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Geduld

Die Pandemie hält die Welt in Atem. Menschen stoßen an psychische Grenzen. Nerven liegen blank. Existenzängste grassieren. Kinder, Jugendliche und Alte leiden am meisten. Kultur und Begegnungsmöglichkeiten sind abgeschnitten. Eltern sind überlastet, das medizinische Personal und die sozialen Dienste ohnehin. Die Politiker bitten oft um Geduld. Es geht alles nicht so schnell, wie man sich das wünscht oder vorgestellt hat. Geduld ist heutzutage eine Alltagstugend.

Auch die Schriften des Neuen Testaments, besonders die Briefe an die ersten Gemeinden, ermahnen zur Geduld. Geduld war auch für die ersten Christen nötig: Man hatte die Taufe als beglückende Lebenswende erlebt. Man fühlte sich unerhört frei, wie neugeboren und aufgehoben in einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. Man feierte miteinander von gleich zu gleich ein Stück neue Welt. Dieser Anfangsenthusiasmus hielt nur eine Zeitlang, ähnlich wie beim stürmischen Verliebtsein. Alte Mechanismen von Rivalität und Gruppeninteressen tauchten wieder auf. Die Wiederkunft Christi ließ auf sich warten. Ernüchterung und Enttäuschung machten sich breit. Manche Gemeinden brachen auseinander.

Da war Geduld gefragt. Das griechische Wort Geduld (hypomoné) bedeutet wörtlich „Drunter-bleiben“. Darin liegt ein wichtiger Hinweis. Wer sich nur auf den Wogen der Stimmungen bewegt, wird hin und her, auf und nieder geworfen. Der verkriecht sich in Angst, Beklemmung und Trübsinn oder erregt sich in Wut, Protest und Besserwisserei. Wenn starke Gefühlswellen in uns anbranden, dann sollte man es machen, wie ich es als Kind am Meer gelernt habe. Die Welle heranbrausen sehen und unter dem Wellenkamm durchtauchen. Da wird man nicht umgeworfen, sondern ist stärker als die Wellengewalt durch das entschlossene „Drunterbleiben“.

Wir müssen in der sich hinziehenden Pandemie neu lernen, mit unseren Stimmungen umzugehen. Dazu ist als erstes nötig, sie ruhig in den Blick zu nehmen. Schon die Wahrnehmung, die „drunter-bleibt“, kann helfen, nicht von Gefühlswallungen überschwemmt zu werden. Wir dürfen kein willenloser Spielball von Ungeduld und Ärger sein! Die Wellen der Emotion sollten uns weder niederdrücken noch mitreißen. Aus innerem Abstand damit umgehen lernen, heißt: „Drunterbleiben“. Wie lernen wir diese Art von Geduld? Meine Antwort: durch Gebet. Im Beten lasse ich meine aufgewühlten Gefühle hochsteigen und halte mich aus, in Geduld mit mir selbst. Ich biete mich in der Stille Gott dar. Dieses „geistige Opfer“ reinigt und beruhigt die Seele. Eins sollten wir immer wissen: Jeder Tag hat genug eigene Plage. Die Gnade der Herzensruhe mitten im Sturm müssen wir uns jeden Tag neu schenken lassen. Das Gebot der Stunde lautet: täglich in Geduld beten, um auch in der Pandemie erfüllt und glücklich zu leben.

P. Karl Kern SJ

Autor:

Karl Kern SJ

Pater Karl Kern SJ stammt aus Obernburg am Main in Unterfranken. 1968 trat er mit 19 Jahren in den Jesuitenorden ein und wurde 1976 zum Priester geweiht. Er hat als Hochschulseelsorger und Gymnasiallehrer gearbeitet. Ab 1996 hat er in Nürnberg die Cityseelsorge in der "Offenen Kirche St. Klara" aufgebaut. Seit Juni 2010 ist er Kirchenrektor der Jesuitenkirche St. Michael in München. "Als Cityseelsorger will ich nicht bloß die kleiner und älter werdende Herde hüten, sondern neue Milieus an die Kirche heranführen und für die Nachfolge Jesu begeistern."

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