-Kolleg in Berlin und habe dort Abitur gemacht, danach war ich mit Jesuit Volunteers in Bosnien und habe dort für den Flüchtlingsdienst gearbeitet. Jetzt bin ich Fellow des Alfred Delp Studiennetzwerks. Das heißt, ich habe eine ganze Reihe von Jesuiten kennengelernt, aber als Kenner würde ich mich sicher nicht bezeichnen, dafür kenne ich zu wenig vom Orden.

Als was dann, als Fan?

(Lacht.) Schon eher, es gibt eine ganze Menge, was mir imponiert.

Was besonders?

Die Spiritualität: die Dinge immer wieder reflektieren, betrachten und hinspüren auf die inneren Regungen. Wir haben das in der Schule und Jugendarbeit sehr oft geübt – als Abschluss am Abend auf Sommerlagern, als Schultagesabschluss, in Jugend-Exerzitien in der achten Klasse. Es gab sogar eine eigene Besinnungswoche in der Oberstufe, um herauszufinden, was wir nach dem Abitur machen wollen. Und dann: Gott in allen Dingen suchen. Das finde ich eine wunderbare Perspektive, gerade wenn es um schwierige Fragen geht. Ich kann schon sagen, dass mir die Jesuiten für mein Leben ihren Spirit geschenkt haben. Mir gefällt auch sehr, wie zugewandt zur Welt und nah bei den Menschen Jesuiten sind – gleich ob mit Bildungsangeboten, in der Jugendarbeit oder beim Engagement für Flüchtlinge. Dass der Orden an die Ränder der Gesellschaft gehen soll, hat Papst Leo erst neulich wieder gefordert. Ich habe das bei meinem Freiwilligeneinsatz in Bosnien selbst erfahren.

Was haben Sie da erlebt?

Eine Grenze der Menschlichkeit. Ich war in einem Zentrum für Flüchtlinge im äußersten Nordwesten von Bosnien in der Kleinstadt Bihać, also außerhalb der EU-Außengrenze. Ich habe erlebt, wie Flüchtlinge oft auf brutale Weise an der Einreise und damit an ihrem Recht auf ein rechtsstaatliches Verfahren gehindert wurden. Immer wieder kommt es dort zu Pushbacks, also dass Flüchtlinge, die bereits auf EU-Boden sind, mit körperlicher Gewalt und unter Androhung von Waffeneinsatz wieder zurück über die Grenze nach Bosnien gedrängt werden. Das ist illegal! Diese Gewalt ist kein Unfall, sondern die Konsequenz eines Europas, das seine Werte an den Außengrenzen opfert. Das ist vielleicht das Krasseste, was ich erlebt habe.

Wie haben Sie und andere diesen Menschen helfen können?

Indem man sie zum einen mit dem Nötigsten versorgt: Essen und Trinken, medizinische Versorgung, Schlafsäcke. Wichtiger ist aber oft, einfach nur da sein, zuhören, quatschen, Karten spielen. Dadurch zeigt man: Ich sehe dich. Ich rede mit dir, ich spiele mir dir, wir lachen zusammen, du hast einen Namen und damit eine Würde – wohingegen das Grenzregime die Menschen zu reinen Nummern eines Problems macht. Ich habe tiefrote Marken von Schlagstöcken, aufgeschürfte Glieder, gebrochene Knochen, schmerzverzerrte Gesichter gesehen. Aber das Krasseste war, dass das eigentliche Leid oft tiefer steckte, dass die Menschen ihrer Würde beraubt wurden. Vielen wurde von den Grenzschützern das Handy entrissen und zerstört. Ihnen wurde damit nicht nur dieses wichtige Orientierungswerkzeug geraubt, sondern auch der letzte Kontakt zu ihrer Familie und zu Freunden. 

Wie sind Sie mit dieser Erfahrung umgegangen?

Typisch jesuitisch vielleicht. Ich habe versucht, genau in dieser furchtbaren Realität Gott zu suchen. Ich habe ihn zwar nicht immer finden können, aber wenn, dann in den Menschen, die mir gegenüber waren.

