• Die Priesteramtskandidaten in Sankt Georgen zusammen mit der Seminarleitung
  • Wie in einer Studierenden-WG: Die gemeinsame Essküche
  • Die Seminarleitung in Sankt Georgen (v.l.): P. Dag Heinrichowski SJ, P. Axel Bödefeld SJ und Sr. Christine Klimann sa
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„Eine lang angelegte Unterscheidung der Geister“

Wer erwartet, dass es in einem Priesterseminar weltfremd, streng und unzeitgemäß zugeht, der war noch nie in Sankt Georgen. Denn mit solchen Vorurteilen hat die Lebenswelt der Seminaristen dort nichts zu tun. P. Axel Bödefeld SJ leitet das Priesterseminar und legt großen Wert darauf, dass die Priesteramtskandidaten in Sankt Georgen in keiner Sonderwelt leben. Im Team mit P. Dag Heinrichowski SJ und Sr. Christine Klimann sa bietet er Seminaristen aus fünf Bistümern Deutschlands eine lebensnahe, zeitgemäße Priesterausbildung – „schließlich sind sie es, die in einigen Jahren Verantwortung übernehmen“, sagt Pater Bödefeld.

In diesem Jahr feiert das Priesterseminar Sankt Georgen Jubiläum: Seit 100 Jahren bilden dort Jesuiten Priester für deutsche Diözesen aus. Warum es mehr Mut bei den Bischöfen braucht, neue Schritte in der Priesterausbildung zu gehen, darüber spricht Pater Bödefeld im Interview.
 

Pater Bödefeld, auf der Webseite des Priesterseminars Sankt Georgen heißt es: „Wer sich prüft, ob er Priester werden will und werden soll, lässt sich auf einen spannenden Weg in die Tiefe und in die Weite ein.“ Was ist das für ein Weg?

Es ist ein äußerer und durch die äußeren Eindrücke und Erfahrungen auch ein innerer Weg. Äußerlich gibt es auf diesem Weg Elemente wie das Zusammenleben in der Seminargemeinschaft, Praktika in unterschiedlichen Kontexten oder die persönliche Begleitung mit geistlichem und pastoralpsychologischem Fokus. So geht es von außen nach innen. „Nach innen“ heißt zum einen in die Tiefe: weg von ursprünglichen, möglicherweise oberflächlichen oder unreflektierten Vorstellungen in die Tiefe des eigenen Wahrnehmens und Glaubens. Zum anderen heißt „nach innen“ auch in die Weite – in die Weite von dem, was unsere gesellschaftliche und kirchliche Gegenwart ausmacht.

Was können gerade Jesuiten dazu beitragen, Männer auf diesem Weg zu begleiten?

Der Jesuitenorden hat einen Schatz und ein Erbe an Erfahrungen, wie man im geistlichen Leben wachsen kann: Erfahrungen von Gebet, von Meditation, von Exerzitien, vom Leben mit der Heiligen Schrift. Und er hat eine gewisse Unbefangenheit gegenüber dem, was ist. In den Grundtexten des Ordens steht über die Art, wie wir in unseren Schulen unterrichten: „Alles ist wert, studiert zu werden.“ Das meint diese Haltung: Alles, was mir widerfährt und dem ich begegne, ist es wert, genauer beleuchtet und verstanden zu werden. Und ein Letztes: Der Jesuitenorden ist weltweit aufgestellt, auch in der eigenen Ausbildung der Jesuiten. Dadurch können wir eine Bandbreite an Perspektiven in die Ausbildung einbringen.

Welche sind das?

Wir legen großen Wert auf zwei Punkte. Der erste ist geistliches Leben und geistliche Begleitung, ob in Einzel- und Gruppengesprächen oder in regelmäßigen Exerzitien. Das ist uns im Jesuitenorden wirklich wichtig. Der zweite ist die Hinwendung zu Menschen, die sonst eher im Schatten stehen und die wir leicht übersehen. Klassisch wird das die „Option für die Armen“ genannt, heute würden wir das eher Anteilnahme an den Benachteiligten und Ausgegrenzten nennen. Jeder Seminarist macht während des Semesters einen begleitenden Sozialeinsatz.

Warum legen Sie in der Priesterausbildung so großen Wert auf soziales Engagement?

