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„Gibt es Dämonen wirklich, Pater Kügler?“

Der moderne Mensch tut sich schwer mit dem Begriff des Teufels. Seine Beschwörung und Austreibung ist in die esoterisch-okkulte Szene gewandert, die Kirchen in Europa scheuen das Thema, während es in anderen Kulturkreisen durchaus gang und gäbe ist. Sind Menschen, die sich von etwas „besessen“ fühlen, wirklich nur ein Fall für die Psychiatrie? P. Hermann Kügler SJ über ein zeitgemäßes Verständnis vom Teufel, wie Religion bei der Behandlung psychischer Krankheiten helfen kann, und ob er auch einen Exorzismus durchführen würde.

Pater Kügler, wenn wir ignatianisch den guten Geistern in uns nachspüren, dann muss es auch böse Geister geben, was versteht man darunter?

In der christlichen Tradition sprechen wir viel von Engeln und Teufeln, das gilt für das ganze Neue Testament. Dass im Alten Testament Dämonen eine geringere Rolle spielen, lässt sich durch den Kampf um den Monotheismus erklären: Neben Jahwe sollte es keinen zweiten Gott geben. Im Neuen Testament dagegen tauchen nicht nur Dämonen und von ihnen Besessene auf, sondern auch der Teufel selbst, etwa wenn er Jesus in der Wüste in Versuchung führt.

Was ist mit dem Teufel gemeint?

Das Böse ist, wenn Gräuel ganz und gar aus freiem Willen geschehen. Es gibt in „Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski die Geschichte einer zitternden Mutter mit ihrem Säugling auf dem Arm, bedroht von ins Haus eingedrungenen Türken, die sich einen Spaß daraus machen, das Kind zu necken, unter anderem durch den Lauf einer Pistole, den sie vor dem Kopf des Kleinen hin- und herbewegen. Das Baby lacht, streckt seine Ärmchen dem blinkenden Metall entgegen, in dem Moment drückt der Türke ab und zerschmettert dem Kind das Gesicht. Das ist das unfassbar Böse, das durch nichts zu rechtfertigende Zerstörerische, zu dem Menschen fähig sind. Zwar haben Aufklärung und Wissenschaft manches, was früher als böse galt, relativiert als natürlichen Teil des Menschseins, die Sexualität etwa. Trotzdem bleibt ein nicht erklärbarer, absolut böser Rest in den Möglichkeiten menschlicher Existenz. Gerade wir Deutsche haben im letzten Jahrhundert für viele Situationen wie die von Dostojewski geschilderte gesorgt.

Wie verhält sich dieses absolut Böse zu Gott?

Für das Denken in vorchristlicher Zeit war das eine Zuständigkeitsfrage: Das Böse war das Werk böser Götter, so wie das Gute das Werk guter Götter. Im monotheistischen Denken Israels tauchte dann das Problem auf: Wenn es einen guten Gott gibt, der alles erschaffen hat, woher kommt dann das Böse? Das Christentum verschärft die Frage: Wenn dieser Gott ein Gott der Liebe ist, wie kann er dann das Böse zulassen? Als Antwort gibt es drei Denkmodelle: Im monistischen Modell gibt es nur eine erste Ursache, aus der alles hervorgeht. Gott trägt danach neben dem Guten auch das Böse in sich. Das dualistische Modell hingegen nimmt neben Gott die Existenz eines zweiten, des bösen Prinzips an, beide stehen in einer Art Wettstreit. Das dritte Modell ist das personale, es sieht den Ursprung des Bösen im Menschen, Böses entsteht aus der menschlichen Freiheit, und Gott lässt es zu.

Welches Modell trifft am ehesten zu?

Keines kann die Realität des Bösen abschließend und schlüssig erklären. Woher kommt das Böse, wenn es nicht vom Teufel kommt und von Gott nicht kommen kann? Ist dann nur der Mensch der Urheber des Bösen? Ist der Mensch allein schuld an den Morden im Gulag, in Auschwitz und in den Kriegsgebieten unserer Tage? Wenn die Theologie vom Teufel spricht, dann hält sie fest, dass das Böse eine furchtbare Realität ist, der der Mensch ausgeliefert sein kann. Dennoch zwingt keine Macht den Menschen, Böses zu tun. Das Böse bleibt unbegreiflich und ein dunkles Geheimnis.