Gibt es Jesuiten, die Sie als Vorbilder bezeichnen würden?

Ignatius natürlich wegen seiner Spiritualität, er ist mir in der Schule oft in Form von Zitaten begegnet sowie durch die Exerzitien. Zuletzt habe ich mich durch das Fellowship viel mit Alfred Delp beschäftigt, auch recht spät erst, obwohl es in der Schule ein Alfred-Delp-Haus gibt. Gerade lese ich in seinen Meditationen.

Was beeindruckt Sie an Pater Delp?

Seine politische Haltung als Mitglied des Kreisauer Kreises. Er mahnt uns aufzupassen, wie leicht eine Gesellschaft kippen kann. Aus seinem Glauben zieht Delp die Kraft, sich unter Lebensgefahr für eine bessere Zukunft Deutschlands einzusetzen. Das ist ein ungeheurer Mut. Ich will sie nicht nebeneinanderstellen, aber auch Klaus Mertes bewies großen Mut, als er 2010 den Missbrauchsskandal öffentlich machte. Das hat im Orden und in der Kirche sicher nicht allen gefallen. Ich war zwar einige Jahre später an der Schule, wir wurden von der Auseinandersetzung und Aufarbeitung aber noch stark geprägt. Auch hier: das, was man als richtig erkannt hat, konsequent tun – das sehe ich als jesuitisch an.

Würden Sie sagen, dass es einen bestimmten Typus Jesuit gibt?

Vielleicht ist typisch für Jesuiten, dass sie so individuell sind. Ich habe ganz verschiedene Typen kennengelernt. Viele sind starke Charaktere, manche eigenwillig, nicht wenige wirklich eindrucksvoll und charismatisch. Ich finde, dazu passt, dass sie keinen Habit tragen. Sie verstecken ihre Persönlichkeit nicht.

Was können Jesuiten in Ihren Augen nicht ganz so gut?

Vielleicht hat die Individualität auch ihre Herausforderungen. Manche Patres polarisieren sehr, etwa Jörg Alt mit seinen Blockade-Aktionen, wobei ich die angestoßene Debatte über die Frage der sozial-ökologischen Transformation richtig finde. Ich würde auch sagen, dass Jesuiten liturgisch manchmal arg nüchtern daherkommen. Katholisch kann eigentlich mehr äußere Form.

Nach so vielen Jahren mit Jesuiten – können Sie sich vorstellen, selbst einer zu werden?

(Lacht.) Das geht nicht, ich bin evangelisch. Aber ich kann mir tatsächlich vorstellen, Pfarrer zu werden und habe begonnen, an der Humboldt-Universität in Berlin evangelische Theologie zu studieren.

Echt jetzt? Katholische Jesuiten haben Sie zu einem evangelischen Pfarrer gemacht?

Noch bin ich ja keiner. Und ich wurde schon auch stark außerhalb der Schule geprägt, in meiner Gemeinde etwa. Aber es stimmt: Jesuiten haben mich auch in meinem Berufswunsch positiv beeinflusst und auch unterstützt – durch ihr Vorbild, durch die ignatianische Spiritualität, ganz praktisch auch durch viel geistliche Begleitung. Sie haben mich gelehrt, vor allem die wichtigen Themen und Entscheidungen immer wieder neu zu durchdenken, über alle Unsicherheiten, Zweifel und anderen Impulse hinweg. Und da bin ich jetzt. Aber die Jesuiten sind wahrscheinlich auch der evangelischste unter den katholischen Orden.

Ob sie das gern hören?

Ich denke, dass sich die christlichen Kirchen und Konfessionen nicht länger auseinanderdividieren sollten. Wichtig ist nur, dass wir ganz nah bei den Menschen sind und dass wir ihnen etwas Wertvolles geben können. Nur so gewinnen wir Menschen für Christus und verlieren sie nicht.

Interview: Gerd Henghuber

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