„Wie kann ich mich für eine gerechtere Welt einsetzen?“, fragt P. Trieu Nguyen SJ stellvertretend für viele Menschen. Eine Möglichkeit: ein Jahr als „Jesuit Volunteer“ mitarbeiten. Bei diesem Programm engagieren sich Freiwillige in Sozialprojekten der Jesuiten auf der ganzen Welt. Die Hoffnungen, mit denen sich Menschen für ein solches Auslandsjahr entscheiden, sind ganz unterschiedlich: von hohen Maximen wie dem Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit über den Wunsch, den Lebensstil der Menschen vor Ort zu teilen, bis hin zum Fernweh ist alles dabei – und alles hat seinen Platz, wie Pater Nguyen im Interview erzählt. Er betreut bei „Jesuit Volunteers“ die Rückkehrer, die oft jahrzehntelang von ihren Erfahrungen zehren.
Ein Jahr als Jesuit Volunteer: „Das Geschenk tiefer Menschlichkeit“
Ein Jahr lang als Jesuit Volunteer leben
Das Freiwilligenprogramm „Jesuit Volunteers“ ist ein Angebot von jesuitenweltweit Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Freiwilligen engagieren sich in Sozialprojekten auf der ganzen Welt und teilen den Alltag mit den Menschen vor Ort: von der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, in einem Sozialzentrum, mit Geflüchteten oder in einem Projekt zur nachhaltigen Landwirtschaft.
„Ich möchte gerne zukünftige Bewerberinnen und Bewerber ermutigen, sich die Frage zu stellen: Wie kann ich mich für eine gerechtere Welt einsetzen?“, sagt P. Trieu Nguyen SJ. „Der Freiwilligendienst ist ein Dienst an den Menschen vor Ort, aber auch ein Dienst an den jungen Menschen: für ihre Persönlichkeitsentwicklung und Herzensbildung.“
Pater Nguyen, bei Jesuit Volunteers sind Sie für die Rückkehrer zuständig. Mit welchen Erfahrungen und Hoffnungen kommen die Freiwilligen aus ihrem Auslandsjahr zurück?
Ein junger Freiwilliger, der in einem Flüchtlingsprojekt in Bosnien arbeitete, erzählte von seinem Einsatz, dass sie dort in ihrer Machtlosigkeit nicht viel bewirken konnten. Was er dort aber erfuhr, war das Geschenk tiefer Menschlichkeit. Das Jahr im Ausland ist also auch eine Art Bildungsprogramm. Es geht nicht nur um interkulturelles Wissen, sondern auch um Persönlichkeitsbildung, um die Bildung des Herzens. Die Volunteers nehmen aus dieser Zeit die Erfahrung von Großzügigkeit mit, denn sie können nicht selber bestimmen, wohin sie gehen, sondern werden gesandt.
Das müssen Sie bitte erklären: Die Freiwilligen werden gesandt?
Es ist interessant: Bei Jesuit Volunteers bewirbt man sich nicht auf eine Einsatzstelle, sondern für das Programm. Die Freiwilligen lernen bei einem Orientierungsseminar die Einsatzstellen kennen und dürfen Wünsche äußern. Das Team von Jesuit Volunteers wählt dann gemeinsam mit den Projektpartnern unter Berücksichtigung dieser Wünsche die passende Einsatzstelle aus. Es geht nicht um den Selbstverwirklichungsdruck, den junge Menschen hierzulande oft haben, sondern einfach um die Menschen vor Ort, denen sie auf Augenhöhe begegnen. Die Freiwilligen nehmen deswegen aus diesem Jahr auch die Erfahrung von Glück mit. Ein großes Glück ist Zeit. Die Freiwilligen schenken den Menschen vor Ort ein Jahr lang ihrer Zeit. Zeit ist das Wertvollste, das jeder Mensch hat.
Sicherlich ist diese Zeit nicht immer einfach.
Die Freiwilligen werden mit ihrem Auslandsjahr auch realistisch. Sie nehmen aus dieser Zeit eine realistische Sicht auf die Welt mit und durchschauen die Strukturen der Ungerechtigkeit und ihre eigenen Privilegien. Das macht sie kritischer. Die Erfahrungen, die sie vor Ort machen, befähigen sie, wirklich zu kritisieren – nicht nur die Kritik des Mainstreams zu übernehmen.
