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Bild 1: Jesuit Media/Vivian Richard / Bild 2: SJ-Bild

Für eine Kirche des Dienstes

Im täglichen Umgang mit den vatikanischen Behörden sind Stilfragen und Titel nach wie vor wichtig. Dabei fällt eine gewisse Spannung zum Evangelium auf. Ignoriert die Kirche eine wichtige Botschaft Jesu?

Von Julian Halbeisen SJ

Seit einigen Jahren arbeite ich in der Ordensverwaltung der Jesuiten in Rom. Zu meinen Aufgaben gehört es auch, gelegentlich Briefe an offizielle Stellen im Vatikan zu schreiben. Dabei sind gewisse formale Kriterien zu beachten. An erster Stelle natürlich der korrekte Titel der Person, die ich ansprechen möchte. „Heiliger Vater“ bei Ersuchen an den Papst selbst. „Eminenz“ oder „Exzellenz“, soweit es sich um Kardinäle oder Bischöfe handelt. Unter Papst Franziskus wurde die Vergabe der kirchlichen Ehrentitel wie „Monsignore“ oder „Prälat“ stark eingeschränkt. Im täglichen Umgang mit den vatikanischen Behörden sind Stilfragen nach wie vor wichtig.

„Nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder“

In diesem Zusammenhang fällt mir eine gewisse Spannung zum Evangelium auf. Hat nicht bereits Jesus versucht, die Verwendung von Ehrentiteln zu begrenzen? So heißt es im Matthäusevangelium (Mt. 23,8): „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.“ Dieser Relativierung von Ehrentiteln, die Jesus hier vornimmt, hat die Kirche bis heute in der Praxis wenig Beachtung geschenkt.

Wenn schon das Evangelium vor den Gefahren von Eitelkeit und Geltungsdrang warnt, dann müssen solche Tendenzen bereits in den ersten christlichen Gemeinden vorgekommen sein. Anstatt Titel und Ehrenplätze zu suchen, sollen wir uns als Brüder und Schwestern verstehen. Die größere Ehre ist es, dem Nächsten zu dienen. Das Vorbild dazu ist Christus, der sich selbst hingab, um der Diener aller zu werden.

Die Kirche ignoriert einen wichtigen Inhalt des Evangeliums

Dieses Leitbild ist ständig in der Gefahr, an den Rand gedrängt zu werden. Zu dominant ist das verständliche menschliche Bedürfnis, sich durch Institutionen und Strukturen abzusichern und nach Orientierung zu suchen bei starken Führungspersönlichkeiten, die dann mit dem entsprechenden sozialen Rang versehen werden. Mir stellt sich die Frage, warum die Kirche sich hier die Freiheit nimmt, einen wichtigen Inhalt des Evangeliums, zumindest in seiner wörtlichen Umsetzung, weitgehend zu ignorieren, während sie bei anderen Aussagen des Evangeliums, zum Beispiel zur Ehescheidung, auf gesetzestreue Anwendung besteht. Geht es nicht in beiden Fällen um fundamentale Werte des Evangeliums?

Unsere Aufgabe ist es, eine Kirche des Dienstes zu sein, in der wir nicht nach äußerer Anerkennung streben, sondern uns gegenseitig mit Liebe und Respekt begegnen.

Zur Person:

Julian Halbeisen SJ

Julian Halbeisen stammt aus Ostwestfalen und ist ausgebildeter Jurist. Als solcher hat er bis zu seinem Ordenseintritt 2004 in Dresden am Sächsischen Wissenschaftsministerium gearbeitet. Nach dem zweijährigen Noviziat der Gesellschaft Jesu in Nürnberg studierte er an der Münchener Hochschule für Philosophie und arbeitete danach für zwei Jahre beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) in Brüssel. Das Theologiestudium absolvierte er an der Jesuitenfakultät Heythrop-College in London, wo er auch zum Diakon geweiht wurde. Nach seiner Priesterweihe in Mannheim durch Erzbischof Robert Zollitsch 2013 arbeitete er je zur Hälfte als Jurist beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst und in der Pastoral der Ortsgemeinde St. Korbinian in München-Sendling. Ab 2015 war er für 5 Jahre Subregens am Priesterseminar Sankt Georgen in Frankfurt/Main und absolvierte ein berufsbegleitendes Lizentiatsprogramm für Kanonistik der Katholischen Universität Löwen. Danach schloss er seine Ausbildung mit dem Tertiat in Dublin ab. Zurzeit ist er Mitarbeiter in der internationalen Ordensverwaltung der Jesuiten in Rom.

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