Es hilft, wahrzunehmen, dass menschliches Leben viel weiter und manchmal auch tragischer und komplexer ist, als wir es uns innerhalb der katholischen Bubble vorzustellen vermögen. Wir sind ständig in der Gefahr, eine Mittelstandskirche zu werden. Zu entdecken, was Menschen widerfahren kann und in welchen Situationen, Spannungen und Dilemmata Menschen leben, hilft, angemessener auf das Leben in seiner Vielfalt und seinen Schwierigkeiten reagieren zu können – auch in der Verkündigung.

Ist ein Priesterseminar nicht auch eine Bubble in der katholischen Bubble?

Manche Menschen, die zu uns kommen, denken, das Seminar sei ein abgetrennter, geschlossener Bereich – bis dahin, dass mich einzelne fragen, ob man das Seminar als Gast von außen überhaupt betreten darf. Aber das Seminar als Gebäude kann man sich wie ein Studierendenwohnheim vorstellen, in dem junge Menschen aller möglichen Fakultäten und Hochschulen wohnen. Unsere Seminaristen leben zusammen auf einer Etage, aber auch zusammen mit anderen Studierenden, Männern und Frauen. Sie essen mittags in der Mensa, sind morgens und abends eigenständig fürs Essen verantwortlich und müssen ihren Wohnbereich selber in Ordnung halten. Das sind ganz alltägliche Dinge, die unser Bemühen deutlich machen, jede Form von Sonderwelt zu verhindern.

Und die Priesterausbildung?

Die Elemente, die die Priesterausbildung ausmachen, geschehen nicht automatisch durch ein künstlich kreiertes Wohnumfeld. Wir sind gesegnet mit einer sehr nützlichen Architektur. Dank sei Gott dem Herrn – wir sind nicht in einem riesigen, alten Klostergebäude. Unser Gebäude ist gerade einmal zehn Jahre alt und atmet die Bedürfnisse, die junge Menschen heute haben, wenn sie zusammenleben: nüchtern und funktional, ohne Pathos und künstliches, äußeres Gefühl. Natürlich haben wir auch einen Meditationsraum und eine Kapelle. Aber sie ergänzen und bereichern eine zunächst einmal ganz typische Wohn- und Lebenssituation.

Ignatius von Loyola empfiehlt bei großen Entscheidungen die Unterscheidung der Geister. Hilft sie auch bei der Frage, Priester zu werden?

Die Jahre im Priesterseminar und auch danach im Pastoralkurs sind eine lang angelegte Unterscheidung der Geister. Sie ermutigen, wirklich alle Geister in den Blick zu nehmen: nicht nur die vertrauten, frommen oder bestärkenden Bewegungen. Die Kandidaten sollen den Mut fassen, allen Geistern ehrlich auf die Schliche zu kommen. Was motiviert mich wirklich, was bedrückt mich, was macht mir Angst, was Freude? Diese Unterscheidung dauert Jahre. Es braucht verschiedene Kontexte, um mit allen Geistern vertraut zu werden und sie unterscheiden zu lernen, um dann am Ende eine gefestigte Entscheidung treffen zu können.

Und wenn am Ende dieses Unterscheidungsprozesses ein Nein steht?

Dann ist das auch gut. Wir wissen ja nie, wie sich die Dinge und die Menschen entwickeln, die wir aufnehmen. Wir verstehen Priesterausbildung als einen Weg. Wir helfen und ermutigen, auf dem Weg voranzugehen, aber wir lassen offen, zu welchem Ziel oder in welche Richtung er führt. Es gehört auch zu einem Priesterseminar, dass Kandidaten herausfinden: Das ist doch nicht mein Weg. Manchmal finden auch wir das heraus und müssen das den Betroffenen rückmelden.

Wenn Sie auf die 100-jährige Geschichte des Priesterseminars zurückblicken: Was machen Sie heute noch genauso wie vor 100 Jahren und was läuft ganz anders?

Alles läuft ganz anders. Und das muss auch so sein. Vergleichen Sie die heutige Welt und Kirche mit der vor 100 Jahren. Was ist da noch gleich? In dem Ausmaß, wie sich Kirche und Gesellschaft verändert haben, hat sich, Gott sei Dank, auch Priesterausbildung verändert – und ist ständig dabei, sich weiter zu verändern.

Das haben Sie auch zum Thema des Podiumsgesprächs anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Priesterseminars gemacht: „Pastorale Ausbildung heute weiter denken“.

Genau. Es wird der Personalreferent des Erzbistums Hamburg sprechen, das gerade weitreichende Veränderungen in seiner Pastoralstruktur vornimmt. Im flächenmäßig größten Bistum Deutschlands soll es künftig noch fünf pastorale Basiszentren geben. Das verändert die Arbeitsweise eines Priesters und Seelsorgers vor Ort vollkommen. Für uns stellt sich die Frage: Wie müssen wir ausbilden, wenn die Situation künftig so sein wird, dass nur noch ganz wenige Priester in einem flächenmäßig riesigen Bistum in großen Teams arbeiten?

