Am 6. September ist der deutsche Jesuit Eduard Profittlich in Tallinn, der Hauptstadt Estlands, durch Kardinal Christoph Schönborn seliggesprochen worden. Für die Jesuiten in Zentraleuropa war P. Johannes Herz SJ vor Ort. Er reiste zusammen mit einer Delegation aus Hamburg an, zu der auch der Archivar des Erzbistums Hamburg, Dr. Martin Colberg, und der Dekan der polnischen Seelsorge in Norddeutschland, Dr. Jacek Bystron, gehörten. Pater Herz schildert seine Eindrücke von der Seligsprechung eines „noch“ unbekannten Bischofs.
Von Johannes Herz SJ
Der Genus Loci berührt einen in Tallinn: Als Kardinal Schönborn bei seiner Ankunft erfährt, dass die Einstimmung der Feierlichkeiten nach einer Idee eines seiner Ordensbrüder mit einer vierzundzwanzigstündigen Lesung aller 23.000 estnischen Opfer der kommunistischen Repression am Donnerstag beginnt, ändert er noch am Vortag der Messe seine Predigt ab und stellt Bischof Profittlich in die Mitte dieses Stroms des Leidens. Heilig wird man nicht für sich, sondern für die anderen und mit den anderen.
Die Katholiken bilden in Estland eine absolute Minderheit, an die 0,5 Prozent der Bevölkerung, die weitgehend säkular ist. Aber die Kirche ist erstaunlich lebendig und vernetzt: Die Organisation und das Programm können sich sehen lassen! So viel könnte man aufzählen: Der Knabenchor der katholischen Schule umrahmt auf hohem Niveau den abschließenden bischöflichen Empfang musikalisch, mit einem ganz jungen Dirigenten und Lehrer. Die Agape nach der Seligsprechung übernimmt die italienische Mission mit ihren Jugendlichen der Katechismusgruppen. Der Domkaplan – es gibt noch keine estnischen Diözesanpriester – leitet mit Humor durch die Liturgie der Seligsprechung. Die vielen helfenden Frauen und Männer lächeln einem entgegen. Es verwundert dann nicht mehr, dass beim Abschlussempfang lutheranische Bischöfe und ungläubige Parlamentsmitglieder sich ganz selbstverständlich unter die angereisten katholischen Delegationen mischen. Der Bischof hatte sich wohl um Hilfe an die Malteser von außerhalb gewandt: Und sie kamen! Ihre logistische und pflegerische Kompetenz war überall zu spüren. Das Zusammenspiel der lokalen und überregionalen Gemeinschaften machte den Reichtum des Katholischen sichtbar und spürbar.
Beim Abschlusswort ringt die Postulatorin, Dr. Marge Paas, etwas mit ihrer Fassung: Sie hat unheimlich viel recherchiert, besonders auch unter den Angehörigen – und nun wurde die Seligsprechung wahr. Die Großnichte von Bischof Profittlich bedankt sich öffentlich bei ihr und gesteht, dass sie sich beschämt fühle, dass jemand Fremder sich so einfühlsam für ein fremdes Familienmitglied interessiert.
Bischof Profittlich ist weitgehend unbekannt: Kardinal Schönborn musste sich erst erkundigen, wen er denn da seligsprechen sollte. Auch die Polen kennen ihn nicht, obwohl Profittlich in Polen studierte und mehrere Jahre wirkte. Aber vielleicht ist nun etwas in Gang gekommen, das nicht nur eine Person bekannter macht: Das Engagement und der gelebte Glaube von Eduard Profittlich kann andere und auch uns inspirieren.