Die Klimakonferenz COP30 in Brasilien ist vorbei. Welchen Eindruck nehmen Sie von den zweiwöchigen Verhandlungen mit?
Ich war positiv überrascht, dass in den Medien viel über die Klimakonferenz berichtet wurde. In den Monaten zuvor hatte ich eher das Gefühl, dass die Themen Klima und Transformation im öffentlichen Diskurs kaum eine Rolle spielen.
Die Jesuiten haben sich im Vorfeld der COP30 abgestimmt, denn einer unserer weltweiten Schwerpunkte ist die „Sorge um das gemeinsame Haus“, unsere Erde. Eine große Delegation ist nach Brasilien gereist. Die Dynamik der Verhandlungen über ihre Berichte zu verfolgen, war für mich aus der Ferne fast wie ein Krimi.
Was war denn so spannend?
Es gab gleich mehrere Entwicklungen, die mich gefesselt haben: Beispielsweise als mehrere Länder forderten, anders zu debattieren: weniger im Plenum und mehr in Kleingruppen, inspiriert von indigenen Verhandlungserfahrungen.
Dann gab es die Indigenen vor Ort, die protestiert haben: für ihre Landrechte und für den Regenwald, für den sie sich besonders verantwortlich fühlen. Im Vergleich zur Klimakonferenz im Vorjahr waren auch die zivilgesellschaftlichen Organisationen präsenter. Das hat Dynamik in die Gespräche gebracht.
Auch die Kirche hat sich stärker eingebracht, beispielsweise mit dem geschlossenen Aufruf der Bischöfe des Globalen Südens für Klimagerechtigkeit.
Ein Krimi waren die Verhandlungen auch deswegen, weil sie auf der Zielgeraden, am letzten Tag, verlängert werden mussten und es bis zum Schluss große Hoffnung gab - doch am Ende ist ein eher enttäuschendes Ergebnis herausgekommen.
Das Fazit fällt also negativ aus. Warum sind die Ergebnisse enttäuschend?
Es gab auch echte Fortschritte, beispielsweise bei den Themen Anpassung an den Klimawandel und sozial gerechte Transformation. Ein verbindlicher globaler Fahrplan zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas wurde jedoch nicht verabschiedet. Darauf hatte sich die große Hoffnung bezogen.
Die Wirtschaft und internationale Konzerne brauchen einen klaren Rahmen mit der Zusicherung aller Staaten, dass sie diesen Weg gehen werden. Solange das nicht passiert, wird weiterhin massiv in den Ausbau fossiler Strukturen investiert und wir werden das Ruder nicht herumreißen können.
Einige wenige Staaten wie Saudi-Arabien, Russland und China haben nicht mitgemacht. Das ist sehr schade und führt zu dem Gesamteindruck einer großen Diskrepanz zwischen der starken Präsenz der Zivilgesellschaft vor Ort und dem schwachen Endergebnis. Dazu hat selbstverständlich auch die große Präsenz von Lobbyisten der fossilen Industrie beigetragen.
Was bedeutet das für Sie und Ihre Arbeit für eine sozial-ökologische Transformation im Ukama-Zentrum der Jesuiten in Nürnberg?
Für Deutschland allgemein gilt: Wir sind wieder auf uns selbst zurückgeworfen. Jetzt bleibt das Gefühl, dass man ein bisschen gegen den Gesamttrend ankämpfen muss. Das ist politisch viel schwieriger, als wenn es einen globalen Wandel gäbe, in den wir uns einklinken könnten. Aber man kann auch sagen: Deutschland muss jetzt vorangehen! Leider setzt allerdings die aktuelle Bundesregierung widersprüchliche Signale, indem auch Flüssiggas weiter ausgebaut wird.
In Nürnberg spüren die verschiedenen aktiven Gruppen natürlich auch die Enttäuschung nach der COP. Aber letztlich sind wir seit Jahren an einem Punkt, an dem klar ist: Wir machen trotzdem weiter. Allerdings spüre ich, dass sich die Zukunftsvisionen mehr und mehr ändern. Kaum jemand träumt noch von einer durchweg gelungenen Transformation. Wir werden als Gesellschaft mit immer größeren Krisen und Katastrophen klarkommen müssen – und hoffentlich in dem Ganzen dennoch zum rechten Zeitpunkt wichtige Weichenstellungen hinbekommen.
Die Jesuiten haben, von Rom aus koordiniert, schon im Vorfeld der COP eine weltweite Kampagne mit Forderungen gestartet, beispielsweise für einen Schuldenerlass und eine gerechte Energiewende. Wie ist diese Kampagne verlaufen?
