• Bild von Gerd Altmann auf Pixabay.
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Geschlechts_identität*en

„Nicht mehr wissen, ob Männlein oder Weiblein?“ Diese Redensart wird zur Umschreibung eines Verwirrungs-, Belastungs- oder Erschöpfungszustandes gebraucht. Daraus scheint auf den ersten Blick zu folgen: Normalerweise „wissen“ wir, dass wir Mann oder Frau, Bub oder Mädchen sind, mit derselben Sicherheit, mit der wir wissen, dass wir entweder Penis und Hoden oder eine Vulva haben.

Das hier angesprochene „Wissen“ ist ein differenzierendes Wissen, ein Entdecken des Geschlechtsunterschiedes zwischen mir und dem / der anderen. Sigmund Freud wurde und wird dafür kritisiert, dass er von unserer sexuellen Anatomie als Schicksal sprach. Der klassische Genderdiskurs hingegen hielt zwar das anatomische Geschlecht (sex) für gegeben, die Geschlechtsrolle (gender) jedoch für sozial konstruiert. Inzwischen betrachten viele auch die „objektiven“ Zuschreibungen des anatomischen Geschlechts als Konstruktion und Machtausübung, zum Beispiel wenn die Hebamme und andere Geburtshelfer das Baby untersuchen oder das Standesamt das Geschlecht festlegt.

Diachrones und synchrones Ich-Sein

Zu einer ersten Klärung unterscheiden wir zwei Achsen: eine diachrone (Längsschnitt) und eine synchrone (Querschnitt). Diachron ist die Differenzierung der Geschlechtsidentität als Kern-Geschlechtsidentität, Geschlechtsrollenidentität und Geschlechtspartnerorientierung. Bereits aus der Begrifflichkeit wird deutlich, dass Jahre des „Nichtwissens“ vergehen, bis wir uns einem „Wissen“ um die eigene Geschlechtsidentität annähern, das wir niemals mit völliger Gewissheit erreichen. Vielmehr prägt uns die bereits von Freud angenommene psychische Bisexualität stärker als jegliches diesbezügliches Wissen. C.G. Jung beschrieb in eindrücklicher Weise die Anima als unbewusstes Seelenbild des Mannes, den Animus als unbewusstes Seelenbild der Frau. Verena Kast hat dies mit der Theorie des unbewussten inneren Geschwisterpaars bei beiden Geschlechtern fortgeführt.

Die synchrone Achse lässt uns die Perspektive des Leibes, der ich bin, und die Perspektive des Körpers, den ich habe, unterscheiden. Im eigenleiblichen Spüren „entdecke“ ich mich als männlich, weiblich oder unbestimmt – androgyn. Ich erlebe mich als begehrendes oder begehrtes Wesen. Gegenüber dieser ursprünglichen Leiblichkeit ist die Körperlichkeit sekundär. Sie wird jedoch besonders herausgehoben, wenn ich in der Scham (durch den Blick des Anderen) aus der Unbefangenheit meines Leibseins herausfalle. Diese Krise der Korporifizierung (Zum-Körper-Ge- macht-Werden) des Leibes wird zum Beispiel spürbar in der Abbildung des Leibes, vor allem in der unfreiwilligen Anprangerung in sozialen Medien, in der medizinischen Bildgebung, in der Pornografie.

Ein schmaler Grat

In den Körper-Technologien gibt es zahlreiche Übergänge vom eigenleiblichen Spüren zu Machtdiskursen über den Leib: Body-Building kann in zwanghaften Perfektionismus ausarten, Diät und Gesundheitsbewusstsein in globale Allergie und Anorexie, die Freude an der eigenen Attraktivität in narzisstische Potenzhuberei. Die Suche nach dem eigenen „wahren“ Geschlecht bildet gespenstische Allianzen mit chirurgisch-technischen Produktionen von Geschlechtsidentitäten. Geschlechtsidentität als teils bewusster, teils unbewusster Ausdruck eigenleiblichen Spürens wird überlagert von Gender-Diskursen. Diese Gender- Diskurse sind teilweise emanzipatorisch (etwa, wenn biologistische und essentialistische Geschlechts- Stereotype dekonstruiert werden), oft genug, besonders in popularisierter Form, bilden sie aber auch Herrschaft über den Leib des Anderen ab und die (mediale) Konstruktion „neuer“ Rollenbilder.

Unsicherheiten aus*sprechen

Das „Gendern“ der Sprache oszilliert zwischen dem Offenhalten von Rollenbildern, insbesondere wenn es um den Schutz von Minderheiten geht, und der Machtausübung mit modischen, linguistischen und moralischen Mitteln. In der Schriftsprache ist eine gewisse Unruhe zu verzeichnen. Manche Autoren versuchen, sich mit salvierenden Fußnoten zu Beginn ihres Textes vom Gendern „freizukaufen“, etwa durch den Hinweis, aus Gründen der Einfachheit und Lesbarkeit sei bei Verwendung des männlichen Geschlechts das weibliche „mitgemeint“. Das Binnen-I („StudentInnen“) kommt allmählich aus der Mode, wird dort, wo es geht, durch Verwendung von Partizipien vermieden („Studierende“). Das Gender-Gap durch dynamischen Unterstrich (Student_in) oder Gendersternchen (Student*in) soll nicht nur männliches und weibliches Geschlecht, sondern auch die Diversität berücksichtigen. Beflissene lesen „Student*in“ nicht wie „Studentin“, sondern setzen nach dem Gendersternchen mit einem stimmlosen glottalen Verschlusslaut neu an, so dass das Gendern hörbar wird.

