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Ein Wunder mit Schrammen

Die Weihnachtskrippe seiner Familie begleitet P. Tobias Karcher SJ schon sein ganzes Leben lang. Zwischen Moos, Krippenfiguren und Kindheitserinnerungen scheint für Pater Karcher die Botschaft von Weihnachten durch: Gott kommt uns ganz nahe. Und das, obwohl unser Menschsein nicht ohne Schrammen, Brüche und Unvollkommenheiten zu denken ist. Das symbolisieren auch die Figuren seiner Krippe, die die Jahre nicht ohne Blessuren überstanden haben. In seinem Impuls erklärt Pater Karcher, warum für ihn gerade diese Schrammen so viel vom Weihnachtsgeheimnis sichtbar machen.

von P. Tobias Karcher SJ

Vielleicht werden Sie in diesen Tagen auch wieder Ihre Krippe zu Hause aufstellen. Oder Sie erinnern sich an eine Krippe aus Ihren Kindertagen. In unserer Familie war dies fast ein Zeremoniell. Am 24. Dezember, am Vormittag, fuhr unser Vater mit uns Kindern in den Odenwald, um dort Moos zu sammeln. Dann wurde die Krippe in einer Ecke des Wohnzimmers zwischen Couch und Sessel aufgestellt und dort steht sie sicher auch wieder in diesem Jahr.

Die einzelnen Figuren unserer Krippe haben sich mir gut eingeprägt, denn sie begleiten mich seit meiner Kindheit. Da ist zunächst einmal die alte Wurzel, die als Kulisse und Höhle für das heilige Paar dient. Hinten an die Wurzel angelehnt stehen Ochs und Esel. Der Esel hat vor Jahren seinen rechten Hinterlauf eingebüßt. Er wird aber so raffiniert an die Wurzel angelehnt und in das weiche Moos gesteckt, dass es keiner merkt. Der Verkündigungsengel steht oben auf der Wurzel. Der linke Flügel von diesem Engel ist etwas angesengt. Das, glaube ich, war mein jüngerer Bruder, als er mit einer Kerze herumhantierte. Vor der Krippe sehen wir den Hirten mit der Schafherde. Es gibt helle und dunkle Schafe. Die dunklen Schafe, die älteren, wurden einmal von unserem Hund dezimiert. Wir haben es zu spät gemerkt. So erstand meine Mutter auf dem Christkindlsmarkt vor ein paar Jahren noch ein paar neue, weiße Lämmer dazu. Maria, Josef und das Kind haben all die Jahre am besten überstanden. Sie sind am meisten nachgedunkelt, waren sie doch die ersten Figuren, die meine Eltern nach ihrer Hochzeit erworben hatten.

Weihnachten: Gott wird Teil unserer Geschichte

Die Zeit ist nicht spurlos an unserer Krippe vorübergegangen. Die Figuren sind älter geworden und tragen so manche Macken unserer Geschichte. Und so sind für mich diese Figuren auch ein Bild für das eigentliche Wunder von Weihnachten: An Weihnachten feiern wir, dass Gott Teil unserer Geschichte wird und wie unsere Krippenfiguren trägt er mit uns die kleinen und die großen Schrammen, die wir uns in all den Jahren zugezogen haben.

Unser Gott wird Mensch. Er wird geboren in ärmlichen Verhältnissen und wird heranwachsen. Er wird eine große Vision in sich tragen: die Vision von Gerechtigkeit und Frieden, die er „Reich Gottes“ nennen wird. Er wird andere Menschen mit seiner Vision begeistern. Er wird Jüngerinnen und Jünger um sich scharen. Aber Jesus wird auch Widerstand bekommen. Er wird Wunden davontragen. Und diese Wunden werden bleiben. Der Auferstandene an Ostern wird seine Wunden nicht leugnen, sondern sie den Jüngern zeigen, als Zeichen dafür, dass er bei uns war. Und das ist auch der Name unseres Gottes: Immanuel – Gott mit uns.

Ein liebevoller Blick auf unsere Schrammen

Vielleicht ist für mich das Besondere am Wunder von Weihnachten: Wir feiern immer wieder Menschwerdung und Neuanfang mit allen Brüchen, Schrammen und Verwundungen, die unser Leben erfahren hat. Und diese Brüche schmälern nicht das Geheimnis unserer Menschwerdung. Im Gegenteil: Sie geben ihr noch deutlichere Konturen. Wir sind eingeladen, mit unseren Brüchen als Menschen zu wachsen und zu reifen.

Vielleicht ist das Weihnachtsfest die Einladung, mit einem liebevollen Blick die Figuren unserer Krippe anzuschauen, gemeinsam mit unserem göttlichen Begleiter. Und diesen Blick dann auch auf die Brüche und Unvollkommenheiten unseres Lebens zu lenken. Und inmitten dieser Begrenzungen zu spüren, wo ein Neuanfang beginnen und neues Leben sich zeigen will.

Dieser Text erschien im Jesuiten-Magazin 4/2025 zum Thema „Wunder“. Zum aktuellen Heft

Zur Person:

Tobias Karcher SJ

Pater Tobias Karcher ist 1961 in Weinheim bei Heidelberg geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur Studium der Philosophie und Theologie in Freiburg im Breisgau, Paris und Frankfurt Sankt Georgen. Auslandseinsatz mit dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) in Bataan/ Philippinen. 1989 Eintritt in das Noviziat der Jesuiten, anschließend Aufbaustudium in Gesellschaftswissenschaften an der Hochschule für Philosophie in München. 2003-2009 Leiter des Heinrich Pesch Hauses und stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke (AKSB) in Deutschland. Von November 2009 bis April 2023 leitete er das Lassalle-Haus. Seit 2016 ist er Leiter des Lassalle-Instituts in Zürich und seit Dezember 2023 Superior der dortigen Kommunität.

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