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„Erst wenn es allen etwas bringt, ist kluges Handeln wirklich klug“

Ein kluger Schüler weiß nicht nur viel – er weiß auch, was er tut. Gerade heute, wenn künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt, ist Klugheit unverzichtbar, findet P. Hans-Martin Rieder SJ. Als Schulleiter des jesuitischen Kollegs St. Blasien im Schwarzwald weiß er, wie verlockend es für Schülerinnen und Schüler ist, statt Vokabeln zu pauken die KI zu fragen. Doch Klugheit ist mehr als die Fähigkeit, sich viele Vokabeln merken zu können: Klugheit heißt auch Selbstreflexion, verantwortliche Entscheidungen und der Blick auf das Ganze – und sie hat auch immer eine ethische Dimension. Darüber spricht Pater Rieder im Interview.
 

Pater Rieder, was ist ein kluger Schüler?

Das kann man gar nicht so einfach sagen, denn es gibt verschiedene Aspekte des Begriffs „klug“. Ich würde sagen, dass ein kluger Schüler sein Handeln gut einschätzen kann, in den Voraussetzungen ebenso wie in den Auswirkungen, und reflektierte Entscheidungen trifft, die ihn voranbringen.

Das klingt nach einer optimalen Aufwand-Nutzen-Rechnung.

Das ist ein Teil der Klugheit, wobei es natürlich eine Schlagseite gibt: wenn Klugheit in ein rein egoistisches Handeln abdriftet. Ein kluger Schüler kann nämlich das sein, was man im Bairischen einen „Hundling“ nennt. Also einer, der genau weiß, wie er seine Ziele erreicht, und mit Raffinesse und vielleicht auch mit ein paar Tricks vorankommt.

Sie meinen, klug ist der, der andere auszutricksen versteht?

Nicht generell, aber etwas Ambivalenz liegt schon in dem Begriff. Das kennen wir sogar von Jesus: Er nennt das Beispiel des „klugen Verwalters“ (Lk 16,1–8), der Schuldscheine fälscht, um sich bei den Schuldnern beliebt zu machen, nachdem er erfahren hat, dass sein Herr ihn rauswerfen will. Was man als trickreich bis hin zu betrügerisch bezeichnen könnte, nennt Jesus klug. Ich finde das eigentlich ganz lebensnah. Wir wissen nicht, ob der Verwalter eine Familie zu versorgen hatte und nach einem Ausweg suchte, um irgendwie durchzukommen.

Das klingt wertneutral nach einer Art Erfolgstechnik für alles.

Ob diese Art der Klugheit langfristig erfolgreich ist, bezweifle ich, und zudem verursacht sie für andere einen Schaden. Daher ist es wichtig, dass Schüler lernen, ihre Klugheit nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, für das Ganze einzusetzen: die Gruppe, die Klasse, die Schule, die Gesellschaft. Das entspricht dann dem Leitziel von Jesuitenschulen: „Mensch werden für andere“. Hier kommt eine moralische Ebene hinzu, und dann ist Klugheit mehr als nur eine Technik. Erst wenn es allen etwas bringt, ist kluges Handeln wirklich klug und viel mehr als Intelligenz.

Klug ist also nicht dasselbe wie der landläufige Begriff „gescheit“?

Nein. Unter „gescheit“ verstehe ich, dass jemand sich rasch Inhalte einprägen, sie verknüpfen und wieder abrufen kann, neue Vokabeln etwa. Das ist ein Talent, das jemand hat. Doch immer wieder gehen Kinder im Gymnasium unter, weil sie das zwar können, es aber nicht tun und lieber Fußball spielen. Disziplin und Fleiß gehören nämlich auch dazu, man muss sich schon zwei bis drei Stunden am Tag hinsetzen und lernen. Wer dazu nicht in der Lage oder willens ist, ist in diesem Sinn nicht klug, denn er – oder sie – wird absehbar scheitern und hat am Ende, wenn der Erfolg am Gymnasium sein Ziel war, mit dem Fußballspielen eine falsche Entscheidung getroffen. Andersherum ist jemand nicht dumm, wenn er das Talent zu rein theoretischem Lernen nicht hat. Er kann ein geschickter Schreiner sein oder ein empathischer Pfleger. Die Klugheit hat eben auch andere Facetten neben der rein intellektuellen.

Welche?