Angesichts sich rasch abwechselnder Gender-Orthografien (oder sollte frau/man eher sagen: Dysgrafien?), mit denen sich jeweils die Duden-Redaktion beschäftigen muss, dürfte klar sein: Die Suche ist noch nicht abgeschlossen. Das „Wissen, ob Männlein oder Weiblein“ (oder ein Drittes), die Befreiung von Fremd-Zuschreibungen, kann nicht ein für alle Mal erreicht werden. Es ist ein Prozess und kann somit auf einer diachronen Achse abgebildet werden. Ein

„Coming-out“ kann die Geschlechtspartnerorientierung (zum Zeitpunkt eben dieses Coming-outs) öffentlich machen. Bei einer Hochzeit feiern zwei ihre gemeinsame Zeit, nicht nur jene des gerade begonnenen Lebensabschnitts, sondern auch die bisherige des Suchens und Findens (der eigenen Identität und des/ der Anderen) sowie die künftige, ungewisse. Gläubige Menschen nehmen diese Zukunft aus Gottes Hand entgegen, ohne das versichernde Wissen, dass die Identitätsfrage definitiv beantwortet sei.

Unsichere Ichs und andere Andere

Für Gläubige und Ungläubige gilt gleichermaßen: Meine Geschlechtlichkeit konfrontiert mich nicht nur mit der Eindeutigkeit eines anatomischen und sozialen Geschlechts, sondern auch mit Uneindeutigkeit. Dies gilt nicht nur für die Minderheiten transsexueller oder intersexueller Menschen. Vielmehr erinnern diese Minderheiten alle an ihre eigenen Uneindeutigkeiten. Für Minderheiten und Mehrheiten gilt: Reife Identität im diachronen Längsschnitt des Lebenszyklus ist gerade nicht identitäre „Selbst“-Vergewisserung, sondern bedeutet das Aushandeln von Eindeutigkeiten und Uneindeutigkeiten, das Aushalten von Nicht-Identität mitten in der Identität. „Die Individuation fällt zusammen mit der Entwicklung des Bewußtseins aus dem ursprünglichen Identitätszustand (…). Die Individuation bedeutet daher eine Erweiterung der Sphäre des Bewußtseins und des bewußten psychologischen Lebens“, schreibt C.G. Jung.

Identität entsteht aus Nichtidentischem

Das widerspricht unseren gängigen, sozial plausibilisierten Konzepten von Identität. Alltagssprachlich gehen wir davon aus, dass Identität sich feststellen lässt – durch Personalausweis mit Foto, durch Fingerabdruck, durch Zahnstatus und DNA-Analyse (sogar noch postmortal). Was da feststellbar ist, so nehmen wir weiter an, ist entweder von Geburt an gegeben oder hat sich entwickelt. Wenn wir eine Schulkameradin auf einem alten Klassenfoto nicht sofort wiedererkennen, dann sagen wir meistens doch nach einiger Zeit: „Aha, das bist du!“. Wir behandeln also Identitätsmerkmale als Kontinuitätsträger durch die Zeit. Auch wenn es physikalisch-chemisch nicht mehr dieselben Atome sind, aus denen sich mein Schulkamerad zusammensetzt, erkennen wir seinen Leib, seinen Organismus, mit seinem Aussehen, seiner Stimme, seinen Erzählungen.

Unsicherheit schafft Identität

Der bereits zitierte C.G. Jung hält Individuation umgekehrt für das Verlassen des ursprünglichen Identitätszustandes und das Zulassen von Uneindeutigkeit. Schon als Kind kam er, auf einem Stein sitzend, ins Zweifeln über seine Identität: „«Ich sitze auf diesem Stein. Ich bin oben und er ist unten.» – Der Stein könnte aber auch sagen: «Ich» und denken: «Ich liege hier, auf diesem Hang, und er sitzt auf mir.» – Dann erhebt sich die Frage: «Bin ich der, der auf dem Stein sitzt, oder bin ich der Stein, auf dem er sitzt?» – Diese Frage verwirrte mich jeweils, und ich erhob mich, zweifelnd an mir selber und darüber grübelnd, wer jetzt was sei“. Die Genderfrage ist eine derartiges In-Zweifel-Ziehen unserer Identität. Ja, es ist verwirrend, „nicht mehr zu wissen, ob Männlein oder Weiblein“ oder etwas Drittes, und es kann belastend sein. Aber die Genderfrage kann einen Prozess auslösen, durch den wir in paradoxer Weise sowohl unserer Identität näherkommen als auch mehr Nicht-Identität zulassen können.

Autor:

Eckhard Frick SJ

Der Jesuit Eckhard Frick SJ ist Professor für Anthropologische Psychologie an der Hochschule für Philosphie und leitet seit 2015 die Forschungsstelle Spiritual Care an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

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