Wie gehen die Freiwilligen damit um, wenn es in ihrem Auslandsjahr Probleme gibt?
Manchmal gibt es Zweifel und Herausforderungen. Die Volunteers werden in solchen Situationen natürlich nicht alleine gelassen. Sowohl eine Referentin in Deutschland als auch ein Mentor vor Ort begleiten die Freiwilligen während des gesamten Jahres. Wir ermutigen sie dazu, diese Zeit durchzustehen, denn wenn sie das „geschafft“ haben, kommen sie gestärkt daraus hervor. Besonders für jüngere Bewerber ist es eine wichtige Erfahrung, sich von Herausforderungen nicht abzuwenden, sondern dranzubleiben. Das ist oft leichter gesagt als getan, doch wenn sie diese positive Erfahrung machen können, werden sie später auch andere Formen von Herausforderungen gut meistern können.
Welche weiteren Gründe gibt es, warum sich junge Leute für ein Jahr als Jesuit Volunteer entscheiden?
Eine der Motivationen ist Neugier auf andere Kulturen und Lebensweisen. Wir leben in einer Zeit der Globalisierung, aber erfahren wenig von anderen Menschen, ihren Lebensweisen und Alltagskulturen. Für viele unserer Freiwilligen ist das Interesse daran entscheidend. Manche wollen sogar neue Sprachen lernen.
Eine andere Motivation ist, dass junge Menschen nach der Schule oft noch nicht wissen, was sie tun möchten. Für sie ist ein Jahr als Jesuit Volunteer ein Zeitgewinn. Sie können überlegen: Was will ich eigentlich? Manche werden durch die Erfahrungen, die sie in diesem Jahr machen, in ihrer Berufsfindung gestärkt.
Bei Jesuit Volunteers gehen aber nicht nur Schulabgänger ins Ausland, denn bei Ihnen gibt es keine Altersgrenze nach oben. Aus welcher Hoffnung heraus unterbrechen Menschen in der Mitte ihres Lebens ihren Alltag und wirken ein Jahr lang als Freiwillige?
Wir haben jedes Jahr Freiwillige, die entweder mitten im Berufsleben oder kurz vor dessen Ende stehen. Oft wollten die Bewerberinnen und Bewerber schon früher ein Freiwilligenjahr im Ausland machen, aber dann kam Beruf, Familie oder etwas Persönliches dazwischen. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit dieser Kandidatengruppe gemacht, weil sie Berufs- und Lebenserfahrung mitbringen. Diese Erfahrung nutzen wir gerne für die Projekte und Menschen, zu denen sie gesandt werden.
Wann hat sich ein Jahr als Jesuit Volunteer gelohnt?
Dieses Jahr prägt nicht alle gleich. Für manche steht der Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit als Maxime ganz oben, für andere sind es die Begegnungen auf Augenhöhe mit den Menschen vor Ort, das Leben in Gemeinschaft und der einfache Lebensstil.
Sind das auch die Hoffnungen, mit denen die Volunteers ins Auslandsjahr starten?
Manche haben hohe Ideale, zum Beispiel die Welt aktiv zu verändern, der Einsatz für Gerechtigkeit. Andere haben, wie ich sage, eine Art „exotische Romantik“: Fernweh, Neugier und Begeisterung für andere Kulturen. Das ist gar nicht schlecht. Wenn sich die Kandidaten bei uns bewerben, versuchen wir, Wunsch und Wirklichkeit zusammenzubringen. Das ist eine spannende Aufgabe.
Pater Nguyen, Sie haben viel mit jungen Menschen zu tun. Der Ruf der Jugend von heute ist durchwachsen. Was gibt Ihnen Hoffnung, dass diese Generation die Zukunft gut gestalten wird?
Es ist interessant: Diese Beobachtung ist gar nicht neu. Sokrates hat sich schon vor über 2.000 Jahren über die Jugend beschwert. Wenn man der Jugend von heute nichts zutraut, kann man gleich die Koffer packen und mit solchen Programmen wie den Jesuit Volunteers aufhören. Aber ich glaube, wir dürfen Mut haben. Es gibt mir Hoffnung, dass junge Leute heute ihre Erfahrungen machen können, zum Beispiel im Freiwilligenjahr. Manche dieser Erfahrungen sind vielleicht schlecht. Was wir für die jungen Leute tun können, ist ihnen eine Reflexionsmöglichkeit dafür anzubieten. Das entspricht auch unserer Spiritualität als Jesuiten. Das Gute schlummert ja in ihren Herzen.
