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Genug davon?

Der Papst warb in Kanada um Versöhnung. Doch immer noch sind vermeintlich Sensible beim Thema Missbrauch zu unsensibel – auch hierzulande. P. Andreas Batlogg SJ schreibt darüber in der aktuellen Ausgabe von Christ und Welt. Sein Artikel, der auch in Christ in der Gegenwart erschien, ist hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags ungekürzt wiedergegeben.

Was musste sich „der arme Papst“ auf seiner Reise in Kanada „alles anhören“ ... So entfuhr es einem Mitbruder. Ich halte dagegen: Ja, Franziskus muss sich das anhören. Und der Grund dafür ist, dass (immer noch) so viele Seelsorger meinen, mit dem Thema Missbrauch müsse „endlich Schluss“ sein. Genau deshalb muss sich der Papst auf Betroffene einlassen, muss ihnen zuhören, muss sich beschimpfen und Vorwürfe gefallen lassen, muss er schweigen – und um Vergebung bitten.

All das hat Franziskus in den vergangenen Tagen getan. In beeindruckender und überzeugender Weise – er ist ein Mann der Gesten und trifft meistens den Ton. Nicht nur hat er eingestanden, dass er „voller Kummer“ über das jahrzehntelang in den Residental Schools begangene Leid an Zehntausenden Kindern ist, die sexuell bedrängt, missbraucht und ihrer indigenen Kultur beraubt wurden.

Er sprach auch von „Schmerz, Empörung und Scham“. Und Franziskus bat diesmal auch „um Verzeihung für die Art und Weise, in der leider viele Christen die Kolonisierung unterstützt und die indigenen Völker unterdrückt haben“. Dabei wiederholte er sich sogar: „Ich bitte demütig um Vergebung für das Böse, das von so vielen Christen an den indigenen Völkern begangen wurde.“

Viele Chiefs zollten Franziskus Respekt für sein Verhalten. Schweigend saß er im Rollstuhl vor einem Gräberfeld voller weißer Kreuze, die an tote Kinder erinnern. Es gab allerdings auch Betroffene, die die „Buß-Reise“ für eine Farce halten, denen die Worte und Gesten nicht ausreichen. Jahrzehntelanges Hingehaltenwerden, das Betteln um die Anerkennung für erlittenes Unrecht, ausgebliebene Entschädigungen führen zu dieser Haltung. Ich kann sie verstehen. Sexueller Missbrauch und sexualisierte Gewalt schreiben sich ein in Familiengeschichten. Sie lassen sich nicht wegreden oder wegbeten. Was Heilung heißt, wie Versöhnung gelingen kann – das muss alle beschäftigen, nicht nur den Pontifex maximus.

Und das ist das Problem: Viele Priester meinen nach wie vor, die Aufarbeitung sei Aufgabe von Papst, Bischöfen, Generalvikaren, Personalchefs, Ordensoberen und Experten. An sie ist die Thematik delegiert worden. „Genug!“, „Ich habe genug davon gelesen, gehört, genug gesehen…“ – diese Haltung kann eine Folge dieses direkten oder indirekten Delegierens sein. Wer so (denkt und) redet, tut Betroffenen ein weiteres Mal Unrecht. Sie müssen im Mittelpunkt des Interesses stehen – und bleiben. Bei allen. Nicht nur bei den „von Amts wegen“ damit Befassten. Die von manchen unverhohlen bekundete „Sättigung“ mit einem Thema, das nicht „die Medien“ erfunden haben, darf nicht die Oberhand gewinnen.

Mir gefiel seinerzeit die Aussage eines Provinzials nicht: Wir sind alle Mitglieder einer Tätergemeinschaft. Aber Tatsache ist, dass „solche Sachen“ auch bei Jesuiten vorkamen – nicht nur bei anderen Orden. Natürlich kann man von einem Smalltalk beim Mittagessen, selbst unter Jesuiten, keine großen Einsichten erwarten – auch wenn ich mir manchmal wünschte, es gäbe noch eine Tischlesung, die einen gewissen Erkenntnisgewinn oder mindestens einen gewissen Unterhaltungswert garantiert.

Wer kann allen Ernstes noch glauben, dass Theologie ebenso wie Verkündigung künftig noch „ohne“ das Thema Missbrauch erfolgen können? Es kann und darf keinen Schlussstrich geben. Und selbst der Hinweis, dass in staatlichen Einrichtungen, in Sportvereinen oder Orchestern dasselbe passiert ist, ist ein Schlag ins Gesicht derer, die in kirchlichen Einrichtungen Opfer wurden.

Die Unsensibilität der vermeintlich Sensiblen unter Priestern und Ordensleuten ist eine Schande. Sie bringt mich in Rage. Und sie macht mich gleichzeitig traurig. Nichts gelernt? Ausgerechnet in einer Generation, aus der die meisten Täter stammen, vielleicht ja auch, weil sie selber Opfer eines „Systems“ geworden sind, in dem über Sexualität – und ihre Abwege – nie ernsthaft gesprochen wurde. In dem man alles „mit sich selbst“ ausmachte – mit den bekannten, oft krankhaften oder verbrecherischen Folgen.

