• Stefan Kiechle SJ
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Die Menschen lügen. Alle.

In Zeiten von Fake News und Verschwörungstheorien ist der zweieinhalbtausend Jahre alte Psalm „Die Menschen lügen. Alle.“ nach wie vor aktuell. Selbst in Friedenszeiten neigen auch einige Regierungen zum Autoritäten, „auch in der Verkündigung ihrer oft verlogenen Wahrheiten“, schreibt Stefan Kiechle SJ im Editorial der aktuellen Ausgabe der „Stimmen der Zeit“. Eine positive Perspektive entwickelt er mit kritischem Blick auf den Wahrheitsbegriff und unsere moderne Kommunikation.

Lapidar und geradezu bodenlos nüchtern sagt der Psalmist: Die Menschen lügen, und zwar alle (Ps 116,11). Zweieinhalbtausend Jahre alt ist dieses Wort, aber nach wie vor aktuell in Zeiten von Fake News und Datenmanipulation, von Pressebeschränkungen und Verschwörungstheorien, von Internet-Blasen und Shitstorms. Nicht nur Kriegsberichterstattung filtert und unterdrückt Wahrheit – das war schon immer so –, manche Regierung neigt auch in Friedenszeiten zunehmend zum Autoritären, auch in der Verkündigung ihrer oft verlogenen Wahrheiten. Sie nennt das dann „gelenkte Demokratie“ oder „Kampf gegen Terrorismus“. Der intellektuell wache Zeitgenosse wundert sich, wie in aufgeklärten Zeiten und mit den Mitteln kaum kontrollierbarer Internet-Kommunikation solch ein Lenken und Manipulieren der Wahrheit dennoch und ganz offensichtlich funktioniert. Kritische Medien haben in diesen Ländern immer weniger eine Stimme. Ihr Protest gegen die Lüge und auch der Protest der unabhängigen westlichen Presse: Sie verhallen weitgehend ungehört.

Warum stören die Lügen niemanden? Der amerikanische Präsident, ein vielfach überführter Lügner, hat weiter hohe Zustimmungswerte. Leugner des Klimawandels glauben einfach den politisch manipulierten Statistiken. Rechtspopulisten verbreiten falsche Zahlen über Flüchtlinge und über deren Kriminalitätsrate – keine Widerlegung wirkt wirklich. Verschwörungstheorien im Netz, ohne jeden Bezug zur Realität, finden ihre Anhängerschaft.

Man – das abstrakte und anonyme „man“ existiert – bleibt gerne in der Blase: Auch gegen Fakten glaubt man der Ideologie, sie soll nur einfach und verständlich sein und Ängste besänftigen. Man identifiziert ein klares politisches Anliegen, oft ist es das Partikularinteresse der eigenen Gruppe, und kämpft für dieses, auch wenn die Realität viel komplexer ist, so dass dieses vielleicht berechtigte An- liegen mühsam und kompromissbereit gegen andere Interessen austariert wer- den müsste: Gruppenegoismus verschließt gegenüber dem Gemeinwohl. Blasen spalten: Republikaner versus Demokraten in den USA, die AfD gegen den Rest bei uns, Konservative gegen Reformer in der Kirche. Blasen schaffen Gemeinschaft, Identität, Anerkennung. Blasen erlauben die Bequemlichkeit, keine Fakten studieren zu müssen. Blasen besiegen die Angst davor, aus der Blase herausgehen und dadurch mit Freunden in Konflikt treten zu müssen. Mit der gegnerischen Blase in Dialog zu gehen, wäre anstrengend, ja gefährlich, denn der Dialog könnte für wahr gehaltene Weltbilder und Sicherheiten zertrümmern, und er könnte den partikularen Interessen schaden.

Was ist Wahrheit? Grob vereinfacht, streiten sich zwei Ansätze: In der klassischen Abbildlehre sind Sätze oder Theorien dann wahr, wenn sie Fakten getreu abbilden, eher nüchtern und gleichsam objektiv. Doch sogleich stellen sich Fragen: Wer misst und bewertet die Übereinstimmung – likes und dislikes allein reichen wohl kaum? Sind nicht auch empirische Wissenschaftler oft uneins, schon in den Fakten und erst recht in deren Deutung? Gibt es Wahrheit ohne subjektive

„Brille“ – und ohne ein die Erkenntnis lenkendes Interesse? Ist die Realität nicht zu komplex, als dass man sie einfach abbilden kann?

Hingegen sagt die neuere Konsenstheorie: Wahr ist, auf was sich eine Sprechergemeinschaft einigt – so bilden sich Begriffe und Theorien, und so verändern sich diese in der Geschichte. Auch hier stellen sich Fragen: Kann Wahrheit gleichsam demokratisch bestimmt werden? Wer hat die wirkliche Macht über die Begriffsbildung? Siegen so nicht immer die terribles simplificateurs? Wie kommt die Gemeinschaft an Fakten heran? Bleibt man mit dieser Wahrheit nicht notwendig in der Blase? Bestätigt nicht der Echoraum immer wieder nur sich selbst? Und wenn der Mächtige einen Echoraum für seine Ideologie aktiv schafft und diesen konsequent abschottet: Wie verhindert man diesen Machtmissbrauch?

Was hilft gegen die Lüge? Ein gutes Maß an Abbild braucht es durchaus: Faktencheck, Expertenwissen, professionelle Kompetenz, Wahrnehmung der Realität, wie sie ist, und nicht, wie man sie möchte. Thesen sind kritisch zu prüfen und gegebenenfalls mutig zu korrigieren, Blasenideologien sind zu überwinden. Verantwortliche sollten – nicht nur in der Kirche – eine „Lehre“, die auf die Realität nicht mehr passt, gegen alle Verlustängste eben doch weiterentwickeln; dass dies geht, lehren übrigens sowohl die Profan- wie die Kirchengeschichte. Aber es braucht auch ein gerütteltes Maß an Konsens: Allzu Subjektives wird in einem guten Dialog objektiviert; nur durch Kommunikation auch mit „gegnerischen“ Meinungen und daher mit allen Beteiligten kommt man der Wahrheit näher. Ein neuer Begriff oder eine Theorie, wenn sie nicht anerkannt sind, werden nicht als Wahrheit gelten. Wenn bei einer Option nicht eine Mehrheit der Betroffenen zumindest im Ansatz mitzugehen bereit ist, sollte diese nicht mit Macht durch- gesetzt werden.

Wenn die Lüge weiter überhandnimmt, wird es nicht vorangehen mit einer Welt, die wir alle uns gesünder und gerechter, friedlicher und menschlicher und – warum nicht? – auch gottgläubiger wünschen.

Autor:

Stefan Kiechle SJ

Pater Stefan Kiechle SJ ist 1982 in den Jesuitenorden eingetreten und wurde 1989 zum Priester geweiht. Er war von 1998 bis 2007 Novizenmeister und hat in verschiedenen Aufgaben in der Hochschulseelsorge und Exerzitienbegleitung gearbeitet. Von 2010 bis 2017 war er Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten. Er ist Delegat für Ignatianische Spiritualität und Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit".

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