Besessen sein von etwas Bösem ist auch so ein altmodischer Begriff, wie kann man den zeitgemäß deuten?

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt in ihrer Klassifikation der psychischen Störungen auch Besessenheitszustände. Betroffene sind überzeugt, von einem Geist, einer Macht, einer Gottheit oder einer anderen Person beherrscht zu werden. Daneben gibt es auch andere definierte Krankheitsbilder wie Schizophrenie, Panikattacken, Zwangsgedanken, dissoziative Persönlichkeitsstörungen, usw.

Das Böse ist also ein Fall für den Psychiater?

In schweren Fällen sicher, aber ich denke, jeder von uns kennt Dämonen in sich, die uns, obwohl wir das eigentlich nicht wollen, von Gutem abhalten und zu Schlechtem verführen – in welchem Ausmaß auch immer. Denken Sie an Sucht. Besessenheit ist eine reale menschliche Erfahrung, die man mit den Worten Siegmund Freuds beschreiben kann oder mit den Begriffen von Psychologie und Hirnforschung – man kann diese Erfahrungen aber auch personifizieren und vom Teufel sprechen.

Der wäre dann was?

Der Teufel wäre die Struktur, aus der ich mich nicht befreien kann, der ich ausgeliefert bin. Wie der Mann im Neuen Testament, der von einer ganzen Legion Dämonen besessen ist, bevor Jesus sie in eine Schweineherde fahren lässt und die Schweine zusammen mit ihnen in den Abgrund stürzen. Es gibt eine ganz pragmatische Definition von Besessenheit, die sich als sehr hilfreich erwiesen hat: Besessen sind Menschen, die Hilfe suchen, weil sie sich von etwas besessen glauben. Es geht also um eine rein subjektive Wahrnehmung der eigenen Realität. Wenn diese Menschen seelsorgliche Hilfe suchen, sollten sie diese auch erhalten.

Wirklich? Seelsorge statt Psychopharmaka und Psychotherapie?

Nicht anstatt, sondern ergänzend zu allen medizinischen Angeboten. Man soll nach dem Grundsatz des Benedikt von Nursia verfahren: ora et labora. Das heißt, es soll gearbeitet werden mit allen Möglichkeiten, die psychotherapeutisch, psychiatrisch, pharmakologisch zur Verfügung stehen. Zugleich soll die Glaubensdimension der Betroffenen ernst genommen werden, um sie auf angemessene Weise zu begleiten. Das bedeutet, dass ich einem ratsuchenden Menschen vermittle: Ich glaube Dir, dass Du das, was Du schilderst, tatsächlich erlebst. Dann kann ich mit ihm beten, dass am Ende das Gute siegen möge, ihn segnen und andere Rituale vornehmen.

Ist das eine Art Exorzismus?

Zunächst muss ich eine Lanze brechen für den Exorzismus von 1614, denn darüber gibt es viel Unkenntnis und noch mehr Vorurteile. Im Rituale Romanum stehen die Richtlinien für verschiedene liturgische Praktiken wie Taufe, Eheschließung, Krankensalbung usw. und auch für die damals üblichen Exorzismen bei der Feier der Taufe. Das letzte Kapitel beschrieb das Ritual des „großen Exorzismus“ und definierte Kriterien für Besessenheit, die in Filmen gern dramatisch dargestellt werden: Wenn einer eine ihm unbekannte Sprache spricht, wenn er Entferntes oder Verborgenes kundtut oder wenn er eine übernatürliche Kraft aufweist. Ein weiteres Anzeichen ist die ablehnende Haltung gegenüber Gott, Kirche und christlichen Symbolen. Das ist natürlich weit entfernt davon, wie wir heute psychische Zwangskrankheiten feststellen, aber der Exorzismus war der erste Versuch, objektive Kriterien zu finden für ein psychisches Phänomen und methodisch ein großer Fortschritt, denn er hat sich von schwarzer Magie klar abgegrenzt.

Was ist der Unterschied zur Zauberei?