Missbrauch, ein „leidiges Thema“, das „wie ein Klotz am Bein“ klebt: Werden wir es nie mehr los? Wer sich das wünscht, verkennt die Realität. Die Flucht in eine akademische oder auch eine pastorale Blase, in der gewiss viel Gutes anzutreffen ist, hilft nicht weiter. Beide Versuchungen entspringen einer Abwehrhaltung. Wirklichkeit wird „verwaltet“, unangenehme Themen in ein Kommunitätsgespräch (ab-)geschoben. Auch wenn der Vergleich hinkt: So wie manche seinerzeit meinten, nach der zwölfjährigen NS-Zeit mehr oder weniger nahtlos an die Vorkriegszeit anschließen zu können, so glauben manche im Klerus und in den Orden immer noch: Es reicht allmählich! Dass unter Verantwortlichen und bei Experten qualifizierte Auseinandersetzung stattfindet, ist gewiss. Professionelles Know-how ist vorhanden. Aber genauso wichtig ist es auch, dass das Thema nicht von der Agenda des konkret gelebten Lebens vor Ort verschwindet oder weiter tabuisiert wird: in Diözesen und Orden. „Priesterliche Lebensform“ meint ja etwas Anderes als ein unverbindliches Single-Leben. Emotionale und sexuelle Reife, seelische Gesundheit und seelisches Gleichgewicht, Transparenz und Wahrhaftigkeit – all das spielt auch mit hinein in den Themenkomplex sexueller Missbrauch und sexualisierte Gewalt.

„Nachdem sich Opfer kirchlicher Pastoral in der Kirche zu Wort gemeldet haben“, so der Jesuit Klaus Mertes, „sind sie nicht einfach wieder weg vom Platz. Die Opferperspektive einzunehmen bedeutet, über Kirche und Glauben unter der Voraussetzung sprechen, dass Opfer kirchlicher Pastoral oder andere existenziell vom jeweiligen Thema Betroffene mithören. Die Heuchelei in der Kirche fängt da an, wo man untereinander über die vermeintlich Abwesenden anders spricht als in ihrer Anwesenheit. Die Opfer kirchlicher Pastoral sind ein Resonanzboden, in dem sich die Kirche selbst reden hört und so ihr Reden prüfen kann.“

Damit ist für mich auf den Punkt gebracht, worum es in Diözesen und Orden nach wie vor gehen muss – neben aller juristischen, psychotherapeutischen oder theologischen Aufarbeitung: Miteinander reden! Aber eben: Anders reden – einfühlender, sensibler, echter, ernsthafter. Auch hier ist, mehr noch als bei anderen Problemfeldern, „Compassion“ gefragt.

Evelyn Finger kommentierte in der Zeit die Papst Ansprachen in Kanada so: „Franziskus verstärkte die Selbstanklage noch, als er den Schoah-Überleben den Elie Wiesel zitierte: ,Das Gegenteil des Lebens ist nicht der Tod, sondern die Gleichgültigkeit.‘ Es ist die Gleichgültigkeit seiner Kirche, die nach Franziskus ein Ende haben muss. Wie ernst er es meint, wird sich auch daran erweisen, welche Hilfe die Kirche den Opfern bei der Bewältigung ihrer Leiden künftig gewährt – nicht nur in Kanada.“

Der Salzburger Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff wiederum griff in seinem Kommentar über die vatikanische Stellungname zum Synodalen Weg in Deutschland in der Furche diesen Punkt auf: „Was wirklich erschüttert, ist die empathiefreie Ignoranz gegenüber dem Anlass des Synodalen Weges: der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals … Wer sich nicht entschlossen an die systematische Aufarbeitung des katholischen Missbrauchskomplexes macht, verletzt die kirchliche Einheit auf eigene Weise: Er zerstört nicht nur kirchliche Glaubwürdigkeitsreserven, sondern verletzt Opfer kirchlichen Missbrauchs weiter.“

Das sollten alle bedenken, die im Synodalen Weg „eine Bedrohung der Einheit der Kirche“ erkennen wollen – das ist eine Chimäre, angstbesetzt und klischeebehaftet, jenseits all dessen, was in den Statuten festgelegt ist, die keinen „deutschen Sonderweg“ anzielen. Hoff weist im Übrigen zu Recht darauf hin, dass die in der „Erklärung des Hl. Stuhls“ geäußerte Sorge das päpstliche Synodalprogramm konterkariert. Päpstliche Kniefälle, Worte oder Gesten sind das Eine. Ein Mentalitätswechsel im Klerus, bis hin zum Smalltalk am Mittagstisch, das Andere. Sexueller Missbrauch eignet sich nicht dafür, gegen anderes Leid ausgespielt zu werden. Und das beginnt bei der Sprache!

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