• Wilfried Dettling SJ (HohenEichen), Nadine Kulbe, Thomas Stern (beide SLUB) (v. l.) bei der symbolischen Übergabe.
  • Eine Auswahl der Bücher, die am 11. Dezember 2019 an die Ordensgemeinschaft der Jesuiten restituiert werden. (Foto: SLUB, Provenienzprojekt)
  • Der Stempel des „Xaveriushauses Hosterwitz“, der Voraussetzung für die Bewertung der 22 Bücher als NS-Raubgut war. (Foto: SLUB, Provenienzprojekt)
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E-Mail mit dem Betreff: ‚NS-Raubgut'

Dresden – Nach 77 Jahren kehren 23 von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Bücher nach HohenEichen zurück. „Im Februar dieses Jahres erhielt ich eine E-Mail mit dem Betreff ‚NS-Raubgut‘“, erzählt Wilfried Dettling SJ, Leiter des Exerzitienhauses HohenEichen. Fast hätte er die Nachricht gelöscht. Nadine Kulbe von der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) teilte ihm mit, dass die SLUB im Besitz von Büchern sei, die von den Nationalsozialisten geraubt wurden und die eindeutig dem Haus HohenEichen als Eigentümer zugeordnet werden könnten. Diese 23 Bücher sollten jetzt an die Jesuiten „restituiert“ werden.

Was ist NS-Raubgut?

Für den juristischen Begriff der „NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgüter“ hat sich der Begriff „(NS)-Raubgut“ etabliert. Betroffen waren neben Kunstsammlungen auch Bücher, deren Raub von Beginn an auf erschreckende Weise perfekt organisiert war, wie die jüngere Forschung gezeigt hat. Die Suche nach Büchern gestaltet sich schwierig: Einzelne Sammlungen wurden oft auseinandergerissen und auf verschiedene Bibliotheken verteilt, dort ohne Hinweise auf die Herkunft in die Bestände eingearbeitet. Die Spuren in den Büchern selbst sind heute oft die einzigen Indizien, die Hinweise auf ihre Vorbesitzer geben können, auf ihre „Provenienz“, zum Beispiel durch Siegel und Stempel.

Eine rechtliche Verpflichtung zur Raubgut-Forschung öffentlicher Einrichtungen in Deutschland gibt es nicht. Institutionen wie die SLUB haben es sich aber zur Aufgabe gemacht, ihre Bestände auf Grundlage verschiedener Erklärungen auf Raubgut zu überprüfen. Hier sind die „Washingtoner Prinzipien“ von 1998 zu nennen (Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden) und die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999 (Gemeinsame Erklärung – Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz).

Provenienzforschung an der SLUB

Seit September 2017 führt die SLUB ein von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste gefördertes Projekt zur Identifizierung von NS-Raubgut durch. Nadine Kulbe ist eine der Projektmitarbeiterinnen und ihr gelang die Identifizierung der Bücher aus der Bibliothek von HohenEichen, wie sie jetzt bei einem Pressegespräch anlässlich der „Restitution“, der Rückgabe der 23 Bücher erläuterte. Die Bücher tragen einen Stempel mit der Aufschrift „Xaveriushaus Hosterwitz“, nach dem Mitbegründer des Jesuitenordens, dem hl. Franz Xaver, der Patron von Haus HohenEichen ist. Die SLUB betrachtet sich im Fall von erwiesenem NS-Raubgut nicht als Eigentümerin der in ihrem Bestand befindlichen Objekte und bemüht sich um eine Rückgabe an die Eigentümer.

Von HohenEichen an die SLUB und wieder zurück

Seit 1940 beobachtete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) das Exerzitienhaus der Jesuiten am Elbhang in Hosterwitz. Im Mai 1941 beschlagnahmte die Gestapo das Haus und die Jesuiten mussten HohenEichen verlassen. Haus und Grundstück wurden im Januar 1942 als „Vermögen von Reichsfeinden“ enteignet und HohenEichen diente danach als Heimschule der Hitler-Jugend. Eine heute nicht mehr genau zu beziffernde Menge an Büchern aus der Bibliothek von Haus HohenEichen erhielt die Sächsische Landesbibliothek 1942 von der Gestapo als Geschenk. Davon haben nur 23 die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 überstanden, die übrigen sind im Japanischen Palais, dem damaligen Sitz der Landesbibliothek, verbrannt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt der Jesuitenorden die enteigneten Immobilien in Dresden-Hosterwitz zurück und führt das Haus seitdem wieder als Exerzitienhaus. Aber die Bücher blieben im Besitz der Sächsischen Landesbibliothek (jetzt SLUB) – bis sie im Jahre 2019 im Rahmen der Provenienzforschung identifiziert und als „schöner Abschluss“ einer aufwendigen Arbeit in HohenEichen übergeben werden konnten. Die Rückgabe der Bücher sei eine „große Freude“ für die SLUB, so Nadine Kulbe.

Der Großteil der Bücher ist aus dem 18. Jahrhundert, das älteste trägt die Jahreszahl 1616. Auch wenn der materielle Wert gering ist, sind sie doch von hohem ideellen Wert. Es handelt sich um geistliche Bücher, aber auch Reisebeschreibungen sind dabei – und ein Exemplar des Heiligenlegendenbuchs, in dem Ignatius von Loyola auf seinem Krankenbett gelesen hat.

Weitere Informationen finden Sie in einem Blog-Beitrag von Nadine Kulbe.

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