Beispielsweise die emotionale Klugheit: eigene Gefühle und Gefühle anderer erkennen, reflektieren, verstehen und sich ggf. auch davon distanzieren zu können. Oder die soziale Klugheit, wie man mit anderen Menschen interagiert. Wir haben nach den Corona-Jahren bei unseren Fünftklässlern festgestellt, dass für sie ein großer Teil der Grundschule ausgefallen war. Die Fähigkeit, mit anderen umzugehen, mitunter auch Konflikte zu bewältigen, fehlte bei sehr vielen.

Worauf kommt es an, damit Kinder und Jugendliche ihre Talente erkennen und ihre Klugheit richtig einsetzen?

Notwendig dafür ist eine wohlwollende, gut ausgestattete und vielfältige Lernumgebung. Dabei haben die Lehrerinnen und Lehrer die wichtigste Rolle, aber auch die Räumlichkeiten und Ausstattungen sind entscheidend. Zudem ist ein durchgängiges Schulsystem wichtig, das verhindert, dass man sich durch eine falsche Entscheidung das ganze Leben verbaut. Fehler oder falsche Entscheidungen müssen revidiert werden können. Positiv gesagt: Neue Entwicklungen müssen gefördert werden können. Genau aus diesem Grund haben wir in Sankt Blasien das Aufbaugymnasium nach dem Realschulabschluss. Das sind ganz tolle Klassen mit Schülern, die wissen, was sie können und wollen.

Machen uns erst Fehler, also unkluge Entscheidungen, wirklich klug?

Wenn man aus den Fehlern lernt, dann schon. Deshalb ist es wichtig, dass wir in der Schule geschützte Räume für Fehler schaffen. Kinder müssen Fehler machen können, damit sie lernen, sie zu reflektieren und zu revidieren. Das ist kein Freischein, aber aus der Erfahrung falscher Entscheidungen kann Klugheit fürs eigene Leben, Lebensklugheit entstehen, gerade wenn man tief gefallen ist. Es gilt, diese Erfahrung eben nicht zu verdrängen, sondern an sich heranzulassen und daraus zu lernen. Ignatianisch würden wir sagen: Gott zu suchen genau auch darin, in diesem Scheitern.

Wie wird sich Klugheit in Zeiten von künstlicher Intelligenz verschieben? Weg von den intellektuellen Fähigkeiten und der Disziplin zu lernen, weil das ja künftig die Maschine erledigt?

Das ist die große Wette, die die eingehen, die meinen, aufs Vokabelpauken künftig verzichten zu können. Ich bin mir nicht sicher, ob sie aufgehen wird. Denn es wird weiterhin darauf ankommen, das Wissen zu gebrauchen, richtig anzuwenden, selbst damit zu denken. Wenn ich das abgebe an eine Maschine, dann werde ich dumm, faul und abhängig. Die künstliche Intelligenz wird ein Werkzeug sein, das es zu nutzen gilt, und wer das nicht tut, wird ineffektiv sein. Wer aber nicht mehr einordnen und beurteilen kann, was die Maschine ihm anbietet, weil ihm die Grundlage dafür fehlt, wird manipuliert werden können.

Ab welchem Alter sind Schüler imstande, das richtig einzuschätzen?

Wir erlauben Tablets ganz bewusst ab der 9. Klasse, damit die Schüler dann eine Lernkurve im Umgang mit mehr digitalen Tools machen können und lernen, sowohl Tablets als auch Apps als Werkzeuge zu verwenden. Dabei erleben wir auch, dass es bei nicht wenigen zunächst einen gewissen Einbruch bei den Noten gibt, weil zu viel Ablenkung genutzt wird und das Lernen etwas aus den Blick gerät. Die 9. Klasse ist für diese Fehler genau das richtige Schuljahr: Die Schüler haben bereits gelernt, wie Lernen geht, und es ist noch rechtzeitig genug, diese Fehler zu korrigieren.

Interview: Gerd Henghuber

Zur Person:

Hans-Martin Rieder SJ

Pater Hans-Martin Rieder studierte Finanz- und Wirtschaftsmathematik an der TU München und arbeitete von 2006 bis 2009 im Risiko-Controlling der Bayern LB. Parallel dazu studierte er Philosophie an der Ordenshochschule in München. Im Herbst 2009 folgte der Eintritt ins Noviziat, gefolgt von einem zweijährigen Praktikum am Internat in St. Blasien. Das Theologiestudium absolvierte er von 2013 bis 2016 an der Gregoriana in Rom. Nach der Priesterweihe war er in Göttingen als Kaplan und in der Studentenseelsorge tätig. Nach seinem Tertiat in Portland/Oregon übernahm er im Sommer 2020 die Leitung des Jesuitenkollegs St. Blasien im Schwarzwald.

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