Es wird eine Gemeindereferentin aus dem Bistum Aachen sprechen, die ein Aufbaustudium in kirchlicher Pionierarbeit abgeschlossen hat. Mit ihrer Hilfe wollen wir schauen, welche Kompetenzen es braucht, um Neues aufzusetzen und nicht nur Bestehendem beim Sterben zu helfen. Wie gründet man heute Gemeinden und verhindert dabei, dass sie in die uns bisher vertrauten Sozialformen kommen, die ja offensichtlich nur noch wenig Zukunft haben?

Der dritte Teilnehmer am Podium ist unser Seminarsprecher. Er soll diese beiden Perspektiven erden. Wir können träumen und uns ausdenken, was alles wünschenswert und notwendig ist. Aber es muss ja auch kompatibel sein mit der Wirklichkeit der jungen Männer, die heute in ein Priesterseminar kommen. Schließlich sind sie es, die in einigen Jahren Verantwortung und Aufgaben in den Bistümern übernehmen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Priesterausbildung?

Ich wünsche mir Mut bei den Bischöfen als den Verantwortlichen ihrer jeweiligen Priesterausbildung. Mut, Entscheidungen zu treffen, die uns zu größeren Ausbildungsgruppen führen. Ein großes Problem ist, dass es viele Priesterseminare, aber nur wenige Kandidaten gibt. In den meisten Seminaren durchlaufen kleine Gruppen ihre Ausbildung mit Dynamiken, die bei weitem nicht so hilfreich und konstruktiv sind, wie sie bei großen Gruppen wären. Es braucht Mut, die Anzahl der Priesterseminare deutlich zu reduzieren, um zu einer großen, lebendigen Gruppe zu kommen.

Als zweites wünsche ich mir den Mut, damit umzugehen, wenn sich Frauen mit geistlichen Berufungserfahrungen melden, die man in ihrer Schilderung nicht unterscheiden kann von den Berufungsgeschichten männlicher Bewerber. Wir müssen als Kirche anfangen, uns mit den Berufungszeugnissen dieser Frauen ernsthaft auseinanderzusetzen und sie zu prüfen. Gegenwärtig nehme ich noch sehr viel Angst und Zurückhaltung wahr, diese Schilderungen von Frauen als geistliches Zeugnis zu verstehen. Aber vielleicht ist der Heilige Geist in ihnen schon am Werk.

Am 28. April hat die Deutsche Bischofskonferenz eine neue Rahmenordnung für die Priesterausbildung veröffentlicht. Gehen die Neuerungen darin in die Richtung, die Sie sich für die Zukunft der Priesterausbildung wünschen?

Die neue Rahmenordnung ist ein anregendes und hilfreiches Dokument. Es hat sehr viel Zeit und Mühe gekostet. Nur müssen wir im Blick halten: Wenn wir in der gegenwärtigen Ausbildungsform – junge Männer mit akademischem Vollzeitstudium – verbleiben, dann ist nach gegenwärtigem Stand in wenigen Jahren nichts mehr zu ordnen in der Priesterausbildung. In den anderen pastoralen Berufsgruppen übrigens auch nicht mehr. Berufsbegleitende Qualifikationen, nebenberufliche Tätigkeiten, zeitlich befristete Beauftragungen zur Ausübung der Weihevollmachten: In dieser Richtung scheint mir die Zukunft des priesterlichen Dienstes zu liegen. Dazu gibt es bereits erste, bescheidene Experimente.
 

Zur Person:

Axel Bödefeld SJ

Pater Axel Bödefeld SJ ist 2000 in den Jesuitenorden eingetreten. Er hat als Subregens in der Priesterausbildung gearbeitet und ist promovierter Pädagoge. Von 2007 bis 2014 war er als Internatsleiter am Kolleg St. Blasien tätig. Von 2015 bis 2019 war er Direktor der Asociation "Loyola-Gymnasium" in Prizren (Kosovo). Anschließend hat er im Aloisiuskolleg Bonn-Bad Godesberg mitgearbeitet. 2021 wurde er Vize-Superior und Minister der Kommuntiät des Berchmanskollegs in München. Seit Juni 2023 ist P. Bödefeld Leiter des Priesterseminars Sankt Georgen, Frankfurt.

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