Was trägt im Leben wirklich? Was heißt es, Geschöpf Gottes zu sein? Und wie mit all dem umgehen, was das Leben bereithält – an Schönem und Schwerem? Ignatius von Loyola gibt mit seiner Spiritualität auf Fragen wie diese eine überraschend zeitlose Antwort. P. Christof Wolf SJ stellt drei wesentliche Pfeiler dieser Spiritualität vor: die Haltung der Dankbarkeit, die Kraft des Schweigens und das Streben nach ignatianischer Indifferenz. Sie helfen, Gott in allen Dingen zu finden.
von P. Christof Wolf SJ
Der hl. Ignatius schreibt am Anfang des Exerzitienbuches: „Der Mensch ist geschaffen, um Gott zu loben“. Wir sind Geschöpfe Gottes, Ebenbilder Gottes und auf Gott hin geschaffen. Gott ist unser Fundament, denn unsere Würde kommt uns nur von Gott her zu. Niemand kann sie uns geben, niemand kann sie uns nehmen. Gott lockt uns, ihm ähnlich zu werden, das heißt zu lieben, Gutes zu tun, kreativ zu sein, die Schöpfung zu gestalten, jede Situation mit liebevollem Blick zu entdecken. Die Welt mit „Gottes Augen“ zu sehen versuchen.
Daraus erwächst die Haltung der Dankbarkeit. Ich verdanke mein Leben nicht mir selber, sondern der liebenden Hingabe zweier Menschen. Für Ignatius ist Dankbarkeit immer der Ausgangspunkt beim Beten. Wer missmutig ist, kreist nur um sich selber, und oft geht der Missmut mit dem Neid Hand in Hand. Wer neidisch ist, sieht nur das grünere Gras auf der anderen Seite. Aber dass ich haben möchte, was ein anderer hat, ist nicht das Entscheidende. Vielmehr zeigt sich darin, dass das angestrebte Ziel gar nicht zu mir und meinem Leben passt. Neid ist ein Indikator dafür, dass ich mich in fremden Zielen verliere und dabei nicht sehe, wozu ich eigentlich berufen bin.
Exerzitien: Auf dem Weg zu innerer Freiheit
Exerzitien vollzieht man im Schweigen, das mehr ist als bloßes Nicht-Reden. Es öffnet dem Menschen eine neue Dimension in seinem Leben, denn im langen Schweigen liegt die Kraft, hören zu können. Nicht umsonst ist Jesus vor seinem öffentlichen Auftreten vierzig Tage lang vom Geist in die Wüste geführt worden, in Stille und Einsamkeit. Jesu Wüstenerfahrung mit den drei Versuchungen ist sicher eine Schlüsselstelle für sein gesamtes Wirken.
Alle drei Versuchungen betreffen das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben! Du sollst dir kein Gottesbild machen, um es anzubeten.“ Gott allein zählt, nicht die Vergöttlichung irdischer Macht und die damit einhergehende Abhängigkeit. Wer Steine in Brot verwandeln kann, der kann auch die Welt mit „panem et circenses“ (Brot und Spielen) beherrschen. Jesus hätte die Fähigkeit dazu. Aber er weigert sich, sie zu nutzen, auch für sich selbst. Das wahre Brot kann allein Gott geben.
„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um!“, lautet die frohe Botschaft. Wer sich neu ausrichtet, spürt das Geschenk der inneren Freiheit, aller Zwänge und Abhängigkeiten ledig zu sein. In den Exerzitien teilen wir diese Grunderfahrung Jesu. Das Geschenk der inneren Freiheit äußert sich als Dankbarkeit, Güte, Nachsichtigkeit, Ausdauer, Großzügigkeit und Beziehungsfähigkeit. Das ist das Fundament, auf dem das Suchen und Finden Gottes in allen Dingen beruht. Für den Einzelnen wie auch für die Gemeinschaft gilt es, durch Unterscheidung der Geister zu erkennen, was „Ad Majorem Dei Gloriam“ (zur größeren Ehre Gottes) wirklich bedeutet.
Die Haltung der Indifferenz – durch Demut
Die entscheidende Haltung dabei nennt Ignatius Indifferenz. Damit ist nicht gemeint, dass mir alles gleichgültig ist, sondern dass mir alles gleich gültig ist. Ich begegne allem mit derselben Offenheit. Für Ignatius ist die Tugend der Demut der Schlüssel dazu.
Er unterscheidet drei Weisen der Demut. Die erste ist, so zu leben, dass ich alle Gebote Gottes halte und der Versuchung widerstehe wie Jesus, wenn ihm der Widersacher alle Reiche dieser Welt anbietet, um den Preis, dass er an Gottes Stelle ihn anbete. Die zweite Weise der Demut ist die vollkommene Indifferenz. Sei es Reichtum oder Armut, Gesundheit oder Krankheit, ein kurzes oder langes Leben – ich erstrebe das eine nicht mehr als das andere. Fanatismus und Fundamentalismus haben hier keinen Platz. Die dritte Weise schließt die erste und zweite ein: Ich versuche Jesus immer ähnlicher zu werden, auch wenn mich die Welt deshalb für töricht hält oder gar für verrückt. Die Nachfolge Jesu war zu keiner Zeit einfach. Denn Nachfolge bedeutet radikale Ausrichtung auf Gott.