Durch die Kampagne waren wir eine gewichtige Stimme – im Vorfeld und während der COP – zusammen mit anderen Organisationen, die ähnliche Forderungen vertreten. Das Besondere ist, dass wir das Thema Gerechtigkeit in den Fokus rücken. Am Ende der Energiewende etwa darf nicht wieder nur der Profit derjenigen stehen, die vorher schon profitiert haben.
Jesuiten und Mitarbeitende aus fast allen Kontinenten waren vor Ort und haben täglich berichtet und das Geschehen kommentiert. Schon im Vorfeld wurde Bildungsmaterial zur COP für die jesuitischen Schulen und Hochschulen zur Verfügung gestellt. In den Schulen wurden 99.000 Zeichnungen und Briefe gesammelt, die sich mit dem Thema Klimawandel beschäftigen. Ein Gebetsleitfaden bot zudem täglich spirituelle Impulse zur Klimakonferenz.
Am vorletzten Tag der COP betonten die Jesuiten in Belém auf einer Pressekonferenz, wie wichtig es ist, jetzt Ergebnisse zu erzielen. Diese verstärkte jesuitische Präsenz hat sich gelohnt und steht erst am Anfang. Als internationaler Orden gewinnen wir an Kraft, wenn wir gemeinsam wirken und unser gesamtes Netzwerk aktivieren. Ein wichtiger Effekt war zudem, das Bewusstsein in der jesuitischen und ignatianischen Welt weiter zu schärfen.
Die Zentraleuropäische Provinz der Jesuiten hat sich während der COP an einer großen Divestment-Aktion beteiligt und wird künftig kein Geld mehr in fossile Energien investieren. Eine konkrete Maßnahme, die von weiteren jesuitischen Provinzen übernommen wurde, beispielsweise der niederländischen und der französischsprachigen Provinz. Was bedeutet dieser Schritt?
Wir haben schon seit vielen Jahren ethische Richtlinien für unsere Geldanlagen, die wir zum Beispiel für die Ausbildung der Mitbrüder brauchen, um Einrichtungen zu unterstützen oder um die alten Jesuiten zu versorgen. Diese Richtlinien werden immer wieder reflektiert und angepasst.
Wir haben die Gunst der Stunde genutzt und schärfen nach: Wir schließen künftig nicht nur Kohle, sondern auch Öl und Gas aus. Im Vergleich zum Anlagevermögen großer Unternehmen sind unsere Summen zwar bescheiden. Der schöne Effekt ist jedoch, dass wir eine weltweite katholische Bewegung mittragen, die Jahr für Jahr wächst und immer mehr Menschen aktiviert und motiviert, einzusteigen – auch über den katholischen Bereich hinaus. Es geht um diesen Schneeballeffekt. Das ist dieses Jahr dank „Christians for Future“ gelungen, die die Divestment-Aktion im deutschsprachigen Raum vorangetrieben haben. Divestment an sich ist allerdings nur die halbe Miete. Entscheidend ist auch, dass ein Teil des Geldes in unterstützenswerte Projekte investiert wird.
Als Laudato-Si-Beauftragter des Ordens versuchen Sie, dass die Jesuiten selbst praktizieren, wofür sie nach außen eintreten: die Bewahrung der Schöpfung. Was erhoffen Sie sich da noch?
In einigen Jesuitenkommunitäten und Einrichtungen wird bereits viel getan. Sie ändern ihren Lebensstil, achten stärker auf die Herkunft von Lebensmitteln oder installieren Photovoltaik-Anlagen. Das bleiben bislang jedoch individuelle Aktionen. Die Aufforderung im Orden lautet, zu schauen, ob eine stärkere Zusammenarbeit möglich ist – sowohl innerhalb des Ordens als auch mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren.
Die Zusammenarbeit mit anderen kann für uns ein großer Wachstumspfad sein. Es gibt das Konzept des Fußabdrucks: den ökologischen Fußabdruck oder den CO2-Fußabdruck. Daneben gibt es aber auch den Handabdruck, bei dem es darum geht, einen positiven Effekt auf bestehende Strukturen zu haben. Bei der Divestment-Aktion haben wir einen großen Handabdruck, weil wir andere motivieren, mitzumachen. So könnten wir an vielen weiteren Stellen anfangen, Teil von lokalen Strukturen zu sein, die zukunftsweisend sind, bei Initiativen mitmachen und so weiter. Diesen Handabdruck wollen wir besonders fördern.