Jetzt bewerben!
Der Bewerbungsschluss für eine Ausreise im Sommer 2026 ist am 6. Januar 2026. Am 16. Oktober und 2. Dezember 2025 stellt Jesuit Volunteers das Freiwilligenprogramm bei Online-Infoveranstaltungen vor. Ehemalige Freiwillige werden von ihren Erfahrungen berichten.
Anmeldung per E-Mail an: jesuitvolunteers(at)jesuitenweltweit.de
Hoffnungsvoll durch das Heilige Jahr 2025!
„Pilger der Hoffnung“ – unter dieses Motto hat Papst Franziskus das Heilige Jahr gestellt. In unserer Serie berichten Jesuiten, welche „Hoffnungszeichen“ sie in ihren unterschiedlichen und zum Teil herausfordernden Einsatzfeldern sehen und erleben.
Hier geht es zu allen Beiträgen der Serie „Hoffnungszeichen“
Zur Person:
P. Trieu Nguyen SJ ist in Vietnam geboren und als Kind nach Deutschland gekommen, aufgewachsen ist er in Oldenburg. Seit 2002 ist er Jesuit. Er hat in St. Blasien, Vietnam, Berlin und Göttingen gearbeitet. Seit 2016 ist er in der Jesuitenmission im Bereich des Freiwilligendienstes “Jesuit Volunteers” tätig.
Wissenswertes
Heiliges Jahr 2025
Das Heilige Jahr 2025 steht unter dem Leitwort „Pilger der Hoffnung“. Es handelt sich um ein ordentliches Heiliges Jahr, das alle 25 Jahre stattfindet. Mit der Öffnung der Heiligen Pforte im Petersdom begann das Jubeljahr am 24. Dezember 2024. Grundlegende Elemente des Heiligen Jahres sind die Wallfahrt nach Rom und das Durchschreiten der Heiligen Pforten in den vier Papstbasiliken Petersdom, Santa Maria Maggiore, Sankt Paul vor den Mauern und Lateran. Zudem gibt es im Heiligen Jahr in Rom eine Vielzahl an Großveranstaltungen. Die Stadt erwartet rund 45 Millionen Pilgerinnen und Pilger. Das Heilige Jahr endet am 6. Januar 2026 mit der Schließung der Heiligen Pforte im Petersdom.
Mithelfen
Schon der heilige Ignatius konnte in Rom nur deswegen Häuser für Wohnungslose, Prostituierte und Waisen errichten, weil er Mitarbeitende hatte und mit ihnen Organisationen und Netzwerke errichtete, um diesen Diensten Dauer und Bestand zu verleihen. Auch heute sind viele Hände notwendig, um auf die Nöte unserer komplizierten und zerbrechlichen Welt zu reagieren. Zusammenarbeit in der Sendung ist die Weise, wie wir Jesuiten dieser Situation entsprechen.
"Die Zusammenarbeit mit anderen ist der einzige Weg, auf dem die Gesellschaft Jesu die Sendung erfüllen kann, die ihr anvertraut wurde. Diese Partnerschaft in der Sendung schließt jene mit ein, mit denen wir den christlichen Glauben teilen, jene, die anderen Religionen angehören, sowie Frauen und Männer guten Willens, die wie wir am Versöhnungswerk Christi mitarbeiten wollen."
(36. Generalkongregation, Dekret 1)
SJ weltweit
"Die Welt ist unser Haus", lautet ein berühmter Satz von Hieronymus Nadal (1507-1580), einem der ersten Gefährten und engster Vertrauter des hl. Ignatius. Er bezog sich auf die universale Sendung der Gesellschaft Jesu, jenseits von Kirchen und Klostermauern und zu Menschen in allen Kontinenten und Kulturen. Heute kommen die mehr als 13.000 Jesuiten weltweit aus 112 Ländern und arbeiten in rund 60 Provinzen oder Regionen. Der Orden ist aufgerufen, geografische und kulturelle Grenzen zu überschreiten und dorthin zu gehen, wo er mit Christus zur Ehre Gottes arbeiten soll. "Die gesamte Welt wird zum Gegenstand unseres Interesses und unserer Sorge", erklärte 2008 die 35. Generalkongregation (D2, 23).