• Dostojewski, 1872. Er stellte in diesem Jahr den Roman Die Dämonen fertig. Porträt von Wassili Perow.
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Dostojewskis Denken als Schlüssel für die heutigen Debatten um Volk und Vaterland

Es gibt eine Zeit im Leben, in der man bestimmte große Autoren, die riesige dicke Bücher geschrieben haben, liest, wie man sie niemals mehr in seinem Leben lesen wird. Bei mir war das die Zeit – über den Daumen gepeilt – zwischen Oberstufe Gymnasium und Ende meines Studiums. Es war meine Dostojewski-Zeit. Ich wanderte durch die unendlich weite und vielseitige Gebirgslandschaft der Romane dieses großen russischen Autors. Wenn ich die letzte Zeile des „Idiot“ gelesen hatte, schlug ich sofort wieder die erste Seite auf, um den Roman noch einmal zu lesen. Wenn ich wieder und wieder das große Gespräch zwischen Sonja und Raskolnikow las, flossen mir jeweils erneut die Tränen. Wenn ich in die kalte Welt des Stawrogin mit den ihn umkreisenden „Dämonen“ hinabstieg, fröstelte es mir im Herzen noch tagelang, und ich empfand zugleich die Faszination des Bösen, das Anziehende der dunklen Macht. Von den „Brüdern Karamasow“ war ich nach der ersten Lektüre erschlagen, von der Schönheit der Frauengestalten in Dostojewskis Romanen ergriffen, vom Leid der geschundenen Kindsfrauen erschüttert – wie ich erst viele Jahre später begriff meine erste Begegnung mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs. Bis heute habe ich mir keine Verfilmung von Dostojewskis Romanen angesehen. Meine Bilder sollen meine Bilder bleiben, in Jahren ständig wiederholter Lektüre mir geschenkt und von mir bearbeitet. Bis heute kann ich mir die russische Orthodoxie nicht vorstellen ohne den Starez Sosima, Institutionskritik nicht ohne den Großinquisitor, die Theodizee-Frage nicht ohne den Aufstand des Iwan Karamasow gegen Gott, die Antwort darauf nicht ohne den zuhörenden Aljoscha.  

Was kann man von Dostojewski lernen? Dass die Frage nach Gott die wichtigste aller Fragen ist. Dass in jeder Verbrecherseele – vielleicht außer in der von Stawrogin – ein Pflänzchen des Guten wächst, überhaupt: Dass man ohne moralisierende Selbstgerechtigkeit in schlimmste Verbrecherwelten und abgründigste Verbrecherseelen hinabsteigen kann. Dass „Arme Leute“ nicht unbedingt gute Leute sein müssen. Dass Philosophen vor den Einsichten der Volksfrömmigkeit auf die Knie gehen können. Dass die Schönheit die Welt erlöst, dass diese Erlösung aber verborgen bleibt. Dass der Unterschied zwischen Romanen und Denksystemen darin besteht, dass Romanfiguren nicht in ein logisch zwingendes Gedankensystem, in eine „Gesamtbotschaft“ des Autors gepresst werden können. Dass große literarische Schöpfungen eigene Welten sind, die sich nicht in biographische Erfahrungen ihres Autors auflösen lassen, dass aber andererseits gerade im Falle von Dostojewski Eigenes in seine Schöpfungen eingeht: Epilepsie, Todesurteil und Begnadigung, Lagerhaft in Sibirien, Sucht, Tod und Auferstehung zu neuem Leben. Und doch: Keine der Figuren Dostojewskis ist bloß Lautsprecher seiner „Botschaft“ oder biographischer Selbstmitteilungen an die Leserinnen und Leser. Dostojewski konnte sich selbst nicht auf den Begriff bringen. Das ist der Glücksfall für seine Schöpfungen. Ein Gebirge eben, keine ordentlich beschnittene Parklandschaft.

Wie bin ich, nach beinahe 40 Jahren, wieder auf den Geschmack von Dostojewski gekommen? Weil sich Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion neu auf seine Traditionen aus dem 19. Jahrhundert besinnt, sowie auf deren Fortführung in der russischen Exil-Literatur und Exil-Philosophie. Für die blieb Dostojewski immer ein unverzichtbarer Bezugspunkt. Der Westen ist nach 1989 vielleicht auch deswegen in seinem Verhältnis zu Russland gescheitert, weil er meinte, dass ein von der sowjetisch-sozialistischen Diktatur befreites Russland voll Freude dem Westen entgegeneilen würde. Aber diese Illusion ist geplatzt. Warum, darauf findet man auch Antworten bei Dostojewski. Aber diese Erkenntnis ist wiederum nur ein Eingangstor, um eine viel größere Landschaft zu betreten als bloß die der Verbindung und Fremdheit zwischen Russland zum Westen. Dieses Größere wäre dann auch eine Brücke für tiefere gegenseitige Verständigung.

Klaus Mertes SJ

Autor:

Klaus Mertes SJ

Pater Klaus Mertes SJ studierte nach seinem Abitur 1973 klassische Philologie und Slawistik in Bonn, nach seinem Eintritt in den Jesuitenorden 1977 Philosophie in München und Theologie in Frankfurt. Seit 1990 war er im Schuldienst tätig, zunächst 1990-1993 an der Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg, 1994-2011 am Canisius-Kolleg in Berlin, dessen Rektor er seit 2000 war. Von 2011 bis 2020 war er Kollegdirektor am internationalen Jesuitenkolleg in St. Blasien. Außerdem ist er Redaktionsmitglied der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit".

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