• Christiane Florin (Bild: Antje Siemon)
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Die Zukunftsvision einer Frau für ihre Kirche

Frauen wollen in der Kirche gleichberechtigt mitwirken, wollen sie mitgestalten. Für unser JESUITEN-Magazin mit dem Schwerpunkt "Kirche der Frauen" schreibt Christiane Florin ihre persönliche Vision von Kirche.

Frauen werden in der katholischen Kirche behandelt, als seien sie ein hoch gefährliches, gerade erst entdecktes Gefahrengut. Immer neue Kommissionen untersuchen ausdauernd, was es mit diesen anderen, vom Mann abweichenden Wesen auf sich hat. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Das Wesen ist der Weihe nicht würdig. Gleichwertig, aber nicht gleichartig, lautet die Lehrformel. Wer dennoch die Gleichberechtigung in Ämtern fordert, bekommt Vorwürfe von der Sorte zu hören: Kniefall vor dem Zeitgeist! Verrat am katholischen Markenkern! Ungehorsam gegenüber Jesus, Christus und seinen Stellvertretern.

Tote Frauen wie Hildegard von Bingen und Maria Magdalena kommen zu höchsten Ehren. Sie werden Kirchenlehrerin und Apostelin der Apostel mit eigenem Feiertag. Maria, die Gottesmutter, stehe ohnehin höher als jeder Bischof, erklärt Papst Franziskus bei vielen Gelegenheiten. Lebende Katholikinnen haben es deutlich schwerer. Auch wenn in lehramtlichen Dokumenten Päpste und Präfekten der Glaubenskongregation die Gleichwürdigkeit und Gleichwertigkeit der Frau betonen: Das Misstrauen, ja die Verachtung gegenüber den „anderen Wesen“ sitzt im hohen Klerus tief. In modernen Demokratien folgen aus gleicher Würde die gleichen Rechte. Doch die katholische Kirche ist keine Demokratie, sie positioniert sich gegen die Moderne, sie will nicht von dieser Welt sein. Wahrheit ist nicht Mehrheit, lautet eine Weisheit von Joseph Ratzinger und seinen Jüngern. Was in einem weltlichen Kontext – etwa vor dem Hintergrund von Artikel 3 des Grundgesetzes - Diskriminierung aufgrund des Geschlechts genannt werden muss, wird in der Una Sancta als „wahre Gleichheit“ der Geschlechter verbrämt.

Man stelle sich nur für einen Moment vor, die katholische Kirche ließe tatsächlich vom nächsten Sonntag an die bisher ausgeschlossene Hälfte der Menschheit zu allen Ämtern und Diensten zu. Das wäre die Spaltung!, riefen dann die Pessimisten. Sie verweisen auf die Weltkirche, auf die kulturellen Unterschiede in dieser globalen Institution, auf die Länder in Afrika, die „noch nicht so weit sind“. Die Optimisten dagegen dürften jubeln: Was für ein Zeichen! Endlich kuscht die katholische Kirche nicht mehr vor den Patriarchen dieses Planeten, endlich passt sie sich nicht mehr dem global dominierenden Macho-Zeitgeist an, endlich redet sie nicht mehr Benachteiligung als göttliches Gebot schön. 

Es ist schwer, sich im Kirchenrecht unter der Ziffer 1024 den Satz: „Die Heilige Weihe empfängt gültig eine getaufte Person“ statt „ein getaufter Mann“ vorzustellen. Kein Bischof hat sich diesen Satz auf die Fahne geschrieben. Die Frauen, die dafür streiten, sind abgekämpft. Im Laufe der Kirchengeschichte wurden immer neue Gründe gegen eine völlige Gleichberechtigung der Frau gefunden. Seit nicht mehr öffentlich und offiziell von der Minderwertigkeit des Weibes geredet werden konnte – das dauerte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts -, muss die Männlichkeit Jesu als Hauptausschlusskriterium herhalten. Weil das Theologinnen und Theologen nur mäßig überzeugt, erging 1994 ein päpstliches Machtwort. Vorgetragen wurde es im Gestus der Ohnmacht. Gemäß dem Schreiben Ordinatio Sacerdotalis von Papst Johannes Paul II. ist die Kirche nicht befugt, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Die Tür ist zu, hören alle, die gegen die Mauer anrennen und auf ein Schlupfloch hoffen seit nunmehr 25 Jahren. Türsteherposten sind Machtposten.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich eine Frauenquote verordnet, der Erzbischof von München und Freising denkt laut über eine Generalvikarin nach, die vatikanischen Museen werden von einer Direktorin geleitet. Jede Maßnahme wird mit dem Unterton verkündet: Mädels, was wollt ihr denn noch mehr? Warum muss es denn unbedingt die Weihe sein? Mit Frauenförderplänen werden lauter Bypässe gelegt, um die Klerikerherzen zu schonen. Verbale Veränderungsbereitschaft bei gleichzeitiger Verhaltensstarre ist eine kreislaufschonende Lebensweise.

Es fehlt nicht nur Geschlechtergerechtigkeit, es fehlt auch Ehrlichkeit. Die wahren Gründe für die Verachtung der Frauen und die Überbetonung der Männlichkeit Jesu werden nicht genannt. Es gibt auch keinen Weiberaufstand, der zunächst Ehrlichkeit und dann Gerechtigkeit einfordert. Den meisten enttäuschten Katholikinnen und Katholiken ist die Kirche nicht einmal mehr Empörung wert. Wer noch nicht das Weite gesucht hat, versucht in einer Nische ein paar Freiräume zu nutzen und Sinnvolles zu tun. Ein Anfang vom Aufstand wäre es schon, die Verhältnisse nicht mehr schönzureden, an die weibliche Geduld oder das vertiefte Verständnis der Lehre zu appellieren. 

Ein Anfang vom Aufstand wäre es, die Diskriminierung Diskriminierung zu nennen und die Herren dazu zu bringen, ihre Gründe offen zu legen. Fürchten sie Frauen? Oder befürchten sie Machtverlust und Veränderung? Glauben sie zutiefst daran, dass Jesus sich hat kreuzigen lassen, um Priesterinnen zu verhindern? Kaum zu glauben, dass Frauenfeinde Menschenfreunde sein sollen.

Christiane Florin

Partner

SJ-Generalskurie
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