Ein Zauberer will die Gottheit in seinen Dienst zwingen. Der Priester stellt sich in den Dienst der Gottheit. Nur sie kann wirken. So sieht der Exorzismus zum Beispiel keinen Einsatz von magisch wirkenden Kräutern oder Chemikalien vor. Das ist übrigens ein häufiges Missverständnis und Grund für Unzufriedenheit von Betroffenen: Sie erwarten ein Wunder im Sinn von Wegzaubern ihrer Beschwerden. Das gibt es aber nicht. Einmal kam ein Kroate zu mir, der glaubte vom Teufel besessen zu sein in Gestalt einer Eidechse, die ihm, wie er meinte, im Hosenbein hoch krabbelte. Ich betete mit ihm, sagte ihm aber, dass es dafür kein Zauberritual gebe, aber viele gute psychiatrische Angebote. Er war bitter enttäuscht und beschwerte sich beim Bischof über mich.

Kann man die Methode des Exorzismus auch heute noch sinnvoll einsetzen?

Notleidenden Menschen muss man therapeutisch mit allem beistehen, was zur Verfügung steht. Das kann auch Seelsorge sein. Für religiöse Menschen kann es sogar entscheidend sein, Dimensionen ihres Glaubens einzubeziehen. In solchen Fällen kann gegen das erlebte Böse auch beten helfen, ein Ritual oder ein Segen. Das ist in anderen Kulturkreisen vollkommen üblich. In Deutschland ist das in die Esoterikszene gewandert und das finde ich schade. Denn theologisch gehört der Exorzismus in das Sakrament der Krankensalbung, nur dass es nicht um eine Krankheit des Körpers geht. Zu mir kam einmal ein Student aus Afrika, der um eine Teufelsaustreibung bat, weil er sich von einem Dämon besessen glaubte. Ein Priester müsse doch dieselbe Funktion haben wie ein Schamane meinte er. Ich wies ihn auf psychiatrische Unterstützungsangebote hin, dann betete ich mit ihm und segnete ihn mit Weihwasser. Ich denke, dass ich ihm helfen konnte.

Sprechen wir noch über die kleineren, alltäglichen Dämonen, wie sie die meisten kennen dürften. Wie geht man gegen die vor?

Dafür haben wir mit der Unterscheidung der Geister ein hervorragendes Instrumentarium, mit dem wir erkennen können, was uns in unserem Leben vom Guten abhält und zum Bösen verführt. Man kann ja von allem Möglichen besessen sein, von Begierden, von Süchten, von Ängsten, die uns unfrei machen, oder die uns falsche Argumente liefern für falsche Entscheidungen. Jeder hat da seine eigene Prägung. Daher ist es wichtig, dass wir die Dämonen in uns erkennen und den gegenteiligen Weg einschlagen. Das ist nicht immer einfach, denn der Teufel kommt selten mit Hörnern und Schwefelgeruch daher, sondern in Verkleidungen, die oft vertrauenswürdig und vernünftig aussehen. Sie gilt es zu demaskieren in unserem Leben. Wichtig ist aber, dass wir beim Erkennen nicht stehenbleiben. Wir müssen schon dranbleiben und der Erkenntnis immer wieder aufs Neue Konsequenzen folgen lassen. Selbst bei Jesus hielt der Teufel, nachdem er ihn in der Wüste versucht hatte, nur für eine gewisse Zeit ab.

Interview: Gerd Henghuber

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Zur Person:

Hermann Kügler SJ

Pater Hermann Kügler SJ ist 1972 in den Jesuitenorden eingetreten. 1980 wurde er zum Priester geweiht. Er ist ausgebildeter Pastoralpsychologe und Lehrbeauftragter für Themenzentrierte Interaktion (TZI) im Ruth Cohn Institut. Von 1998 bis 2004 hat er die "Katholische Glaubensinformation" in Berlin geleitet und von 2006 bis 2016 die "Orientierung" in Leipzig. Von 2016 bis 2020 war er Leiter der Beratungsstelle "Offene Tür" in Mannheim. Seit Sommer 2020 ist er Seniorendelegat der Provinz, also der Beauftragte des Provinzials für die älteren Mitbrüder.

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